Suffizienz auf Reisen IV

Was muss auf eine Reise mit und was nicht? Aus der Hand in den Mund oder Wocheneinkauf? Von Sortierungen und Prioritäten.

Zehn graue Normkisten

Stell dir vor: Du wärest drei Wochen auf Reisen und hättest einen mittleren Rucksack voll Gepäck. Unvorstellbar, oder eh dein Normalmodus, wenn’s dich in die Ferne zieht? Es heißt ja, dass man gewitzte Profireisende am kaum vorhandenen Gepäck erkennt. So gesehen, haben wir gerade auf einer etwa siebeneinhalbtausend Kilometer langen Reise in den Norden und zurück viele gesehen, die am unteren Ende der Amateurliga spielen. Wohnwagen, deren nutzbare Fläche an meine – zugegeben kleine – Wiener Wohnung heranreichen. Wohnmobile, die aufgrund ihrer Ausladung im Stadtverkehr unmanövierbar wären, mobil gemachte komplette Haushalte. Vor ein paar Tagen sah ich neben solch einem Wohnwagen eine Waschmaschine in der Wiese stehen, befüllt und in Betrieb. Auf der anderen Seite die hier im Blog schon angesprochenen Leute auf Fahr- und Motorrädern. Dazwischen wir. Mit komfortabel viel Stauraum unter dem Bett, das beinahe den kompletten Fahrgastbereich des Busses einnimmt.

Hier schlägt der horror vacui zu, und sorgt dafür, dass, wo zehn graue Normkisten reinpassen, auch zehn graue Normkisten drinstehen. Damit nix verrutscht während der Fahrt. Und das ist noch die beste Ausrede. So wandert im Lauf der Reise ungefähr ein Drittel von dem, was an Bord ist, nach vorn. Das nämlich, das wir täglich brauchen. Die anderen zwei Drittel wandern nach hinten, die hätten wir genauso gut daheimlassen können. Eine Auswahl letzterer Kategorie: Ein Dreibeinhocker, der bei zwei mitgeführten Faltstühlen sinnlos ist. Ein wirklich tolles, großes, schweres Sonnendach, für das ich seinerzeit wahnsinnig aufwendig eine Kederschiene montieren ließ. Baust du nur auf, wenn die Sonne runterknallt und du mindestens zwei Tage am selben Ort bleibst. War nie der Fall. Sieben Gelsenschutzmittel können nicht mehr als eins, das wirkt. Und eine Hängematte ist bei Dauerregen, mangelnden Bäumen oder Gelsenalarm auch nix wert.

Praise the Lachstube!

Der Kühlschrank aber. Quasi das Herzstück dekadenter Überlebenskultur. Wenn ich an frühere Reisen denke, bei denen das Bier warm blieb und der Käse von gestern zu einer mittleren Lebensmittelvergiftung führte, ist die eh recht kleine, von der Solarbatterie gespeiste Kiste eins der Dinge, die prioritätsmäßig einen Stockerlplatz verdienen, gleichauf mit Bett und Moskitonetz, das die gesamte Heckklappe dichtmacht. Ja, eh, Espressokanne und Primuskocher auch, aber das ist Maslow ganz unten. Und so füllt sich der Boden des Kühlschranks im Lauf der Woche mit einer Mischung von Bieren aus allen skandinavischen Ländern, Finnland, dem Baltikum, Polen und Tschechien. Dinge, die gleich nach dem Ankommen für ewige Fahrten durch Schön und Schaurig belohnen.

Lebensmittel einkaufen, überhaupt. Zwischen Lidl und Landmarkt haben wir es meistens geschafft, Futter für ein, zwei Tage im Voraus an Bord zu nehmen. Salate, Gemüse, kleingeschnitten für die Fahrt, einen geräucherten Lachs aus dem Standl der Fischräucherei, Brot und natürlich die Lachs- und Kaviartuben, die der IKEA seit etlichen Jahren schandhafter Weise nimmer im Sortiment hat. Der Exotikfaktor fremder Supermärkte ist etwas, wofür wir beide anfällig sind. Sich gegenseitig daran hindern, Dinge zu kaufen, die wir zuhause auf der Stelle dem Flohmarkt spenden würden, das haben wir gelernt. Einfach war’s nicht.

Hab ich schon von dem wunderbaren Finnmesser aus Kohlenstoffstahl in einer Scheide aus Lachsleder erzählt? Nein? Dann halt ich besser den Mund und freu mich still und innig über das Trumm, das ich nicht brauche.

Vergiss Beauty

Finger bei Beuty-Behandlung mit teils orangen, teils naturfarbenen Fingernägeln
Ein klassisches Vorher-Nachher-Bild. Beauty nachgeholt, endlich!

Vieles geht, wenn du mit dem Minimalbus unterwegs bist. Essen zubereiten und im Picknickmodus verputzen, einige Grundspielarten persönlicher und sozialer Hygiene, Schlafen, aus dem Fenster am liebsten aufs Wasser und die Silberspur des Vollmondes darauf schauen. Sich umziehen, Liebe machen, Schnapsen, lesen, auf der neuen Maultrommel aus Stockholm spielen, so Dinge.
Was überhaupt nicht geht, das ist Beauty. Sagt meine Gefährtin. Das ist jetzt leider ganz rollenstereotypisch, sorry. Weil Beauty für mich mit Rasieren endet. Rasieren im Gesicht. Und das geht auch auf Reisen, selten, aber doch. Vergiss Beauty, sagt die Gefährtin. Wenn wir zurück sind, kriegst du mich ein paar Tage lang nicht zu Gesicht, sagt sie. Weil ich mich da pflegen werde. Von oben bis unten. Gut, Privatzone unterwegs ist in diesem Setting ein sehr klein geschriebenes Wort. Braucht Abstimmung, Kommunikation, Respekt. Das schaffen wir auch noch.

Ananas auf großer Fahrt

Ein Bildausschnitt einer Konservendose mit Ananasscheiben
Ein Serviervorschlag, der es nicht auf den Teller geschafft hat: portable Ananas

Noch so ein Trumm, das wir durch halb Europa spazierengeführt haben, das ist eine Dose Ananas in Scheiben. An sich eine sinnvolle Möglichkeit, auf Reisen schnell und leicht servierbar gesunde Vitamine zu sich zu nehmen. In der Hand hatte ich die Dose fast jeden Tag. Weil sie im Weg war. Statt sie aber in die hinterste Kiste, die mit der Aufschrift Unnötiges Kramuri, zu stecken, nahm ich mir drei Wochen lang vor, sie diesen Abend endlich zu servieren. Aktuell steht sie in derselben Vorratslade meiner Wohnung, aus der ich sie vor der Abfahrt genommen habe.
Vergleichbares gilt für Bergschuhe, Wäscheleinen Nummer 2 und 3, faltbare Sitzkissen, Wassersäcke und -filtersysteme, Gaskocher und so viel mehr Zeug, das wir nächstes Mal daheimlassen. Hoffentlich, wenn wir rechtzeitig daran denken, diesen Blog zu lesen. Fragwürdig auch eine Laterne, eine Stirnlampe und eine Taschenlampe, wenn die Nächte maximal ein, zwei Stunden dauern und aus Dämmerung bestehen, in denen man problemlos draußen lesen kann.
Das Dümmste und Unnötigste aber, das mitgereist ist, das war ein Zwanzigliter-Kanister voller Diesel. Den ich vor ungefähr drei Jahren getankt habe und der deshalb heute gefährlicher Sondermüll ist, den ich demnächst zur Problemstoffsammelstelle bringen werde. Aber wenigstens dieser Blödsinn hat einen nachvollziehbaren Hintergrund. Als ich vor vierzig Jahren erstmals in der Gegend war, waren Tankstellen mitunter zwei-, dreihundert Kilometer voneinander enfernt, und der Geländebus soff wie ein finnischer Holzfäller im Februar. Damals war der Reservekanister unverzichtbar. Heute, bei einem dichten Tankstellennetz und einem weit über Tausendkilometertank, braucht’s die Reserve genauso wie einen Vierradantrieb. Also praktisch nirgendwo in Europa. Weil’s überall dort Straßen gibt, wo’s sinnvoll ist, hinzufahren. Und wo nicht, da hat ein Campervan nix verloren.

Vier bis fünf Kisten hätten gereicht, locker. Ein bissl Lernfähigkeit vorausgesetzt, könnten wir’s schaffen nächstes Mal. Wann auch immer das ist. Ob das Auto dasselbe ist, oder irgendwas mit Stehhöhe, Klimaanlage, Standheizung und Indoor-Kochfeld, dazu Dusche und Klo…
Halt! Die Vorstellung allein, mit einer kompletten Wohnung durch die Gegend zu gondeln, führt dazu, dass ich mich spontan wieder einmal in den alten, völlig zulänglich ausgerüsteten Minimalbus verliebe.

Hier geht’s zu Infos zu Stefan Peters

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