Was braucht Freiheit? Warum vergleichen wir uns? Wo finden wir bodenlosen Bullshit? Ein Rundgang und ein Abschied.
Bande durchtrennen
Die Frage aller Fragen: Wie beeinflusst das, was ich gerade mache, den Rest meines Lebens? Oder, sagen wir’s ein bisschen naheliegender: die nächsten paar Stunden. Ich gehe ja davon aus, dass alles, was ich in dieser Welt anstelle, Folgen hat. Was natürlich auch für die Entscheidung gilt, in diesem oder jenem Moment einmal nichts anzustellen. Gesagtes ungesagt lassen, Gekauftes ungekauft lassen, Ressourcen aller Art dort lassen, wo sie gerade sind.
Und, nein, kein Mensch muss sich deswegen selbst bemitleiden. Bloß, weil sie oder er etwas ungekauft, ungesagt, unverbraucht lässt. Der Versuchung des Habenwollens zu widerstehen, ist, zugegeben, zuerst eine schwierige Übung. Weil wir so und so viele Situationen damit verknüpft haben, uns auf die eine oder andere Weise etwas einzuverleiben oder anzueignen, Platz zu besetzen. Bevor’s wer anderer tut. Es ist wie mit dem Rauchen aufzuhören. So viele Verknüpfungen, so viele Selbstverständlichkeiten, so viele zarte und auch harte Bande, die ich durchtrennen musste. Der Preis? Freiheit. Leichtigkeit. Sensationen der Wahrnehmung.
Traditionen loswerden
Ja, das ist schon was. Das ist Erkenntnis, das ist Lernen, das ist Entwicklung. Das ist das Leben. Als einer, der erziehungsbedingt gelernt hat, am Gewohnten so lange wie möglich festzuhalten, sind da für mich einige Runden an Fleißaufgabe zu drehen. An hartnäckigem Hinterfragen des bis dahin Unhinterfragten. Welche Gewohnheiten bereichern mein Leben, mein Umfeld, meine und damit unsere Welt? Welche Dinge, Menschen, Traditionen lasse ich besser los, um mit der Zeit und Energie, die ich in meinem Leben habe, suffizienter umzugehen?
Der Vergleich macht dich unsicher

Hier geht’s ja, um das in aller Deutlichkeit nochmals zu betonen, nicht um spartanischen Verzicht, schon gar nicht um den Verzicht auf etwas, das das Leben bunt und aufregend macht. Worum es schon geht, das ist, mich selbst immer mehr zum Gradmesser dessen zu machen, was nötig ist, um mich in meiner Haut wohlzufühlen. Mehr Introspektion, weniger Vergleich, das meine ich damit. Das mit dem Vergleichen: Das ist ja eine Nummer, aus der ich immer noch nicht richtig draußen bin. Weil: Jetzt ist es so, dass ich über das letzte Vierteljahrhundert hauptsächlich im Bereich Erwachsenenbildung gearbeitet habe, einer Branche, in der es mehr Karmapunkte gibt als Geld. Von der überschaubaren Gage zahle ich eine kleine Wohnung, einen alten VW-Bus, Konzertkarten, und was das Leben noch so fordert. Das geht sich aus, wenn man nicht auf Materialschlachten, Protz und Luxusressorts steht (tu ich nicht). Wenn ich jetzt aber Besuch bekomme von ausgesprochen wohlhabenden Menschen, stelle ich mir reflexartig die Frage, ob die nicht völlig entsetzt sind von kleiner Wohnung, altem Auto und sonstiger Suffizienz. Weil sie sich’s nicht vorstellen können. Dass das reichen soll. Was soll ich sagen? Das Entsetzen war noch nie der Fall, die – vergleichende – Frage kann ich mir also genausogut sparen.
Habe ich es notwendig, meine Zeit mit Dingen und Erlebnissen zu befüllen, nur um später anderen davon erzählen zu können? Worin liegt der Nutzen? Die Jagd nach dem ultimativen Insta-Fotospot. Für wen? Ist das Statement Ich war da schon die Antwort auf die Frage: Wozu? Oder qualifiziert mich das Bild vom Abgrund nur als Fixstarter für den nächsten Darwin Award?
Wenn du einen Vorgeschmack auf die Unendlichkeit möchtest, dividiere 1:0. Wenn du einen Blick in den Abgrund unendlicher Zeitverschwendung, Niedertracht und Dummheit werfen willst, dann scrolle die Timeline entlang, immer weiter, ad infinitum. Bottomless Bullshit.
Was habe ich nötig?
Bevor du ein Buch liest, einen Film, ein Theaterstück siehst, die dir außer Mühen nur Kopfschmerzen bereiten, aber dabei die Belohnung, vor anderen damit angeben oder bestehen zu können, versprechen; Bevor du auf die eine oder andere Weise einer Heilserwartung Glauben schenkst, einer Erwartung, die eine elende Gegenwart mit einer glorreichen Zukunft aufwiegt, dann stell dir die Frage: Wie wahrscheinlich ist es, dass das Versprechen eingelöst wird? Wer ist für diese Einlösung verantwortlich? Stimmt die Bilanz? Oder ist es sinnvoller, sich hier und jetzt Dingen zuzuwenden, die dir leichter von der Hand gehen und einen Nutzen versprechen, der nicht von anderen Menschen abhängt?
Klar, wir sind soziale Wesen. Wir richten uns an der Beurteilung durch andere aus und sind ständig damit beschäftigt, uns mit der Umwelt zu vergleichen. Je öfter wir aber innehalten und uns die Frage stellen: Was habe ich nötig?, desto öfter erhalten wir die Antwort: Nichts. Jedenfalls nicht mehr als das, was eh schon da ist. Diese Frage zu stellen, gelingt uns allen. Sobald wir sie gelernt haben. Wie schon so vieles. Wie noch so vieles. Für ein Leben in Leichtigkeit und Suffizienz.
Baba!
Dieser Blogpost ist mein vorläufig letzter Eintrag im Suffizienzblog. Vor mehr oder weniger genau einem Jahr ist der erste erschienen. Jetzt werde ich bei Gelegenheit einen Blick auf 52 sehr subjektive Zugänge und Gedanken zum Thema Suffizienz werfen. Werde beschließen, weiterzumachen, oder es hier stehen zu lassen. Bei denjenigen, die bisher jede Woche mitgelesen habe, bedanke ich mich herzlich für eure Zeit. Wenn das eine oder andere dabeigewesen ist, Steine des Anstoßes, Ideen für ein suffizientes Leben, dann freue ich mich für und mit euch.
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