Was erschöpft die Welt? Warum wächst, wo wir hinsteigen, kein Gras mehr? Wohin kämen wir, wenn das alle täten? Von Hunden am Boden der Kiste und Ölkonzernen in grüner Verkleidung.
Auf den Hund gekommen
Der Tag, an dem ich diesen Eintrag in meiner Blogübersicht anlegte, war der 2. April 2026. Ein regnerischer Gründonnerstag. Soweit passend zur Jahreszeit. Was nicht passt, das ist, dass dieser Tag heuer Austrian Overshoot Day war, der Tag, an dem dieses Land seine regenerierbaren Ressourcen erschöpft hat. Die übrigen neun Monate des Jahres zehren wir von Ressourcen, auf die wir bei suffizienter Lebensweise kein Anrecht haben.
Klingt hart.
Ist hart.

Der Overshoot Day, eingedeutscht und noch ein bissel dramatischer klingend: Welterschöpfungstag, ist, weltweit gerechnet, heuer am 30. Juli. Was nicht sonderlich aussagekräftig ist. Weil es einzelne Länder und deren Regierungen, multinational agierende Unternehmen und nicht zuletzt wir alle über unser Konsumverhalten in der Hand haben, möglichst nicht mehr zu verbrauchen, als da ist. Logisch. Sollte man annehmen.
Im Mittelalter pflegte man auf den inneren Boden seiner Geldschatulle einen Hund zu pinseln. War das Geld aus, war man auf den Hund gekommen und konnte nichts mehr konsumieren. Wann die Länder dieser Welt auf den Hund kommen, hängt von deren jeweiligem Hunger nach Ressourcen ab. Wobei, Hunger… Sagen wir Gier, das trifft’s besser.
Das jeweilige Datum liefert die gemeinnützige Organisation Global Footprint Network, die seit 2003 überschießenden Ressourcenverbrauch und ökologische Fußabdrücke berechnet. Anders als bei der Geldschatulle der alten Rittersleut bleiben wir in unserer westlich-kapitalistischen Wirtschaftsweise eben nicht stehen, wenn uns der Hund dräuend anblickt. Wir verhalten uns wie einer, der sein Haus ständig auf dreißig Grad heizen will. Als ihm das Brennholz ausgeht, reißt er den Boden heraus und hackt alle Möbel zu Kleinholz, um damit den Ofen zu füttern. Dass das eher nicht gut ausgeht, ist uns allen klar, und wir verstehen nicht, warum sich der Kerl nicht mit zwanzig Grad zufrieden gibt. Schließlich ist er in der Lage, auszurechnen, dass er in absehbarer Zeit in einer leeren, kalten Wohnung sitzen wird.
Hilf, heiliger St. Florian!
Gesamtgesellschaftlich, ökologisch und volkswirtschaftlich ist die Rechnung dieselbe. Bloß mit dem Unterschied, dass die absehbaren Zeiträume länger sind, und dass auch hier schon wieder einmal das Florianiprinzip gilt. Wenn ein afrikanisches Land, von dem wir gerade einmal wissen, dass es existiert, seine, sagen wir, Coltanminen mit Kinderarbeit und Terrorismus bis aufs letzte Bröselchen ausbeutet, dann sind uns Menschenleid und unwiderrufliche Zerstörung von Natur und Kultur am Arsch vorbei. Weil es weit weg ist, und außerdem wollen wir ein neues Handy. Dass dort nach erfolgter Ausbeutung keiner mehr leben kann und folglich wohin gehen muss, wo er schon leben kann, also zum Beispiel zu uns, ist an sich logisch. Politisch sieht die Sache schon ganz anders aus. Da gewinnt St. Florian beziehungsweise sein Prinzip der Problem-Auslagerung Wahlen. Verstehe das, wer wolle.
Zeit heilt alle Dummheit
Die Sache, die uns das Verstehen des Umgangs mit unseren Ressourcen so schwierig macht, das ist eben die Zeit. Niemand hat sie je so recht begriffen. Was ebenso faszinierend wie eine potenziell erstklassige Ausrede ist. Der Prozess nachwachsender Ressourcen wie Holz, Trinkwasser, und ja, auch Erdöl und Gas, umfasst Zeiträume, die zwar berechenbar sind. Aber, und es ist ein großes Aber: Es nutzt uns nix. Ob du jetzt zwanzig, fünfzig oder achtzig Jahre alt bist, macht keinen Unterschied. Die durchschnittlich fünfzig Millionen Jahre, bis wieder frisches Erdöl da ist, wirst du nicht erleben, sorry! Es ist sogar fraglich, ob du in deiner Lebensspanne heute gerodete Wälder wieder in ihrer ursprünglichen Pracht und Vielfalt erleben wirst. Verlass dich lieber nicht drauf.
Sei lieber ein Teil der Lösung. Hilf mit, dass wir es schaffen, jedes Jahr den internationalen Welterschöpfungstag um lediglich fünf Tage nach hinten zu verschieben. Würde uns das gelingen, hätten wir um die Mitte dieses Jahrhunderts eine ausgewogene Bilanz des Nehmens und Nachwachsens.
Der ökologische Fußabdruck

Eine Möglichkeit, dir ein Bild deiner persönlichen Bilanz zu machen, ist der ökologische Fußabdruck, der dir zeigt, wieviel Welten du bräuchtest, um deinen Lebensstil über längere Zeit verantwortlich aufrecht erhalten zu können. Triggerwarnung! (Ich finde Triggerwarnungen hochdämlich, aber mir war grad danach): Der ökologische Fußabdruck – im Original carbon foodprint – wurde 2004 vom britischen Ölkonzern BP gekapert, um die Umweltverantwortung des Unternehmens elegant an uns alle zu delegieren. Mit der Kampagne „What’s your carbon foodprint?“ und der Propagierung eines persönlichen Fußabdruck-Rechners suggerierte der Konzern, dass der suffiziente Umgang mit Ressourcen in erster Linie in der Hand von uns Konsument*innen läge. Unterm Strich ging es um einen frühen Fall von Verantwortungsumkehr, Greenwashing und Imagepolitur.
Der ökologische Fußabdruck kann nichts dafür. Er wurde von den Gründern von Global Footprint Network entwickelt und steht heute noch zur Verfügung. Probier’s aus und sieh dir an, ob dein Verbrauch zu den Ressourcen passt. Wo nimmst du weniger heraus, als da ist, und wo räumst du die Erde auf Kosten deiner Nachkommen aus?
Wenn du das liest, bist du wahrscheinlich der westlichen Wirtschafts- und Konsumgemeinschaft zugehörig und kannst davon ausgehen, dass andere Menschen auf dieser Welt dafür sorgen, dass du dir rausnimmst, was ihnen schon heute nicht zur Verfügung steht. Denk doch daran, wenn du das nächste Mal zugreifst an dieser Welt.
Hier geht’s zu Infos zu Stefan Peters


