Suffizienz auf Reisen II

Was kostet eine Umkehr? Wie buchstabiert man in Finnland Resilienz? Wie sieht gebaute Suffizienz aus? Finnische Erkundungen.

Schüttungen und ein U-Turn

Es gibt Erkenntnis-Momente, die will man sich ersparen. Wir hatten so einen, vor einer Woche. Irgendwo im schwedisch-finnischen Grenzgebiet, ein paar hundert Kilometer nördlich des Polarkreises, einigten wir uns, meine Gefährtin und ich, darauf, dass es nicht weitergehen konnte mit uns. Also, mit uns schon, als Zwei, die miteinander durch unsere Leben gehen, Hund mitgemeint (und einer Mimose im Topf, die uns auf dieser Reise begleitet, weil wir sie nicht allein zuhause lassen wollten, die Mimose, die!). Aber. Temperatur im niedrigen einstelligen Bereich, Schüttregen die nächsten fünf Tage in Richtung unseres Ziels im norwegisch-russischen Grenzgebiet am Polarmeer, dazu eine Fantastilliarde Gelsen. Die meisten davon im Bus. Also U-Turn, mit viel gegenseitig gespendetem Trost. Aber letztendlich war’s dann auch ein Akt der Suffizienz, des Verstehens, was – für diesmal – genug war. Und welche Rekorde an Noch-Weiter, Noch-Kälter, Noch-Idiotischer wir auf dieser Reise nicht brechen würden. Heute sind wir mitten in der finnischen Seenplatte. Die Wetter-App zeigt wieder Sonnenauf- und Untergänge, und gut ist’s.

Paska Kaupunni

Bei der Gelegenheit will ich ein bisschen Werbung machen für Oulu, die europäische Kulturhauptstadt 2026, also jedenfalls eine von zweien. Eine ohnehin freundliche, frische Stadt, die gerade reichlich Kulturprogramm macht (ein Highlight die Ausstellung Play im Einkaufszentrum in der zentralen Fuzo). Was sich für uns nicht ausgeht, das ist die Weltmeisterschaft in Luftgitarre (wer im August noch nix vorhat, ein heißer Tipp). Und überhaupt. Die Finn*innen haben eine lange Tradition, mit nicht viel sehr gut zurechtzukommen, das Ganze mit einer Art von Humor, bei der kein Auge trocken bleibt. Das heißt dann zum Beispiel Sisu, ein Begriff, der nur sehr unzulänglich mit gewitzter Resilienz übersetzt werden kann. Mit Sisu geht sich letzten Endes alles aus, wird alles erträglich und meistens dann auch verdammt komisch. Ein Akt von Sisu ist ein Graffiti, das den Schriftzug Paska Kaupunni zeigt und übersetzt sowas wie shitty city heißt. Dieses Graffiti prangt seit langem an der Mauer einer Garagenausfahrt in der Innenstadt von Oulu. Manchmal wird es entfernt. Spätestens am nächsten Tag ist es wieder da. Klein, dreckig, alles sagend. Suffizienter Humor, eben.

Zweck ohne Zierat

Das Bild zeigt ein Polizeigebäude des Architekten Alvar Aalto in Jyväskylä in Finnland
Klare Formen, Sichtbeton. Ein Polizeigebäude von Alvar Aalto in Jyväskylä

Aus der Mittelsüdfinnischen Stadt Jyväskylä, nicht weit weg von Helsinki, stammt einer der radikalsten Modernisten in Architektur und Design, Alvar Aalto. Zwischen den 1940er und 1970er-Jahren prägte Aalto mit seinen überaus nüchternen, aber organisch geformten Bauten die Stadt und realisierte darüber hinaus viele Projekte im In- und Ausland. Mit sturer Klarheit, Eleganz, dem Menschen entsprechenden Proportionen schuf Aalto lichte Räume, in denen sich die Architektur stets zurücknahm, niemals versuchte, den Zweck dem bloßen Zierat zu opfern. Auf eineinhalb Kilometern zwischen zentralem Hafen und Aalto-Museum am Stadtrand nahmen wir uns die Zeit, eine hochmoderne, sehr geradlinige, dabei helle, freundliche und junge Stadt zu entdecken.

Und jetzt sitze ich am Ufer eines Sees im Bus, schreibe auf einem Uraltrechner, den die Solarbatterie mit Strom speist, und werde dann noch ein bisschen runtergehen, die Zehen ins nicht wahnsinnig warme Wasser strecken. Aber das ist schon okay so, weil nebenan machen sie Lagerfeuer. Das wärmt und riecht gut, und vielleicht lerne ich ja noch ein Wort Finnisch oder zwei.
Erityisnuorisotoimisto übrigens, ein Wort, das auf einem Schild irgendwo in Jyväskylä steht, heißt sowas wie Sonderjugendamt. Glaub ich. Wenn’s wer braucht.

Hier geht’s zu Infos zu Stefan Peters

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