Wie viel Gehalt ist genug? Was ist fair, was ist zu wenig? Wo überschreitet meine Gage die Kompetenzgrenze? Ein Balanceakt.
Verteilungskonflikte
In einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung heißt es: Arbeit gegen Geld. Wir erbringen Leistungen und bekommen dafür eine Art statische Energie, die wir später in Dinge umwandeln können, die wir brauchen oder einfach nur wollen. Wie viel Arbeit wir gegen wie viel Geld tauschen, ist hart umkämpfte Verhandlungssache, ein typischer Fall von Verteilungskonflikt um begrenzte Ressourcen. Wenn es also heißt, Gehaltsverhandlung, dann sind sich die üblichen Ratgeber einig: So viel wie möglich herauszuschlagen, so ist’s richtig. Ist das so?
Siebzehn Ferraris im Bau

Zu Ende gedacht, landen wir in einer Fat Cat-Hybris, dem Vollbild von Geldsucht. Wenn wir Geldsucht, also den Drang, über reine Notwendigkeit hinaus Geldmittel anzuhäufen, als pathologisches Erscheinungsbild begreifen, dann ist die Zeitschrift Forbes der Pschyrembel der Geldsucht. Der Pschyrembel, dieses klassische medizinische Lexikon, ist gespickt mit Illustrationen, gegen die die Schockbilder auf den Zigarettenpackerln niedlich wirken. Die Schockbilder in Forbes hingegen illustrieren ein grund- und sinnloses Zuviel weit abseits aller Verhältnismäßigkeit. Wenn ein Mann den siebzehnten Ferrari in den Bau schleppt, eine Frau sich mit Steinen im Wert von fünf Durchschnittsjahresgehältern behängt, ein Demokratiebankrotteur den Präsidentensitz um einen ebenso megalomanischen wie geschmackfreien Ballsaal erweitern lässt; dann ist jede Verhältnismäßigkeit beim Teufel. Arme, geldsüchtige Menschen!
Für sie, für Trump, Putin, Netanjahu, Erdogan und andere alte Totalitarismusversteher möge an dieser Stelle gelten: grab them by the money! Dort sitzt der Stöpsel fest, der die riesige Egoblase gegen die Realität abdichtet. Zieht man ihn raus, dann schrumpfen sie alle schlagartig auf Lebensgröße.
Das letzte Tabu
Und wir? Wie weit gehen wir, wenn der Augenblick gekommen ist, über Geld zu sprechen? Gehalt, das ist hierzulande eines der letzten großen Tabus. Über Sex, Drugs & Rock’n’Roll zu plaudern, das sind wir gewohnt, quasi gesellschaftsfähig noch auf dem glattesten Parkett. Aber Gehalt? Da hört der Spaß auf und die Offenherzigkeit, Omertá nix dagegen. Es gibt Dienstverträge, in denen ein Passus steht, demzufolge über die Höhe des Entgelts Stillschweigen zu bewahren ist. Im Prinzip ein verzichtbarer Paragraph, arbeitsrechtlich belanglos, aber doch eine Rute im Fenster. Das Kalkül dahinter ist relativ simpel: Wenn ich nicht weiß, wieviel meine Teamkolleg*innen verdienen, werde ich nicht so schnell um eine Gehaltserhöhung verhandeln, als wenn ich erfahre, dass ich denselben Job für weniger Geld mache. So erklärt sich nebstbei ein guter Teil des Gender Pay Gap, des in Österreich immer noch eklatanten Gehaltsunterschiedes zwischen Frauen und Männern. Ist das fair? Nein, ist es nicht.
Unverdienter Verdienst
Was also ist fair? Es gibt Mindestsummen, die dir für eine angestellte Tätigkeit bezahlt werden müssen. Wie viel genau das ist und wie viele Jahre an Vordienstleistung dir angerechnet werden müssen, das steht in deinem jeweils zutreffenden Kollektivvertrag. Dann gibt es noch äußere Faktoren, die durch Marktgesetze wie Angebot, Nachfrage und die Tiefe deiner Expertise bestimmt werden. Soll heißen, je unentbehrlicher für ein Unternehmen gerade deine Leistung ist, desto mehr Geld kannst du dafür verlangen.
Was bisweilen bizarre Formen annimmt. Vor sehr vielen Jahren war ich mit einer professionellen Videokamera bei einem Ereignis dabei, wo eine in Österreich entwickelte Lokomotive feierlich dem chinesischen Käufer übergeben wurde, ein Hochamt von Politik- und Wirtschaftsgrößen. Dort kam einer von einer Werbeagentur auf mich zu und bot mir eine sehr hohe vierstellige Summe für ein paar Clips aus meinen Aufnahmen. Ich nahm das Geld. Und hatte weder zuvor noch danach in meinem Leben so sehr das Gefühl, eine Gage nicht einmal annähernd verdient zu haben. Verdient im Sinne fairen Ausgleichs.
Was brauche ich?
Dieses Gefühl für faire Bezahlung deiner beruflichen Leistung, das ist letzten Endes die Summe innerer Faktoren. (Okay, wir könnten hier lange über den Sinn von – oft eh entfremdeter – Erwerbsarbeit nachdenken und endlich das Bedingungslose Grundeinkommen einführen, aber das ist eine andere Geschichte.) Immerhin sind wir als Menschen eine Spezies, die gern stolz auf erfolgreiches Schaffen ist, Leistungen präsentiert und dafür Anerkennung will. Anerkennung in Form von Worten, Gesten – und Geld. Und letzteres soll eben eine Summe sein, die passt. Die uns ein Stück weit motiviert, es wieder zu tun. Die für uns eine Balance herstellt zwischen Geben und Nehmen.
Hast du dich schon einmal hingesetzt und abgewogen?
Denk mal nach: Wie viel Geld brauchst du jeden Monat für Wohnen, Nahrung und die anderen wirklich notwendigen Dinge des Lebens? Dazu gehören wahrscheinlich auch Kleidung, Fortbewegung, Kommunikation. Ob du Ausgaben für Kultur und Soziales auch da hineinnimmst oder nicht, das ist schon eine Frage der Definition von Notwendigkeit, also dem, was es braucht, um Not abzuwenden. Hobby, Urlaub, und eine Reserve für Geräte, die den Geist aufgeben, sind da schon eins drauf. Hast du eine Summe im Kopf? Verdienst du diese Summe? Damit meine ich: Hast du das Gefühl, dass deine Arbeitsleistung mit dieser Summe fair entgolten wird?
In der damaligen DDR gab es einen Spruch, der lautete so: Der Staat tut so, als würde er uns bezahlen. Dafür tun wir so, als würden wir arbeiten.
Wie steht’s bei dir? Gehen wir doch einmal ein sehr weites Stück weiter. Ab welcher Summe, würdest du sagen, überschreitet dein Gehalt deine Kompetenzgrenze? Wo beginnt die Zone, wo du dich fragst, wofür genau du all das viele Geld bekommst? Wo du das Gefühl hättest, eine Blenderin, ein Imposter zu sein. Oder bist du davon überzeugt, dass es niemals zu viel sein kann, immer nur zu wenig?
Fairness zählt
Immer dann, wenn ich um Gehalt verhandle, verhandle ich um Herstellung von Fairness. Eine bestimmte Summe, Sachleistungen, die mich interessieren, Freiheit in meinem beruflichen Schaffen, Freude, die ich anderswo nicht hätte. Für einen größeren Anteil an Home Office und Vorgesetzte, die mich weitgehend unkontrolliert arbeiten lassen, bin ich bereit, es günstiger zu geben. Wenn ich das Gefühl habe, für elende Arbeitsverhältnisse mit einem Haufen Schmerzensgeld abgespeist zu werden, geht das nicht lange gut mit uns.
Ich werde, das lässt sich errechnen, innerhalb der kommenden drei bis fünf Jahre einiges an laufenden Kosten für mein Leben reduzieren können. Wann genau und wieviel genau, das werde ich schon sehen. Wie dem auch sei: Weil mir nichts so wertvoll ist wie Lebenszeit, die ich in freier Disposition verbringen kann, werde ich wohl meine Arbeit ein wenig zurücknehmen und mit ein bisschen weniger Geld immer noch sehr gut auskommen. Auch das halte ich für fair.
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