Achtsamkeit und Suffizienz

Hat Achtsamkeit was mit Suffizienz zu tun? Oder spielen wir hier eine Runde Bullshit Bingo? Der Versuch einer Rehabilitierung

Esoschrott oder was?

Okay, Achtsamkeit hat jetzt so ein komisches Image, so … langweilig, korrekt, gutmenschlich besetzt. Leise Menschen, die zurückhaltend, dabei gekonnt vorwurfsvoll dreinschauend durchs Leben schleichen und alles Laute, Schnelle, Aufregende für irgendwie des Teufels branden. Achtsamkeit, ein ausgelutschtes Versatzstück aus der Therapieszene? Mag schon sein. Allerdings liegt das nicht an der Achtsamkeit, sondern an denen, die sie als Universaletikette missbrauchen, als generische Zutat für jeden noch so hanebüchenen Selbstfindungs-Esoschrott. Die Achtsamkeit selbst, die ist da weniger Täterin als Opfer. Kann nix dafür. Will nur spielen, aber hallo!

Ich und Ich und Ich

Was bleibt, wenn wir das Ausgelutschte beiseite schieben? Die Achtsamkeit purissimo vor den Vorhang holen. In seinem Transaktionsanalyse-Modell spricht der amerikanische Psychologe Eric Berne von verschiedenen Ich-Positionen, von denen aus wir mit anderen kommunizieren und also die Welt für uns einordnen. Neben dem Eltern- und dem Erwachsenen-Ich können wir das aus der Kind-Ich-Perspektive tun. Diese Position, empfänglich für den Glauben an Irreales und dabei leicht unter Druck zu setzen, besitzt darüberhinaus eine besondere Fähigkeit: Sie bewertet nicht. Damit ist sie die einzige Ich-Position, die die Welt frei von Vorurteilen und schubladisierenden Bewertungen wahrnimmt. Wenn wir aus dieser Perspektive heraus Eindrücke aufnehmen und kommunizieren, machen wir das unbelastet von Einordnungen wie gut/böse, brauchbar/wertlos, freundlich/feindlich, topic/off-topic. Der Zensor in unserem Kopf, dieser mürrische alte Mann im grauen Mantel, der mit einer scharfen Schere jede Idee auf das Maß des Ghörtsich zusammenstutzt, der hat im Denken aus dieser Perspektive einfach keinen Auftrag.

Sinne auf Empfang schalten

Achtsamkeit. Das ist die Suffizienz der Sinnenfreude. Klingt widersprüchlich? Ist es nicht. Achtsamkeit, das meint Wahrnehmen minus Bewertung. Das ist das Herunterfahren aller ordnender Erfahrung, das Freilegen der Sinne von der Patina der Konvention. Mach ein Experiment. Geh in eine naturnahe Umgebung. Das kann ein Wald sein, eine Hochgebirgsalm oder ein Stadtpark. Such dir eine möglichst ruhige Gegend. Und jetzt geh so langsam, wie es dir möglich ist, und schalte all deine Sinne auf maximalen Empfang. Sieh dir an, was zu sehen ist, Bäume, Äste, Steine am Weg, ein Eichhörnchen. Hör dir an, wie deine Schritte klingen, das Rauschen des Windes, ferner Verkehrslärm. Spür beim Gehen deine Kleidung am Körper oder einen Lufthauch auf der nackten Haut. Riecht es hier nach Erde, nach Wiesenkräutern, nach einem eiskalten Gebirgsbach? Nimm all das wahr, ohne auch nur irgendwas davon zu bewerten. Jeder Eindruck zählt gleich viel, quasi sensorische Anarchie. Wenn dir Alltagssorgen, der nächste Termin oder ein Zeitungsartikel über bedrohte Wälder in den Kopf kommen, schieb diese Gedanken beiseite, indem du dich gezielt in die Wahrnehmung versenkst.

Sensorische Anarchie

Achtsamkeit. Das ist die Suffizienz der Sinnenfreude. Klingt widersprüchlich? Ist es nicht. Achtsamkeit, das meint Wahrnehmen minus Bewertung. Das ist das Herunterfahren aller ordnender Erfahrung, das Freilegen der Sinne von der Patina der Konvention. Mach ein Experiment. Geh in eine naturnahe Umgebung. Das kann ein Wald sein, eine Hochgebirgsalm oder ein Stadtpark. Such dir eine möglichst ruhige Gegend. Und jetzt geh so langsam, wie es dir möglich ist, und schalte all deine Sinne auf maximalen Empfang. Sieh dir an, was zu sehen ist, Bäume, Äste, Steine am Weg, ein Eichhörnchen. Hör dir an, wie deine Schritte klingen, das Rauschen des Windes, ferner Verkehrslärm. Spür beim Gehen deine Kleidung am Körper oder einen Lufthauch auf der nackten Haut. Riecht es hier nach Erde, nach Wiesenkräutern, nach einem eiskalten Gebirgsbach?
Nimm all das wahr, ohne auch nur irgendwas davon zu bewerten. Jeder Eindruck zählt gleich viel, quasi sensorische Anarchie. Wenn dir Alltagssorgen, der nächste Termin oder ein Zeitungsartikel über bedrohte Wälder in den Kopf kommen, schieb diese Gedanken beiseite, indem du dich gezielt in die Wahrnehmung versenkst.
Wenn du Lust hast, dich angeleitet ein bisschen zu vertiefen, probier gern einmal die App 7mind aus. Ich habe sie seit ein paar Jahren im Abo und verwende sie, um zum Beispiel in der Mittagspause mit der einen oder anderen Kurzmeditation im Kopfhörer mein Stresslevel zu senken (nein, ich kriege kein Geld von denen dafür, dass ich das sage).

Den Zensor überrunden

Wenn dir das Schweigen nicht liegt – solche Menschen gibt es – versuch doch einmal das Gegenteil davon. Es gab eine Zeit, da lebte ich in einem kleinen Haus am Stadtrand von Wien, ein paar Schritte davon entfernt der Wienerwald. In dieser Zeit hatte ich eine Menge mit mir selbst auszumachen, mein Selbstverständnis als Mann, Vater und Liebhaber klären, so Sachen, die halt auch einmal geklärt werden wollen. Das war eine Zeit, in der ich, manchmal mitten in der Nacht durch den Wald streifte und Selbstgespräche führte. Das Ziel (abgesehen davon, dass ich meine Angst vor der Dunkelheit loswerden wollte), war, im Sprechen mein kritisches Denken zu überholen. Das sah dann so aus, dass ich mir selbst in rasender Geschwindigkeit Frage um Frage stellte, ohne Bedenkzeit antwortete, so lange, bis der Zensor in meinem Kopf ermattet niedersank und ich, befreit von seinen Ghörtsichs authentische Antworten erhielt.
Diese Praxis (die wahrscheinlich eh einen Namen oder wenigstens eine Etikette hat), die ich für mich eher zufällig ge- oder erfunden habe, half mir damals massiv, meine Rolle(n) in diesem Leben abzustecken. Da ist kein Hokuspokus dahinter und kein Geheimwissen, nur die Erfahrung, was es ausmacht, Unnötiges beiseite zu lassen.  
Im Übrigen funktioniert auch die Arbeitstechnik des Brainstorming nach demselben Prinzip. Du feuerst eine abgestoppte Zeitlang, ohne nachzudenken, Assoziationen zu einem bestimmten Thema raus. Danach staunst du über die Menge des gesammelten Materials und beginnst einzuordnen. Das Erwachsenen-Ich übernimmt an dieser Stelle und sortiert Brauchbares und nicht so Brauchbares auseinander.

Achtsamkeit, dieses Hineinkippen in den Moment, das reduziert deine Wahrnehmungen auf das Wichtigste: dich selbst. Wenn du dich darauf einlässt, bringst du deinen Cortisol-Spiegel ein Stückweit runter, wirfst Ballast ab und kriegst den Kopf frei für die wichtigeren und schöneren Dinge des Lebens. Probier’s einmal aus!

Hier geht’s zu Infos zu Stefan Peters

Startseite » Achtsamkeit und Suffizienz

Teilen

Schreibe einen Kommentar