Hoch hinaus – Zur Suffizienz der Karriere

Wie viel Karriere braucht dein Ego? Gibt es Macht und Freiheit zugleich? Von Ellbogen und Selbstlenkungen.

Wärst net aufigstiegn, wärst net abigfalln (Hofrat Nepallek in Karl Kraus: Die letzten Tage der Menscheit)

Vom High-Potential zum Weißen Elefanten

Wir leben in einem Erwerbsarbeitssystem, in dem kontinuierliche Karriereentwicklung und das Primat der Seniorität quasi als Naturgesetze gelten. Ebensowenig hinterfragt wie Schwerkraft und Thermodynamik, gilt das Prinzip des Immer-Mehr, Immer-Weiter. Mit Vierzig noch keine Führungserfahrung im Lebenslauf stehen zu haben – völlig suspekt.
Wer sich nicht vom ersten Arbeitstag weg um den nächsten Schritt auf der Karriereleiter bemüht, gerät rasch in den Ruch des Minderleistens, des ambitionslosen Dahintreibens. Die normale Entwicklung von High-Potential über Leistungsträger*in bis Weißer Elefant zu verweigern, das heißt, zu versagen. Nicht zu genügen. Es schon zu wollen und trotzdem nicht befördert zu werden, das gilt Vielen als eine der schlimmsten Kränkungen überhaupt, die das Berufsleben im Köcher hat. Schwieriges Thema, sehr emotional besetzt.

Spuren hinterlassen

Ein verschnörkelter goldener Schlüssel an einem Haken
Der goldene Schlüssel zur Direktionstoilette (Symbolbild)

Wir sind gewohnt, Erfolg nach quantifizierbaren Kriterien zu beurteilen. Wenn es um Karriere geht, dann kann das Verantwortung über so und so viel Personal und Budget sein, und natürlich ein deutlich sechsstelliges Jahresbrutto. Alles bewährte Köder für Karriereambitionen. Und dann wäre noch der goldene Schlüssel für die Direktionstoilette, Insignum der Macht in der Filmkomödie „Sirene in Blond“ von 1957.
Wenn aber irgendwann Geld und Macht als Lockmittel ausgereizt sind, bleibt bloß noch eins: das Streben nach Unsterblichkeit. Oder, weil’s das halt doch noch nicht spielt, dann wenigstens der Ruhm über den Tod hinaus. Sich selbst ein Denkmal setzen, die eigene Bedeutung verlängern. Dieser Impuls, Spuren zu hinterlassen, ist ja jetzt kein Primat der Menschheit. Kann man gut beobachten, wenn man mit dem Hund Gassi geht. Ich gebe an dieser Stelle zu, einige Male an dieses bleibende Werk gedacht zu haben, als ich an meinen Büchern schrieb. Hübscher Gedanke, wahrscheinlich schwer überschätzt. Es gibt so viele Bücher, einige davon hervorragend, die meisten aber vom Mahlstrom der Zeitläufte verschlungen. Sei’s drum.

Inkompetenz und Soziopathie

Zurück zur Karriere, eigentlich zu deren Suffizienz. Welchen Nutzen bringt es mit sich, in einer hierarchisch gegliederten Struktur die Ochsentour zu machen? Sich ohne Not Widerständen aller Arten zu stellen. Für ein paar Hunderter mehr in permanenten Wettbewerb zu treten, zu all den anderen, die genau diese Führungsposition für sich reklamieren oder, wenn sie sie nicht kriegen, wenigstens ganz genau wüssten, wie’s besser geht. Das ist ein bissl wie Fußball, Ländermatch. Neuneinhalb Millionen Teamchefitäten an den Empfangsgeräten. Und wir alle hätten’s drauf, alle bis auf die Pfeife am Spielfeldrand. Die nun aber das Spiel dirigiert.
Es ist übrigens nicht wahnsinnig wahrscheinlich, dass ein System karrieristischer Aufstiegsmöglichkeiten die Kompetentesten und diejenigen mit den ausgeprägtesten sozialen Fähigkeiten nach oben spült. Dem steht einerseits das Peter-Prinzip im Wege, eine These, die davon ausgeht, dass ein Mensch so lange Karriere macht, bis er sein eigenes Inkompetenzniveau erreicht. Das ist eine Position, in der diese Person nicht mehr erfolgreich handeln kann und deshalb auch keine weiteren Schritte auf der Leiter schafft. Andererseits braucht es, um Konkurrenz auf dem Weg nach oben zu überholen, vor allem Eins: Ellbogen. Ach ja, und die Bereitschaft, notfalls über Leichen zu gehen. Dann sitzt so ein Mensch in einer Führungsposition, bar einer Grundfähigkeit des Führens: Empathie. Nirgendwo auf dieser Welt ist die Soziopathendichte so hoch wie auf Managementkongressen, einmal abgesehen von militärischen Kommandozentralen. Der Anteil von soziopathischen Führungskräften im Vergleich zur Gesamtbevölkerung ist etwa 4:1.

Woher der süße Geschmack der Macht? Okay, ich weiß schon, Macht kommt von machbar. Oder umgekehrt. Je mehr Karriere, desto weiter reicht meine Handlungs- und Gestaltungsfreiheit, ein mögliches Kalkül. Und Freiheit, das ist schick. Das ist wie in der Werbung, auf dem Deck eines Segelboots, der Blick zum Horizont, im Hintergrund pflügen niedliche Delfine durch die Wellen. Cut. Delfine sind Gfraster, und die Freiheit steht eher nicht im All-In-Dienstvertrag.

Entscheidung und Entwicklung

Bleibt die sehr grundsätzliche Frage: Wer soll dich in deinem Arbeitsumfeld lenken? Wie viel Selbststeuerung brauchst du, wer soll dir Entscheidungen abnehmen, dir den Rücken freihalten? Weißt du das so genau? Wenn du an deinen Job denkst: Wer sieht dir wobei auf die Finger? Wie viele Entscheidungen triffst du an einem durchschnittlichen Arbeitstag? Vielleicht hast du ja Lust, einmal eine Stricherlliste zu führen. Eigene Entscheidungen versus diejenigen, die deine Führungskraft für deine Arbeit trifft. Passt das Verhältnis? Brauchst du mehr Selbstständigkeit in deinem Tun? Weniger? Immerhin ist diese Selbstständigkeit eine der drei tragenden Säulen deiner beruflichen Motivation. Die zweite ist übrigens Wertschätzung, die dritte Entwicklung.

Zu dieser Entwicklung: Muss es eine Karrierestufe höher sein? Oder bringt es dir mindestens ebensoviel Freiheit, persönliche Zufriedenheit und, ja doch, Macht, dich in deiner Position kompetenter einzurichten? Weiß deine Führungskraft, wie viel Machbarkeit du brauchst, wie viel Selbststeuerung? Wo genau ist deine Zufriedenheitszone, die kein Mehr, kein Weiter benötigt? In der du deinen Glauben an ein immerwährendes Wachstum ablegen kannst. Diese feine Balance, diese Frage nach der Suffizienz der Karriere kann dir jedenfalls ein schönes Stück Entspannung im Job bescheren.

Hier geht’s zu Infos zu Stefan Peters

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