Wie glücklich macht der längste Tag? Wie bleibe ich auf der Straße gelassen? Was macht der warme Fluss mit uns? Eine Rückreise ins Herz der Finsternis.
Abschied von der Sonne

Jetzt war schon im letzten Beitrag die Rede von dem, was Mittsommer mit den Leuten im Norden anstellt. Unser Mittsommer war ein doppelter Abschied. Abschied von den länger werdenden Tagen und Abschied vom Meer, jedenfalls für diesmal. Irgendwo zwischen der Grenze, die Estland und Lettland teilt und der lettischen Hauptstadt Riga durften wir einen ewigen Sonnenuntergang am Strand erleben, gemeinsam mit vielen anderen Menschen, die um dreiviertelelf Uhr abends geradezu andächtig nach Westen starrten. Dorthin, wo der Himmel in Brand geriet, und wo ein großer runder Findling angeblich Wünsche wahr machte, wenn man ihn berührte. Wir haben’s getan, die Gefährtin und ich. Wer weiß, schaden wird’s wohl nicht. Am Strand sitzen, in den Sonnenuntergang schauen, unermessliches Glück spüren und ein bissl Abschiedsschmerz; große Gefühle ohne eine große Maschine dahinter, auch das ist Suffizienz, glaub ich.
Automobil mit Darwin
Zwei Tage später eine größere Herausforderung. Während du mit einem Achtziger mehr oder weniger konsequent nerven- und spritschonend durch den gesamten Norden gondelst, das Auge beim Schauen und die Seele beim Reisen mitkommen, tauchst du weiter südlich ins Gebiet der Vollgaskiller ein. Vom Feeling her wie beim Wagenrennen aus Ben Hur, nur mit mehr PS und Rennauspuff rast dir das Baltikum, dann später Polen um die Ohren. Inmitten von Menschen, die dir den Eindruck vermitteln, dass das Schicksal eh schon alles entschieden hat, die dir auf der Landstraße mit gefühlter Lichtgeschwindigkeit auf deiner Spur entgegenkommen, weil sie noch schnell einen an sich auch rasenden LKW überholen zu müssen glauben, inmitten der automobilen Darwin-Lektion also versuche ich der Versuchung zu widerstehen, mich in einen fatalistischen Gläubigen zu verwandeln. Ja, auch ich habe irgendwann gelernt, die erlaubte Höchstgeschwindigkeit und ein sinnvolles Reisetempo durcheinanderzubringen. Jetzt versuche ich eben, mich wenigstens mit dem Speedlimit zufriedenzugeben, ein Akt angewandter Suffizienz. Auch, wenn es dazu führt, dass uns Trucks im Ortsgebiet mit einem knappen Hunderter überholen. Irgendwann werde ich dabei gelassen bleiben, dann verleihen sie mir die goldene Buddha-Reisenadel.
Am bacherlwarmen Fluss

Mitten in Polen, ein bisschen unterhalb von Warschau, gibt es eine Kleinstadt, an der ein Fluss vorbeifließt, die Pilica. Und dort, neben dem örtlichen Campingplatz, hat die Stadtverwaltung am Flussufer einen Steg und ein paar Bänke aufgestellt. Ein Nebenarm, ein Sandstrand, keine Konsumzone, nur Genuss am bacherlwarmen Fluss – so wenig braucht es, um zwischen den Einheimischen sechseinhalb Stunden Autofahrt in sengender Sommerhitze wieder gut zu machen. Leg dich in den Fluss, der an dieser Stelle grad einmal dreißig Zentimeter tief ist, lass dich mit warmem, weichem Wasser umspülen, sieh den Kindern zu, wie sie durchs Wasser toben und den alten Leuten, die knöcheltief drinstehen und miteinander palavern. So entsteht Frieden, der nichts braucht als den Fluss. Und ein Lächeln. Peace begins with a smile steht auf dem T-Shirt der Gefährtin.
In Wien, höre ich gerade, geht die Sonne heute eine Minute vor neun Uhr abends unter. So richtig, nicht nur ein bissl Schatten. Wir kehren zurück aus dem Polartag in die Finsternis. Klingt schwierig. Lässt uns wahrscheinlich früher einschlafen. Aber eins ist fix, Norden: We’ll be back, versprochen!
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