Urlaub mit Kindern

28.9.2012

Der Sommer ist eigenartig. Superlative in Sachen Hitze, verzichtbarer Ideen und Realitätsverweigerung. Über Ausnahme- und andere Zustände.

Ferienzeit. Das ist nicht nur die Zeit, in der in und folglich aus Politikergehirnen Ideen sprießen, die während des Restjahres mit gutem Grund ungehört und unpubliziert verhallen würden. Was soll’s? Der Sommer ist eine tolle Zeit, in der die herrschende Hitze als Ausrede für fast jede Torheit herhält. Außerdem ist alles auf Urlaub, weilt dort, wo’s noch heißer ist. Die Daheimgebliebenen schütteln die Köpfe über die medial dargebrachten sauren Gurken, langsam nur, um keine Schweißausbrüche zu provozieren.

Ferienzeit ist auch die Zeit der verzweifelten Frage nach artgerechter Unterbringung der eigenen Brut. Seien wir ehrlich: Urlaub mit Kindern ist ein Oxymoron, ein Widerspruch in sich, der nur jenen glaubhaft über die Lippen kommt, deren Aufgabe es noch niemals war, den eigenen Nachwuchs während der Ferien bei Laune und also auf Schiene zu halten.

Mit angewandter Heimpädagogik ist das so eine Sache. Sie ist eines der wenigen gesellschaftlichen Felder, die das Scheitern zwingend in sich tragen, so eine Art erratische Systemimmanenz. Das Originelle daran: Jeder tut so, als wär’s anders. Ist es aber nicht. Und so scheitern wir heimlich. An den eigenen Kindern respektive deren Ansprüchen im Leerlaufbetrieb, der sommerlichen Lücke, während derer der Schulbetrieb ruht, der Faden der steten Struktur abreißt.

Es ist ein ehrloses Scheitern am eigenen Kind, das die Fähigkeit besitzt, ein langes Ferienwochenende, gefüllt mit Kinderbespaßungsszenarien, zu sabotieren. Das also das Talent ausspielt, konsequent durchzumaulen. Und wir? Scheitern dran. Verlieren das Spiel, das da heißt: Wir sind eine Familie, die die Ferien genießt. Alle genießen. Alle? Nein. Ein kleiner Mensch führt uns am Nasenring an unserer Unzulänglichkeit entlang spazieren. Eine halbe Portion, die uns zu Verlierern macht. Pädagogik-Losern, sozusagen.

Damit wir uns recht verstehen: Das ist so, wie wenn zum Beispiel die Deutschen sagen würden, sie hätten die Europameisterschaft im Fußball verloren. Würden die nie. Sagen. Nicht einmal denken. Ja doch, sie haben ein Spiel verloren, gegen Italien. Aber die Meisterschaft? Gewinnen, das geht. Aber verlieren? Sagt man nicht. Denkt man nicht. Gibt’s also nicht.

Und die eigenen Kinder? Junge Menschen, die uns mit dreizehn, vierzehn erklären, wir mögen uns den Generationenvertrag feierlich in die Haare schmieren, sowas hätten sie niemals unterschrieben. Gegen die verlieren wir mit unschöner Regelmäßigkeit, wenn wir uns einbilden, pädagogisch handeln zu müssen.

Es wäre ja ganz einfach, so im Prinzip. Die Eltern fahren gemeinsam auf Urlaub, frischen alte Gelüste aufeinander wieder auf, erkunden die Welt, tun das, was unterm Strich Abenteuer oder Erholung bedeutet, je nach Anspruch. Derweilen verbringen die Kinder zwei wunderbare Wochen in der Obhut einer ausrangierten tschetschenischen Politkommissarin, die um einen Bettel darauf achtet, dass die Mindeststandards an Versorgungsleistungen gegeben sind. Versorgung mit kinderkompatibler Kost, also landestypischer mehrheitsfähiger Fertignahrung, die bei ihrem Verzehr tunlichst nicht mit der einhändigen Bedienung des Nintendo oder der Playstation kollidiert.

Fazit: Alle bekommen, was sie wirklich wollen. Und wenn ich sage, wirklich, dann meine ich das so. Nachdem elterliche und kindliche Urlaubsbedürfnisse ohnehin niemals kompatibel sind, ist pragmatisches Vorgehen dieser Art kein Verlieren, sondern allseitiger Gewinn. In der Politik heißt das Konsens. Alle sind im Paradies, alle sind glücklich. Man soll’s nur nicht den Nachbarn erzählen. Oder Freunden, schon garnicht denen aus der pädagogiknahen Szene.

Ach ja. Wir haben übrigens vergangenes Wochenende Campingausflug gemacht. An einem Stausee im Waldviertel auf einer malerischen Halbinsel. Mit Ruine drauf. Mit Elternzelt, Kinderzelt, Badestrand, Wasserspielen, Nachtspaziergang, Ruinenbesichtigung, auf dem Gaskocher balancierend zubereiteten Nudeln, Ausflug in die Nachbarstadt mit regionaler Mehlspeis. Und mit Nintendo, zwei Stück für zwei Zehnjährige.

Das war unsere Rettung. Die Nintendos nämlich. Das Einzige, worüber nicht auf Anschlag gemault wurde. Höchstens über die Tatsache, dass wir die Nintendo-Spielzeit eng begrenzten. Wir, die Eltern, hatten abends viel Zeit, um über das zu reden, was wir am Tag erlebt hatten, über die Zeit am Strand, über Kochrezepte mit Zutaten aus der Region und die Planung des Biernachschubs für den kommenden Tag. Und über die Frage, wo wir eine tschetschenische Politkommissarin auftreiben. Für’s nächste Mal. Damit’s nach Urlaub für Alle schmeckt.

Stefan Peters

Die Drängler

20.4.2012

Wie reagiert man eigentlich richtig, wenn einem im Alltag ein Mensch mit Arschlochfaktor im Endstadium begegnet? Mit „begegnet“ meine ich, dass es, aus welchen Gründen auch immer, nicht möglich ist, einfach wegzuschauen und sich selbst aus dem Spiel zu nehmen, weil – ja, weil man gerade involviert ist und da nicht raus will. Oder kann.

Eine der unbarmherzigsten Kampfzonen ist ja die Einflugschneise zur Supermarktkassa. Pensionisten, die den aufgestauten Kommunikationsbedarf der letzten fünf Wochen en bloc an der Kassierin abarbeiten. Und das nicht hinter mir. Da trifft’s wen Anderen, Floriani-Prinzip. Vor mir, selbstverständlich. Kassierinnen, die gerade eingeschult werden und über jedem Joghurtbecher sinnend meditieren wie Hamlet über seinem Totenschädel. Ja doch, die sollen eingeschult werden. Und wenn sie damit fertig sind, emsig und mit allen Wassern gewaschen und Codes der noch so absonderlichen Gemüse auch im Schlaf drauf haben; dann sollen sie sich an die Kassa setzen, vor der ich gerade stehe. Und keinen Augenblick eher. Mein Gott, es muss doch möglich sein, Übungskassen einzurichten. Stellen Sie sich vor, Jung-Piloten würden beim Landeanflug erstmals an die Maschine rangelassen. So ein Simulator hat schon was, echt.

Dann sind da noch die Leute, denen man nicht am Steuer ihres Wagens vermutlich deutscher Provenienz begegnen möchte. Die, die sich mit eingebautem Vorrang ausgestattet wähnen. Wähnen, das kommt übrigens von Wahn. Und das sagt alles über verschütt gegangene oder niemals erworbene Sozialkompetenzen. Reinschneiden, ausbremsen, eigene Spur eröffnen, die dann selbstverständlich für die einzig gültige gehalten wird. Man darf schon froh sein, wenn sie es sich verkneifen, dort, wo sie gerade unterwegs sind, rustikal das Revier zu markieren.

Und außerdem gibt es die Drängler. Die, deren Ambition auf das Zuschandenfahren meiner Archillessehnen abzielt. Die, die sich im Eifer, Zehntelsekunden bei der Belegung des Laufbandes herauszuschinden, mit ihren Schmerbäuchen über meinen Einkaufswagen beugen und ihn – ja, das Ding hat Rollen und gut ist’s! – unbarmherzig mit meinem Kreuzbein kollidieren lassen. Nein, es geht nicht schneller deshalb. Nur ungemütlicher. Eine Einsicht, die in einem Land, das zu wesentlichen Teilen aus Menschen besteht, die Angst haben, zu kurz zu kommen, eher unwahrscheinlich ist.

Hätte ihr Einkaufswagen ein Fernlicht: Sie würden es betätigen. Immer und immer wieder.

Vorgestern stand eine Frau hinter mir. Und drängelte. Lichthupte im Geiste vor sich hin. Zeppelte und zappelte. Und blieb doch hinter mir. Wider Erwarten – ihr Erwarten – lösten sich meine Person, mein Wagen, meine Waren auf dem Förderband nicht in Luft auf. Schwere Prüfung also.

Mein Einkauf wurde gescannt, kam in den Wagen. Die Kassierin schaute mich an. Ich schaute zurück, sagte „Bankomat“. Nahm meine Karte, schob sie ins Terminal, das nach dem Code fragte. Sah mich um. Eine halbe Armlänge hinter mir zeppelte die Dränglerin. Und dann geschah Seltsames. In mir erwachte so eine Art Tier. Eine Art schlecht gelauntes Tier. Ein Tier, das mich dazu brachte, mich langsam umzudrehen, die Frau zu mustern, eine todernste Miene aufzusetzen: „Wollen Sie mir über die Schulter schauen oder soll ich vorlesen?“

Die Reaktion war bemerkenswert. Eine Gleichzeitigkeit von Sprung zurück und Entschuldigungswasserfall. Ich nahm’s gelassen an, zahlte und verließ mit diabolischem Grinsen den Supermarkt. Diabolisch, weil schlagfertig. Ausnahmsweise. Diabolisch, weil passend. Und Grinsen… Ach, draußen strahlte einfach die Sonne. Ich strahlte zurück.

Web credibility and the freak wave

22.12.2011

Clicks, likes and the critical mass. What happens if technology is ahead of evolution?

In the old times that we might remember well we met our pals out on the street. We shook hands physically, we looked in the eyes of the other while communicating and then we parted and went our ways. So far, so good. So easy, we thought then.

The youngsters were also out there. They gathered together in groups, called themselves gangs. If one of the folks was considered trustworthy, they spread the word „street credibility“. The great seal of confidence. Yes, You had to work hard for it. And You had to take care not to loose it. That was far more simple and faster going than collecting a critical mass of reputation. Once bitten, twice shy. You know.

Nowadays the streets are empty. No one’s out there. The physical networks have found their way home and into virtual reality. Spare any sentimental thoughts on what’s better. It’s fact, let’s put it this straight. Our handshakes are virtual, looking into one another’s eye means presumtion. Words had made their way from sonic waves to letters, nevermind the difference. Once again, I don’t want to judge.

The point is credibility. Religiously overloaded, of course, it went right from the streets into the web. No more „Here’s looking at you, kid“, no more body language leaking the truth behind the words.

In the era of social networks everyone on this planet with access to the internet has got more or less equal possibilities to become a media editor. Possibilities to create his or her own electronic newspaper, TV oder radio station. A ten year old boy in some forgotten place in the outlands of Mumbay could be the next Rupert Murdoch. That’s great. That’s democratic. That’s, like it or not, our future of gathering information about our planet. Revolutions take place or not because the word is spread through the internet.

Don’t bother that your best friend lives in Sydney. And you’re located in Vienna. The only challenge is to find a time at which you’re both awake. Add him on facebook and everything works fine. The world is Your neighbourhood.

The ony question is whom You like to trust. I’ve used the word „like“ purely intentional, by the way. Given the fact that merely a tiny minority of the content generators in countless platforms are professional working journalists, scientists or other people used to check, recheck and doublecheck informations (ha! The papers don’t either, in lack of time, personnel and budget. But we’ve learned to trust them); given that fact you can outnumber nearly every bit of content as private relevation of someone presenting a kind of logorrheic disease to the public.

We’ve got the technique, we’ve got the platforms. Content comes automatically. Horror vacui, well known. Nature doesn’t like emptiness. Let’s fill in.

Again my question: whom do You trust? Which media in the endless space of the worldwide serversum (excuse this term creation, it happened to me and I like it) is able to draw sort of, let’s call it „web credibility“ on its side? And how, an even more important question, do those people manage to get their stuff trustworthy?

Quality or quantity? What do You think? Are we talking about two hundred million clicks that can’t be wrong? Can’t they? Half a billion clicks for Lady Gaga on YouTube. Don’t tell me that’s not information. It is, in fact.

Let’s give it a bit cheaper, bit more down to earth. What does a blogger do to get his or her information widespread? Is it a matter of quality? Of reliability, a matter of style? Or do we talk about capabilities of marketing, in this means, of networking?

The point is that we haven’t learned yet how to deal with information received from the web. Sure, we’ve learned how to type domain names, we’ve learned to search content with google (the latter I doubt, but let’s presume that we can). But the thing is that human evolution simply didn’t give us enough time to develop skills for filtering out the gold nuggets from all the industrial waste floating through the infomation channels.

So we have to rely on numbers, clicks and likes. Thumbs up? True. Thumbs down. False. World of the binaries. Maybe there’s a coincidence between media and message. Yes, I know, sounds familiar. Marshall McLuhan: the medium is the message. As if he had had a sort of precognition. The word is simplification. Good guy, white hat. Bad guy, black hat. Got it, folks?

The truth, the information coming along with the great seal of web credibility, is measurable. The truth, as we might call it, is a matter of critical mass. It always was and always will be, I know. But the difference is that in times of the global village critical mass is not achieved and limited by physical means of distribution.

If You’d like to find out how trusted information is spread, you’ve got to refer to chaos theory. Go and ask the people who are accustomed to figuring out freak waves. Go back home and think twice before clicking the „like“-button.

Stefan Peters

Europa und das F-Wort

11.12.2011

In Europa haben wir ein F-Wort, das jenseits des Ordinären steht. Es steht für Führer. Befiehl, wir folgen dir. Ergänzung im Autopiloten-Modus. So weit, so aus der Geschichte erklärbar. Darf nie wieder sein. Darüber sind wir uns einig.

Der letzte ausgewiesene Führer, der auf unserem Kontinent das Sagen hatte, war die Figur des Tyrannen. Zwölf Millionen Tote, die Bilanz im Kurzen. Die Konsequenz aus dem Kollektivtrauma der Macht in den Händen eines Einzelnen ist das paneuropäische Gelöbnis der führerlosen Demokratie, der penibel aufgeteilten Macht, der filettierten Verantwortung.

Wir haben heute ein führerloses Europa. Das sieht man. Die Entscheidungen, die in Politik, Verwaltung, Gesetzgebung getroffen werden, entspringen einer Art Pyramidenspiel, nur ohne Spitze. Gremien sind es, die sich auf Empfehlungen von weiter unten stützen und, sollte sich die eine oder andere Entscheidung als falsch herausstellen, auch berufen. Macht durch viele geteilt ist kollektive Ohnmacht.

Das wird zur Zeit sehr deutlich, wenn wir sehen, dass die EU von strengen Gouvernanten in den US-amerikanischen Ratingagenturen gebeutelt wird, dass nur so die Federn fliegen. Eine Wirtschaftszone unter Kuratel. Das vergrößert das Machvakuum in den Regierungsspitzen und folglich schreit das Volk nach Führern. Die sind willig zur Stelle, um den dämonischen Part zu übernehmen, wie gehabt.

Was wir dabei ausblenden, das sind die Führerfiguren der weisen Könige aus dem Märchen. Eine schillernde Figur der österreichischen Politik, die immer wieder als Benchmark, würde man heute sagen, bemüht wird, ist Bruno Kreisky. Nach heutigen Maßstäben war Kreisky weniger ein Demokrat als der Sonnenkönig, als der er bezeichnet wurde. Ein Führer, der viele einsame Entscheidungen traf. Der, um eine Regierung zu führen, barocke Machtfülle verlangte. Er bekam sie.

Viele dieser Entscheidungen stellten sich hinterher als falsch heraus, noch mehr davon als richtig. Na und? So läuft das Spiel. Er nahm diese Entscheidungen mutig auf seine Kappe. Die richtigen und genauso die falschen. War angreifbar und stand im Telephonbuch.

Auf einem Schiff muss es einen Schiffsführer geben. Das ist gesetzlich so geregelt. Ob mitten auf dem Antlantik oder auf der Alten Donau, spielt keine Rolle. Dessen Anordnungen sind Gesetz. Wird einer davon nicht Folge geleistet, dann erfüllt das den Tatbestand der Meuterei. Der Meuterer wird arrestiert und im nächsten Hafen der Exekutive übergeben. So weit, so klar. Es geht hier um Verantwortung der Mannschaft, dem Schiff, Anderen gegenüber.

Die historische Angst vor dem politischen Führer, die wir in Europa haben, ist eine begründete Angst vor dem Despoten. Und es herrscht gleichzeitig eine unbegründete Angst vor dem weisen König. Der hellen Seite der Macht. Wir haben die Macht kastriert und sie nach dem Gießkannenprinzip aufgeteilt, vergessend, dass die Macht die siamesische Zwillingsschwester der Verantwortung ist. Beschwerden mögen tunlichst beim Salzamt eingereicht werden.

Interessanter Weise gilt dieses Führerverbot wohl für die Politik, nicht aber für die Wirtschaft. Im Gegenteil. Das ist kein Zufall. Wer außer der Politik hätte die Macht gehabt, Rahmenbedingungen zu schaffen, die wirtschaftliche Machtkonglomerate unter der Führung von Einzelnen verhindert? Sie, die Politik, hat es nicht verhindert, weil sie entweder am selben Futtertrog stand wie die Wirtschaftsführer oder weil dort, wo Entscheidungen zu treffen waren, gerade niemand zu Hause war.

Was augenblicklich geschieht, was genau deshalb überhaupt geschehen kann, ist: Moody’s befiehl, wir folgen dir. Europa als Musterschüler. Der Begriff, sattsam bekannt von zu vielen Schlagzeilen, impliziert einen Lehrer. Wer ist dieser Lehrer? Alte Männer in Ratingagenturen? Schneidige junge Broker, die Volkswirtschaften auf den Wühltisch werfen? Totalitär sozialisierte Rotznasen, die ein führungshungriges Volk mit Heilsbotschaften in Dreiwortsätzen anfüttern?

Wie kommt es, dass österreichische und deutsche Ex-Kanzler, sobald sie nicht mehr an der Regierung sind, zu Wirtschaftsführern werden? Ist das Kompensationsgehabe nach einer Zeit als Haremswächter?

Dem Volk oder jedenfalls großen Teilen davon ist es mittlerweile egal, ob es von einem Despoten oder einem weisen König regiert wird. Hauptsache Führer. Das ist verhängnisvoll. Denn es verkleinert die Chancen auf demokratisch legitimierte Macht, Entscheidungen zu treffen.

Ohnmacht aber erzeugt ein Vakuum. Die Natur mag das nicht. Horror vakui. Es wird gefüllt werden, so oder so. Einen Führer zu haben ist eine Chance auf einen weisen König. Keinen zu haben, der Entscheidungen trifft und verantwortet ist keine Chance. So einfach ist das.

Stefan Peters

Ich hatt’ einen Pappkameraden – Facebooks Falsche Freunde

17.11.2011

Es scheint, als hätte der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann nicht nur gute Freunde. Auf seiner Facebook-Seite sind etliche augenscheinliche Fake Friends aufgetaucht.

Jetzt ist natürlich jeder, an dem der Ausdruck „Social Marketing“ schon einmal wenigstens vorbei geschwirrt ist, naiv, wenn er annimmt, dass alles, was Facebook, Forum und Fanseite füllt, echt wäre. Echt im Sinne tief empfundener Überzeugung desjenigen, der füllt. Den Content heran karrt, eben.

Social Marketing hat zwei wesentliche Aufgaben. Die erste ist, enden wollender Begeisterung über ein Produkt, eine Dienstleistung oder eine Person durch gezielte Fake-Ovationen auf die Sprünge zu helfen. Ganz im Sinne des klassischen claqueurs oder agent provocateurs, dem Lockvogel eben, der das Eis bricht und die Dinge ins Rollen bringt. Astroturfing, auf Neudeutsch. Die zweite Aufgabe von Social Marketing ist die strikte Befolgung des elften Gebots: Du sollst dich nicht erwischen lassen.

Wenn sich nun herausstellt, dass der so genannte Freund zwar selber keine Freunde, dafür aber ein gekauftes Gesicht einer amerikanischen Bildagentur hat, dann eröffnet das neue Dimensionen an Peinlichkeit. Stellt sich weiterhin heraus, dass der Pappkamerad auf Facebook nicht über irgendwen Lobreden schwingt, sondern über den Bundeskanzler, dann schwingen einerseits die Schleusentore weit auf und lassen einer Woge blanken Hohns freien Lauf. Gotcha! Das wäre jedenfalls die verständliche Reaktion politischer Feinde und – erst recht – Freunde in einer entwickelten Demokratie.

Was mich zum Andererseits bringt. Im vergangenen Vierteljahrhundert hat die politische Kaste Österreichs bis an die Spitze einen Prozess durchgemacht, der in Anlehnung an eine Leihgabe aus der Psychotherapie „Verschlemihlisierung“ heißen könnte. Ein uncharmanter Ausdruck für eine uncharmante Tendenz, zugegeben.

Der Amerikaner Eric Berne hat in seinen „Spielen der Erwachsenen“ einen Schlemihl charakterisiert, der auf Parties erscheint, sich dort pausenlos daneben benimmt und sich ebenso pausenlos hinterher entschuldigt. Die Entschuldigung wird angenommen, man will ja nicht so sein. Das Interessante dabei ist, dass der Schlemihl dabei immer gewinnt und die Grenze für schlechtes Benehmen jedes Mal ein wenig zu seinen Gunsten verschiebt.

Die Grenze für politische Chuzpe ist mit den Jahren auf ein Maß vorgerückt, das, verbunden mit galoppiender Erosion der staatsbürgerlichen Sensibilität für ebenjene Chuzpe, höchstens noch bei Schlammcatchen im Hohen Haus für brauchbare Einschaltquoten sorgen würde.

In diesem Sinne hat sich zwar nicht Faymann, aber folgerichtig seine Social Media-Beauftragte entschuldigt. Jedenfalls ein bisschen. Für den Fake, der da irgendwie passiert ist. Und der im Übrigen eine ganze Menge an voraussichtlich einander widersprechender Rechtsmeinungen zuließe. Man wisse nicht, wer hinter diesen falschen Freunden stecke, aber man habe sie blockiert. Tschuln.

Das ist nicht gut. Für den Kanzler. Denn wie es der Zufall so will, waren gerade diese Facebook-User auch die, die Feymann in den höchsten Tönen priesen. Was sie dazu bewogen hat, werden wie nie erfahren, da es sich bei ihnen durchwegs um Menschen handelt, die prinzipiell keine Informationen über sich preisgeben und auch keine Freundschaftsanfragen zulassen.

Spitzenpolitik ist ein einsames Geschäft. Gut, dass es wenigstens Freunde auf Facebook gibt.

Stefan Peters

Das Schulvolksbegehren

3.11.2011

Das Bildungsvolksbegehren ist heute angelaufen. Wäre der Text des Begehrens eine Deutsch-Schularbeit, wäre er nach oberflächlicher Durchsicht mit dem Vermerk „Themenverfehlung“ zurück gegeben worden. Denn was hier begehrt wird, ist keine Reform der Bildung.

Es geht um eine Reform der Schule als Institution. Genauer gesagt, um die Reform von Verwaltung, Personal, Lehrplänen und anderen Rahmenbedingungen.

Mit dem Prinzip Schule als Dienstleistungsoligopol lässt sich auch diese Initiative nicht ein. Mit Sich-Einlassen meine ich sehr grundsätzliche Forderungen zur Schaffung eines brauchbareren Bildungsbegriffs als des derzeit Gültigen.

Ja, ich habe das Volksbegehren auch unterschrieben. Nein, ich hatte nicht sonderlich viel Spaß dabei. Ich tat es, weil jeder Anstoß, den das System Schule in seiner Trägheit erleidet, die Chance zu Veränderung birgt. Und Veränderung braucht es.

Jeder Betrieb, der heute halbwegs erfolgreich ist, beschreibt sich selbst – ob zu Recht oder nicht – als lernende Organisation. Als Struktur, die aus Versuch und Irrtum ihre Innovationskraft bezieht. Im krassen Gegensatz dazu sieht sich die Schule, jedenfalls in ihrer Mehrheit, als lehrende Organisation. Klar aufgeteilt in Sender und Empfänger, in Lehrende und Schüler. Zwischen Ersteren und Letzteren gleiten auf mehr oder weniger schiefer Ebene, beschleunigt durch die Schwerkraft verordneter Autorität: Fakten. Unterweisung in Weltwissen. Schule ist, so gesehen, die letzte Bastion, die eine Illusion aufrecht erhält, die vor hundertfünfzig Jahren zuletzt umsetzbar war – die Idee vom Universalgelehrten, der alles Wissen seiner Zeit auswendig aufsagen kann.

Die Schule, ihr Personal, ihre Lehrbücher und Lehrpläne versprühen systemimmanent ein derart unverrückbares Dogma der Unfehlbarkeit, dass sich der Papst in Rom alle zehn Finger abschlecken würde, hätten seine Worte ein ähnliches Primat auf Wahrheit wie die eines österreichischen Hauptschullehrers.

Der nämlich – der Lehrer, nicht der Papst – irrt nie. Er irrt nie, weil er es nicht darf. Weil im Fall, dass sich Lehrer oder Lehrbuchautor oder gar die Lehrergewerkschaft als erratisch begabte Lebewesen exponierten, die Schule ihren bizarren Status als lehrende Organisation verlieren würde.

Heute, im 21. Jahrhundert, gibt es immer noch eine todsichere Methode, die Bildungschancen des eigenen Kindes auf dem Altar der Beschwerde zu opfern, indem man die fachliche oder didaktische Eignung des mit seinem Kind befassten Lehrpersonals in Zweifel zieht. Daran ist nicht der Lehrer Schuld. Verantwortlich dafür ist vielmehr ein rustikales Bildungsideal, das ex cathedra die lautere Wahrheit zu verkünden vorgibt.

Es ist so einfach, Faktenwissen als das zu enttarnen, was es tatsächlich ist: ein Kind seiner Zeit. Ich habe einmal den Vortrag eines prominenten Onkologen gehört, der bei dieser Gelegenheit sagte: „Fast alles, was ich vor vierzig Jahren in meinem Medizinstudium als letzte Wahrheit gelernt habe, würde man heute als lebensgefährlichen Blödsinn bezeichnen.“

Wenn also Faktenwissen heute zu einem großen Teil als Momentaufnahme gelten muss, die sich einen Moment später als unrichtig erwiesen hat, steht immer noch die Frage im Raum: Was ist Bildung? Was können, was müssen wir begehren, um unsere Kinder und Enkel in der Schulzeit auf ein erfolgreiches Leben vorbereiten zu lassen? Denn, um ehrlich zu sein: die Vorbereitung auf eine erfolgreiche Teilnahme an Trivial Pursuit oder anderen Wissensspielen allein rechtfertigt noch nicht den Aufwand, der an der derzeitigen AHS getrieben wird.

Im so genannten Bildungsvolksbegehren ist die Forderung nach der Förderung individueller Talente verankert. Gut so. Sehen wir uns doch einmal an, welche Talente im bestehenden Bildungssystem gefördert werden. OK, da wäre einmal das Talent, ein Maximum an auswendig gelerntem Faktenwissen auf Zuruf fehlerfrei in exaktem Wortlaut wiederzugeben. Quasi unverdaut. Junge Menschen mit diesem Talent bekommen dafür die besten Noten und die wenigsten Schwierigkeiten. Wenn diese jungen Menschen darüber hinaus auch noch das individuelle Talent besitzen, nur durch rege Mitarbeit, also vollinhaltliche Zustimmung zu allen Lehrinhalten, aufzufallen, dann ist für sie eine steile Bildungskarriere vorgezeichnet. Soviel zur Begriffsklärung des Schulsystems zum Thema „individuelle Talente“.

Doch ich will nicht ungerecht sein. Ich habe im Laufe meiner Schullaufbahn selbst eine beinahe enzyklopädische Kenntnis des Wiener AHS-Systems erlangt. Von einem Gymnasium, das seine Aufgabe in der Fortführung der Tradition österreichischer Kadettenschulen des 19. Jahrhunderts sah, bis zu einer bei meinem Eintritt neu eröffneten Oberstufenschule, in der wir in Kooperation mit dem sehr jungen Lehrkörper das System Bildung neu erfinden und experimentell durch Trial & Error an unsere Bedürfnisse anpassen durften. Dazwischen war graues Mittelmaß, dargebracht von ergrauten Lehrern in grauen Klassenzimmern.

Im einen Extremfall bot die Schule – mit dem selbst gewählten Präfix „Elite“ – einen inhaltlichen Service, der uns in etlichen Fächern innerhalb der ersten zwei Jahre auf Maturaniveau brachte. Im Extremfall am anderen Ende des Spektrums lernten wir, dass Haupt- und Nebenfächer individuell nach Begabungsschwerpunkten definiert werden, dass pädagogisch untalentiertes Lehrpersonal mit einem durchargumentierten Schülerbeschluss abgesetzt werden kann und dass Schule ein Ort ist, an dem Neugier und Engagement belohnt werden.

Hätte sich das Volksbegehren einen Bildungsbegriff auf die Fahnen geheftet, der den Weg von reiner Faktenakkumulation hin zu einer gemeinsam lernenden Institution fordert; mir wäre die Unterschrift um vieles leichter gefallen.

Stefan Peters

Neunundneunzig Prozent

16.10.2011

Österreich ist ein reiches Land. Heißt schon so. Reich ist auch die USA. Probleme mit der gerechten Verteilung der fetten Beute haben beide Länder gleichermaßen. Nun schwappt ein Trend von den Vereinigten Staaten um die Welt: empörtes Campieren.

An der Wall Street und vor den Banken, in den Metropolen der Welt empören sich Gegner der Finanzwirtschaft. Sie protestieren gegen das Glücksspiel auf dem Kapitalmarkt, das immer mehr Geld in die Taschen von immer weniger Menschen spült. So weit, so vernünftig. Take from the rich, give to the poor: löbliche Programmatik im Sinne ausgleichender Gerechtigkeit.

Weil sie schon dabei sind, gegen das Kapital in bizarr ungerechter Häufung zu protestieren, plärren die Megafone auch gleich in einem Atemzug gegen den Kapitalismus. Klingt fast gleich, kann nix Gutes sein. Protestökonomie. Da braucht keiner zwei Mal auf die Straße gehen, wenn sich’s in einem Aufwaschen erledigen lässt.

Hier beginnt ein gar nicht so kleiner Denkfehler, der vermutlich geeignet ist, der schönsten Protestbewegung den Boden zu entziehen. Den Boden der Mehrheitsfähigkeit, die street credibility. Neunundneunzig Prozent der Bevölkerung sollen es sein, die die Demonstranten vertreten. Eine satte Mehrheit, mit der heute nicht einmal mehr österreichische Parteivorsitzende gewählt werden. Das ist jetzt sehr amerikanisch-plakativ, weit unter der statistischen Schwankungsbreite in Richtung eh Alle. Eh Alle, das wären plusminus Hundert, Prozent, nämlich. Und gegen nix, niemanden nämlich, zu demonstrieren: eher, naja.

Sollte – spinnen wir das, was gerade anläuft, ein bisschen weiter – aus den vereinzelten Protesten eine Art größere weltweite Bewegung werden, könnten sich manche Regierungen tatsächlich ermutigt fühlen, Gesetze gegen finanzmarkttechnische Pyramidenspiele und den Glauben an exponentielles Wachstum zu beschließen. Zum eigenen Steuernutzen, versteht sich. Aber das ist schon OK so und macht vielleicht sogar Schule.

Wenn hingegen die feine Trennlinie zwischen Kapitalmarkt und Kapitalismus der Neigung von Demonstranten zu einem holzschnittartigen Weltbild geopfert wird, dann war’s ein nettes Fest jetzt. Campingurlaub in bester Innenstadtlage, danke, fein war’s, bis zum nächsten Mal. Aus die Maus und nix passiert.

Protest gegen Kapitalismus ist Protest gegen die einzige – aus heutiger Sicht funktionierende – wirtschaftliche Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die immer schon die Mehrheit auf ihrer Seite hatte. Wer Lust und Zeit hat, möge sich an dieser Stelle ein Alternativszenario ausdenken. Die Tatsache, dass die, die gegen Kapitalismus auf die Barrikaden steigen, aber anschließend in den Weltladen gehen und Fairtrade-Kaffee aus Mittelamerika einkaufen, zeigt die ganze Zerrissenheit der Leute, denen nicht ganz klar ist, gegen wen und was sie da vom Leder ziehen.

Im Übrigen hat Google vorhin, als ich die Worte „Kapitalismus“ und „Definition“ eingetippt habe, ein Ergebnis geliefert, das ich noch niemals von dieser Suchmaschine bekam: „Server Error“. Unheimlich, nicht? Wenn es Zeichen gibt – voilà! Das wär eins.

Die zweite Ungereimtheit, die mir das Wall Street-Pfadfinderlager suspekt macht, ist, dass auf vielen Photos aus aller Welt Leute mit Anonymous-Masken herum laufen. Wie das? Anonymous, das sind doch die – wahrscheinlich jungen – Leute, die hauptsächlich mit subversiven Hackaktionen gegen Staat, Politik und Überwachungswut auffallen. Ich dachte, es geht gegen Banken, Börse, Multis und andere Pfeffersäcke. Aber ändern, so richtig pragmatisch hergehen und was tun: Das kann nur die jeweils zuständige Regierung. Die es, zugegeben, geschehen hat lassen, dass ihr schneidige Finanzleute unauffällig Kontrollinstanzen entwunden haben wie der Vater seinem Sohn das Schnitzmesser entwindet, bevor der sich weh tut: Gib her da, Patscherl.

Und Anonymous? Liebe Regierung, wir haben gerade sensible Daten über eure Polizisten gehackt und ausgeplaudert. Und übrigens, wo wir gerade so schön beim Plaudern sind – wie wär’s damit, fette Steuern auf Finanztransaktionen einzuheben? Außerdem ist der Kapitalismus das Letzte. Geht’s noch?

Was haben wir? Eine Protestbewegung, die behauptet, eine fast vollständige Bevölkerungsmehrheit zu vertreten. Was ihr fehlt, sind zwei Dinge: mehrheitsfähige Inhalte und die Kooperation mit den Regierungen. Die nämlich stehen in der heutigen Situation ausnahmsweise auf der selben Seite des Zaunes wie die Demonstranten. Auch sie sind Geschädigte. Wenn man sie wissen lässt, dass sie neunundneunzig Prozent der Bevölkerung hinter sich haben, servieren sie Tobinsteuer an geeistem Grundeinkommen. Bedingungslos.

Stefan Peters

Die Angst vor der Angst

23.7.2011

Die Anschläge in Norwegen – und was wir daraus machen.

In Norwegen sorgt ein terroristischer Doppelanschlag für ein Blutbad. So weit, so schrecklich. Und außerdem noch für eine Reaktion seitens der Regierung, die von abenteuerlicher Klarheit zeugt.

Während sich Fachleute in definitorischen Spitzfindigkeiten ergehen, ob es sich bei der Tat überhaupt um einen Terroranschlag gehandelt haben könnte oder um einen Amoklauf, steht wieder einmal die Frage im Raum, wie Politik mit Derartigem umgeht. Immerhin ist Terror dazu da, ein politisches System zu destabilisieren. Zieht das politische System – eine Regierung oder Staatengemeinschaft – nach, hat es schon verloren. Geschehen im Fall von 9/11, als der eilig verabschiedete PATRIOT Act für weltpolitische Verwerfungen in Sachen Bürgerrechte sorgte.

Durch die restriktive Reaktion auf einen Terrorakt versuchte die Bush-Administration, so zu tun, als würde sich Geschichte wiederholen. Das tut sie nicht. Nie. Wer das glaubt, kommt zu spät. Mit der massiven Beschneidung der Bürgerrechte versucht die Politik, die Illusion zu erzeugen, man könne Geschehenes ungeschehen machen und mit punktuellen Maßnahmen verhindern, dass bestimmte Bedrohungsszenarien eintreten. Das ist kindisch. Es setzt nämlich voraus, dass Terror genau so eintreten wird, wie das bereits einmal der Fall wahr. Wahrscheinlicher ist, dass genau dieses Szenario nie wieder eintreten wird.

Einschränkung der allgemeinen Bewegungsfreiheit, massive Überwachung, Generalverdächtigung bestimmter Gruppen der Bevölkerung – all diese Schritte der Politik führen in Richtung Totalitarismus. Dorthin also, wo der Terrorismus schon heute ideologisch steht und ein Heimspiel erwartet.

Was tut die Politik also, um souverän zu reagieren? Bestenfalls: nichts. Das also, was Norwegen zu tun beabsichtigt. Ein Land, das für eine offene Gesellschaft, offene Grenzen, Reichtum und – möglicher Weise in Folge dessen – sozialen Frieden bekannt ist. Ein mutiges Land.

Terror ist das Gegenteil davon. Terror bedeutet wortwörtlich Angst. Wir übersetzen den Begriff reflexartig mit dem Verbreiten von Angst durch Terroristen. Verständlich, weil die Täter-Opfer-Rollenverteilung so klar ist wie selten sonstwo.

Das ist die eine Seite, die wie üblich zu kurz greift, weil sie vom Postulat einer Existenz von natural born killers ausgeht.

Terror ist nicht nur die Ursache von Angst. Sie ist in erster Linie das Ergebnis davon. Es sind die mutigen Menschen, die sich zeigen, die offen handeln und Verantwortung auch für Andere tragen. Und es sind die Ängstlichen, die sich verstecken und aus der Deckung agieren. Insofern ist ein Terrorist ein Mensch, der die Gesellschaft an seiner Angst beteiligt.

Wie schützt sich eine Gesellschaft vor Terrorismus? Indem sie ihre Bürger ermutigt. Das ist Aufgabe der Politik. Je offener eine Gesellschaft ist, desto sicherer ist sie vor Terrorismus. Je mehr Druck eine Politik auf ihre Bürger ausübt, desto sicherer bringt sie Terroristen hervor.

Kontrolle mit Schutz gleichzusetzen, wie das nicht nur offen totalitäre Regimes praktizieren, ist ein fatales Missverständnis. Denn eine Gesellschaft weltweit so zu kontrollieren, dass terroristische Akte auch nur wesentlich erschwert werden, würde einen Totalitarismus erfordern, der nicht einmal im Dritten Reich flächendeckend durchgesetzt wurde. Und das, wohlgemerkt, zu einer Zeit, in der von Globalisierung im heutigen Sinn noch keine Rede war und in der technologisch im Vergleich zu heute Steinzeit herrschte.

Terroristische Anschläge zu verüben ist heute weltweit Jedem möglich. Wie wir in Norwegen gesehen haben.

Was ist zu tun? Es ist Trauerarbeit zu leisten. Das jedenfalls. Es ist darüber nachzudenken, wie Terrorismus der Boden entzogen werden kann.

Angst wird es immer geben. Das ja. Und immer mehr davon, in einer modernen Gesellschaft, die den Wert ihrer Mitglieder nach ihrer Wirtschaftsleistung bemisst und dabei soziale Grabenkämpfe lostritt. Eine paranoide Politik legitimiert diese Angst zum gesellschaftlichen Konsens.

Eine pluralistische Politik schafft das Gegenteil. Sie macht Mut und erklärt ihn zur staatsbürgerlichen Tugend. Genau das tut Norwegen dieser Tage. Die Regierung Stoltenberg erklärt, weiterhin den Kurs einer weit offenen Demokratie fahren zu wollen. Und König Harald verteidigt diesen Weg mit dem Argument, Freiheit sei stärker als Angst.

Das ist karger Boden für Terrorismus. Und ein Beispiel.

Stefan Peters

Aspirin fürs Volk

2.2.2011

Vor einigen Tagen hat der ehemalige österreichische Finanzminister Karlheinz Grasser zugegeben, einen Gewinn nicht versteuert zu haben. Er hat Selbstanzeige erstattet und auch gleich die Rechnung beglichen. So weit, so rechtmäßig. Rechtsstaatlich, eben. Mit einer – noch so ein Unwort wie etwa Unschuldsvermutung – schiefen Optik, die sich gewaschen hat. Aber schiefe Optik, das ist etwas, das in Österreich noch niemals das Ergebnis eines Rücktritts oder sonstiger nachhaltiger Polit-Tektonik gezeitigt hätte.

Dieser Versuch, dieses „Man wird’s ja wohl probieren dürfen“, gepaart mit einem „Erwischt!“ und dem spitzbübischen Grinsen, so wie damals der Bub in der Zahnpastawerbung, ist eine Art österreichischer Krankheit. Von der Wirtschaft als „Feinkostladen Österreich“ apostrophiert, schlichten wir eher Waren in die Regale einer alpenländischen Schmähtandlerei, die an der bevorzugten Einkaufsstraße von Fremdenverkehr und Innenpolitik liegt.

Wohlgemerkt, Grasser ist keine Krankheit. Er ist ein Symptom. Ihm den Prozess zu machen und ihn, sollte sich seine Schuld erweisen, auch zu verurteilen, ist zwar richtig. Denn Österreich ist, wie gesagt, ein Rechtsstaat. Zur Heilung der dahinter liegenden Krankheit trägt dieses wie auch vergleichbare Verfahren allerdings nichts Wesentliches bei.

Es klärt nicht die Frage nach dem Nährboden, der die Tateinheit von persönlicher Bereicherung am öffentlichen Gut und gleichzeitigem Werfen von Nebelgranaten in Richtung ebenjener Öffentlichkeit hervorbringt.

Dass Schmieren und folglich auch Geschmiert-Werden in jedem bürokratischen System immanent verankert ist, das ist nichts Neues. Wollte man mit Antikorruptionsgesetzen das Schmieren abschaffen, müssten diese Gesetze eine Abschaffung der öffentlichen Verwaltung beinhalten. Was uns auch nicht recht wäre.

Geld in seiner Funktion des Opfers, das dargebracht wird, um Entscheidungsträger günstig zu stimmen, Abläufe zu beschleunigen, Türen zu öffnen, ist im Wesen jeder Kultur normal. Immerhin kann sich dieser Vorgang auf eine lange Tradition in allen wesentlichen Religionsrichtungen berufen. Jetzt Empörung zu heucheln und öffentlichkeitswirksam nach dem Riechfläschchen zu verlangen hat angesichts der Historie von Geben und Nehmen etwas Frivoles.

Dieser Kultur mit Gesetzen entgegen treten zu wollen, ist rührend. Das war’s dann aber auch schon. Denn Gesetze sind nicht imstande, Gerechtigkeit zu schaffen. Was sie können, das ist, den jeweils herrschenden Zeitgeist zu spiegeln. Dass sich dieser Geist ständig verändert, das ist gut so. Würden Grasser und seine Freunde als Nehmer im großen Stil angeklagt und verurteilt, dann würde voraussehbarer Weise öffentlich Genugtuung zelebriert. Diese Genugtuung ist nicht die Zufriedenheit über den gerechten Ausgang einer Straftat. Sie verströmt das Odium von Satisfaktion auf dem Fundament von Rache.

Genau diese Grundstimmung ist es, die das Zeitgeistbarometer anzeigt. Während die gesellschaftlichen Umbrüche von 1968 tendenziell intellektuelles Unterfutter hatten, das Wort „Gerechtigkeit“ auf dem Banner der Revolution trugen, läutete 1989 die Leitkultur der Rache ein. Medial veröffentlichte Hinrichtungen von Ceausescu bis Hussein, Aufrufe zu heiligen Kriegen gegen Terror, Vergeltungsdrohungen, ausgesprochen durch einen fundamentalreligiösen Warlord, der zufällig auch Präsident der einigen verbliebenen Supermacht der Welt war. So sieht Rache aus.

Hier geht es nicht um Gerechtigkeit. Hier werden Fackeln und Heugabeln zur Hand genommen. Blut muss fließen.

Dass diese Fackeln und Heugabeln die bevorzugten Argumente sind, mit denen in Österreich politischer Diskurs geführt wird, zeigt das Straßenbild in Vorwahlzeiten.

Den eigenen wirtschaftlichen und sozialen Abstieg – Ergebnis mangelhaften Schmähtandelns – gesühnt zu bekommen, indem einem der Kopf eines beliebigen Schuldigen auf dem silbernen Tablett serviert wird, ist der Stoff, in den sich politische Mehrheitsfähigkeit kleidet. Es ist angerichtet, bitte zu Tisch!

Eine eventuelle Verurteilung von KHG entspricht etwa der Gabe eines milden Schmerzmittels gegen syptomatische Beschwerden, quasi Aspirin fürs Volk. Das Äqivalent einer kleinen Rache also. Einem Racherl, das so tut, als wäre der Zustand ausgleichender Gerechtigkeit wieder hergestellt.

Ein besonders bei jungen Menschen ausgeprägter Sinn ist der für Gerechtigkeit. Gerechtigkeit von der Art des Regelwerks, das sie vom Fußballspiel kennen. Regeln, die dazu führen, dass das Revanchefoul härter bestraft wird als das Foul selbst. Für Gerechtigkeit ist der Schiedsrichter zuständig. Ein Revanchefoul ist Selbstjustiz. Ist Rache.

Während die Gerechtigkeit einen Vertrag voraussetzt, an den sich alle halten, während ihre Durchsetzung Erwägung braucht, Zeit und Gehirnschmalz, also insgesamt eine mühsame Sache sein kann, ist Rache vertragsloser Zustand im Schnellverfahren. Erst schießen, dann fragen.

Der amerikanische Psychologe Eric Berne, der vor einem halben Jahrhundert die Grundlagen der Transaktionsanalyse entworfen hat, skizziert in seinem Buch „Spiele der Erwachsenen“ soziale Abläufe, in denen Menschen mit ausgeprägtem Therapiebedarf aus ihrem psychischen Zustand Nutzen ziehen und ihn deshalb beibehalten wollen. Im Partyspiel „Schlemihl“ verstößt ein Mitglied einer Gruppe in immer stärkerem Maß fortlaufend gegen gesellschaftliche Konventionen. Für diese Verstöße entschuldigt sich der Spieler umgehend. In Österreich kann, wie wir aus der jüngeren Geschichte der Politkultur wissen, der Entschuldigung auch ein trotziges „Meinetwegen“ vorangestellt werden. Um nicht als Verlierer oder Kleingeist angesehen zu werden, wird diese Entschuldigung ausnahmslos akzeptiert. Mit der Folge, dass der nächste Verstoß noch eins draufsetzt.

So werden die Grenzen, die gesellschaftliche Konventionen setzen, aufgeweicht. Gewinner ist übrigens immer der Schlemihl. Jedenfalls, so lange man ihm die Möglichkeit einräumt, sich zu entschuldigen und ihm damit einen Persilschein in die Hand drückt.

Dass der triviale Mechanismus von Fehlverhalten und gerechtem Ausgleich in eine Schieflage von Schuld und Entschuldigung gekippt ist, ist nicht nur, aber auch eine österreichische Krankheit. Dass, wo keine Entschuldigung in Reichweite ist, der anständige und fleißige Absteiger nach Rache schreit, das auch.

So kreißt die Alpenrepublik und gebiert Schmähtandler.

Stefan Peters

Facebook, Reibach und das Öffentliche

28.1.2011

Peter Hustinx, Datenschutzbeauftragter der EU, hat einen Vorschlag geäußert, der im ersten Moment reichlich schräg klingt. In einem Interview mit der Zeitung „Der Standard“ hat Hustinx angeregt, die User der Sozialplattform Facebook mögen doch hergehen und Geld von den Betreibern des Netzwerks fordern.

Das hört sich im ersten Moment nach einem „eat the rich!“-Reflex an. The rich, Mark Zuckerberg nämlich, Prototyp des anämischen Nerds, dessen Lieblingsprosa in Benutzerhandbüchern und auf Kontoauszügen mit bizarr vielen Nullen zu finden ist. Der junge Mann, der eine Idee hatte, die gehabt zu haben sich eine Menge anderer junger Nerds wünschen. Eine Idee, die den größten Teil aller weltweit gültigen Gesetzgebung zum Datenschutz obsolet macht. Weil eben die zu Schützenden, also wir, ohne Not all die Informationen über uns öffentlich abliefern, die, würden wir das nicht wollen, nicht publik sein dürften.

Wenn es stimmt, dass Daten Wert besitzen, dann stimmt es genauso, dass wir solcherart Wertgegenstände aus dem Fenster werfen. Sollte jemand unter unserem Fenster stehen und die Klunker einsammeln, schreien wir sehr wohl: „Haltet den Dieb!“ Das nützt uns jetzt auch nichts mehr. Hätten wir halt nicht werfen sollen.

Doch dafür sind die Datenschutzgesetze nicht gemacht. Niemand entmündigt uns, wenn wir uns auf den digitalen Dorfplatz stellen und unter der Überschrift „Mein peinlichstes Erlebnis“ Dinge über uns selbst erzählen, die erzählt zu haben uns schon sehr bald sehr leid tun werden. Was nichts hilft. Denn: „Die Rache des Journalisten ist sein Archiv“, hat Robert Hochner einmal gesagt. Journalist ist, daran werden wir uns im Zeitalter des Internet noch gewöhnen müssen, potenziell Jeder. Ebenso, wie das Archiv jedem gehört. Ob bezahlt oder als freier Download, macht bloß einen buchhalterischen Unterschied.

Facebook ist Dienstleister. Dienstleister ist die Plattform aber nur deshalb, weil wir das so sehen wollen. Wir dürfen auf diesem digitalen Dorfplatz Nabelschau aller Art betreiben. Dürfen Photos, Videos, Chats und nach außen gekehrte Befindlichkeiten abladen. Nie war das gelebte Starprinzip um die eigene Person einfacher zu relisieren. Und das Beste daran ist: Es kostet uns keinen Cent. Gratis.

Genau das sollte uns stutzig machen. Zuckerberg als prominenter Vertreter aller anämischen Nerds, die hinter social networks stehen, als paradigmatischer Vader Abraham aller Netzschlümpfe, hat eindeutig nichts Mutter Theresa-Artiges. Auch sein wirtschaftliches Umfeld, der Kapitalismus Made in USA, ist eher keiner vordergründig karitativen Werthaltung verdächtig.

Der Punkt ist: wir zahlen eh. Wir zahlen mit Aufmerksamkeit für bezahlte Werbung. Wir zahlen mit jeder einzelnen Information, die wir, den Datenschutz unterlaufend, freiwillig auf den Server kippen. „Facebook ist Stasi auf freiwilliger Basis“, beschreibt das der Kabarettist Michael Niavarani ebenso drastisch wie treffend. Ohne uns kein Content. Ohne Content keine Ads. Ohne Ads kein Reibach. Eine knappe halbe Milliarde US-Dollar netto war’s übrigens im abgelaufenen Jahr.

Wir haben gelernt, mit Gratisangeboten umzugehen. Das schon, ja. Gelernt heißt, wir haben einen „Her damit!“-Reflex entwickelt. Weil: Wer weiß, wie lange das Angebot gilt und wie lange es dauert, bis das Freibier ausgetrunken ist? Paradox an dieser Sache ist, dass es einerseits illegal ist, die Sonntagszeitung zu fladern. Andererseits ist es für Medienunternehmen geschäftsschädigend, am Zeitungsständer vorbei zu gehen es nicht zu tun. Denn verdient wird nicht am Kauf-, sondern am Werbepreis.

Was wir noch nicht gelernt haben, das ist der Umgang mit Öffentlichkeit. Mit einer Art von Öffentlichkeit, für die es vor fünfundzwanzig Jahren nicht einmal eine Definition gab. Die Öffentlichkeit des Internet, mit der niemand umgehen kann. Nicht die Politik, nicht die Gesetzgebung, nicht die Medien. Wir schon gar nicht.

Wenn wir ein Bild auf Facebook stellen, auf dem andere Menschen als wir selbst abgebildet sind, können wir diese Menschen markieren und benamsen. Ob die das wollen oder nicht, ist deren Problem. Wäre Facebook ein Medium, würde das nach dem österreichischen Mediengesetz eine Verletzung des Bildnisschutzes bedeuten. Wenn wir uns über andere Menschen via Facebook auslassen, wären wir nach dem selben Gesetz wegen Beleidigung, Kreditschädigung oder Verleumdung fällig.

Facebook ist ein Medium. Und wir sind seine Redakteure. Dass ein nationales Mediengesetz auf diese Art öffentlicher und veröffentlichter Information nur mit Kapitulation reagieren kann, ist nachvollziehbar. Immerhin hat das Gesetz im Wesentlichen dreißig Jahre auf dem Buckel und hantiert mit einem Bild von Öffentlichkeit, das längst mit bunten Deckfarben übermalt worden ist. Soviel zur Realitätsnähe der Legislative.

Die Verantwortung dafür, dass Facebook heute ein höchst profitables Unternehmen ist, tragen über eine halbe Milliarde User, die insgesamt jeden Tag, rund um die Uhr und weltweit dafür sorgen, dass das Medium seinen Zweck erfüllt. Den nämlich, Informationen auf Server zu kippen. Täten sie das nicht, wäre Facebook wertlos. Wertlos für Inserenten, die AdClicks bezahlen, wertlos für alle, die in diesem Medium genau die Informationen finden, die sie suchen. Und das ganz ohne lästige Datenschutzgesetze.

Es ist vollkommen normal, dass Hustinx die Forderung aufstellt, Facebook-Usern sollte für ihre redaktionelle Mitarbeit in diesem größten Einzelmedium der Welt etwas bezahlt werden. Was denn sonst?

Stefan Peters

Die Welt ein bisschen runder machen