Suffizienz auf Reisen I

Wieviel Platz braucht ein Mensch? Was schleppen wir mit uns herum? Vom Reisen unter dem Radar und der Revolution, die immer noch ihre Kinder gefressen hat.

Luxusgut Neugier

Wir tun es wieder einmal. Also Roadmovie. Wir, Frau, Mann & Hund und ein ältlicher VW-Bus, den der Mechaniker noch einmal zusammengeflickt hat. Roadmovie, soll heißen, von Wien an die Barentssee, dorthin, wo Norwegen und Russland zusammenstoßen. Soll heißen, dreieinhalb Wochen auf fünfeinhalb Quadratmetern. Ein Bett, ein solarstromgetriebener Kühlschrank, ein paar Kisten Zeugs, ein Primuskocher mit Espressokanne. Neugier, ja, als einziges Luxusgut im Übermaß. Wobei, Luxusgut; gerade denke ich an Mutter und Tochter mit Fahrrad und Zelt, die von Schweden nach Deutschland unterwegs sind, unsere Campingnachbarinnen von letzter Nacht. Keine Kisten, nur ein paar wasserdichte Säcke. Vielleicht der logische nächste Schritt. Wenn wir groß sind. Viel größer.
Jetzt aber. Ging’s von Wien über Berlin und Kopenhagen nach Stockholm. Mit zweimal tanken, auch eine Sache von Suffizienz im Sinne von so wenig wie nötig. Der Bus mit all seiner Größe und seinem Gewicht braucht bei zahmer Fahrweise die Hälfte an Treibstoff wie mein seinerzeitiger Käfer, danke! Weil ja auch hier im Norden Tempo achtzig meistens erlaubte Höchstgeschwindigkeit ist. Und, wie es scheint, alle so rechtzeitig losfahren, dass sie sich und allen anderen Raserstress ersparen.

Life on Mars

Eine von den Sachen, die wir unnötig an Bord haben, ist Musik. Also alle bis auf eine Nummer: Life on Mars von David Bowie. Das nämlich war so, dass wir vor einiger Zeit eine gleichlautende Krimiserie auf ARTE entdeckten. Darin landet ein britischer Polizist nach einem Unfall – während er die Nummer hört – im Koma und gleichzeitig aus seiner Wahrnehmung im Jahr 1973 (als Bowie den Song herausbrachte). Sehr psychedelisch das Ganze, und ein Zeit- und Lokalkolorit, der mitunter schwer erträglich ist, aber immer gut gemacht. Kurz und gut: Wir kriegen die Nummer nimmer aus dem Kopf, also können wir sie auch gleich quasi auf Loop hören. Du wachst mitten in der Nacht auf, der Regen trommelt aufs Dach und denkst dir Law men beating up the wrong guy. Zack, Musicbox im Kopf auf Dauerschleife gestellt.

Christiania

Ein Fixpunkt unserer Wanderung durch Kopenhagen war das sagenumwobene Stadtviertel Christiania, ein Refugium von Liebe, Frieden, Freiheit. Eine ehemalige Kaserne, 1971 von frohgemuten jungen Leuten besetzt, hat durch das gute halbe Jahrhundert seitdem eine recht wechselvolle Geschichte erlebt. Als Utopia einer offenen egalitären Bewegung errichtet, später zwischen rivalisierenden Drogengangs beinahe aufgerieben, ist das einstige Hippieviertel heute in erster Linie ein trauriges Exempel einer Revolution, die ihre Kinder aufgefressen und verdaut hat, und aus den Verdauungsprodukten Gold spinnt. Ein Secondhand-Laden, der ausschließlich Luxusmarken verkauft, Weinverkostungen, Fine-Dine-Restaurants, Ramschläden, Schnorrer und Führungen durch eine gut konservierte, doch leblose Hülle beweisen, dass die Gier ein nie versiegendes Triebmittel menschlichen Handelns zu sein scheint. Und dass überall herumstehende Hanfpflanzen hübsch sind, aber darüber hinaus keine freundlicheren, großzügigeren Menschen hervorbringen.
Außerhalb von Christiania machen die Leute auch ihre Geschäfte, klar. Aber sie machen dabei keinen auf antikapitalistisch. Und das ist mir lieber. Weil ich weiß, woran ich bin. Weil scheinheiliger Heiligenschein einfach nur sucks.

Stockholm

Stockholm ist ja jetzt eine meiner Lieblingsstädte. Seit über einem Viertaljahrhundert komm ich bisher vier-, fünfmal vorbei, und jedesmal mag ich’s mehr. Zuletzt vor zwei Jahren, anlässlich einer Woche Fotoshooting, durfte ich einen freien Tag zwischendurch damit verbringen, mir die Stadt zu Fuß zu Eigen zu machen, zwischen 30. April, dem Königsgeburtstag und 1. Mai, einem Almauftrieb von allen, denen das rote Herz im Busen lacht.  
Diesmal, mit Gefährtin und Hund, wieder eine andere Perspektive, andere Notwendigkeiten. Die lange Fahrt mit der Tunelbana vom außerhalb gelegenen Campingplatz ins Zentrum, und dann die Erkenntnis, wie freundlich die Stadt zu ihren Menschen ist. Wie viel Grün, wie viele konsumfreie Zonen zum Sitzen, aufs Wasser schauen. Viel Tourikitsch, ja klar, und ebenso viel für die, die hier wohnen. Eine Stadt in langsamer Gangart. Die ich in ein paar Ecken vorstellen durfte, als einer, der sich schon ein bisserl zuhause fühlt dort.

Zuhausecampen

A propos zuhause. Was uns immer wieder erstaunt, das ist, mit welcher Leichtigkeit wir uns in die Gegebenheiten der an sich völlig unterschiedlich strukturierten Campingplätze einklinken. Orte, Wege, Nachbar*innen, die Leute am Empfang, die Einrichtungen. Dann aber das Licht. Für uns Menschen aus Mitteleuropa, die rund ums Jahr mit hellem Tag und schwarzer Nacht zu tun haben, ist’s die Sensation, wenn die Sonne um zehn am Abend unter- und um halb vier in der Früh aufgeht. So richtig schwarz wird’s nicht mehr. Und wir sind erst im Süden vom Norden. Da geht noch was. Ich weiß es. Und freu mich drauf, auf die Weißen Nächte, das Ende der Zeit.

Hier geht’s zu Infos zu Stefan Peters

Startseite » Suffizienz auf Reisen I

Teilen

Schreibe einen Kommentar