Was haben Nachrichten mit mir zu tun? Wann erreicht die große Welt mein Leben? Sind wir alle Kumpel im Empörungsbergwerk? Minimalinterventionen unserer Informiertheit.
„All the news that’s fit to print“
Dieses Motto der New York Times prangt seit 1897 auf dem Kopf der Zeitung. Alle Nachrichten, die es wert sind, gedruckt zu werden. Eine Ansage für sauber recherchierten, unparteiischen, zuverlässigen, unaufgeregten Journalismus. Eine Absage an das aufgeregte Geschrei der Yellow Press-Krawallblätter, die damals wie heute durchrauschen lassen, was nur sensationell genug klingt. Der dortige Torhüter ist gerade nicht am Platz, könnte man sagen. Die große Frage, wenn es um Suffizienz des Nachrichtenkonsums geht, ist: Was ist es wert? Welchen Wert messe ich all den Nachrichten bei, die Tag und Nacht über Radio, Fernsehen, Podcast, Zeitungen und einen nie versiegenden Strom aus digitalen Kanälen ein flirrendes Informations-Grundrauschen erzeugen? Bin ich überhaupt in der Lage, zu differenzieren, welche Information für mein Leben oder das meiner Vertrauten relevant ist und welche nicht? Stehen wir in dieser Sache am selben Punkt wie im Bankenwesen, wo wir im Lauf der vergangenen Jahrzehnte gelernt haben, Aufgaben zu übernehmen, die zuvor der Mensch am Bankschalter erledigt hat? Wie soll es mir gelingen, aus dem Wust das für mich Bedeutsame herauszupflücken, und alles andere dem Nachrichtenfluss zu überantworten. Auf dass es weiter getragen werde in den Ozean der Irrelevanz und nicht weiter meine Kreise störe.
Empörungsökonomie
Doch so sind wir nicht. So fähig, uns ganz instinktiv dem zu öffnen, was uns direkt oder über Umwege betrifft, und uns dem zu verschließen, was wild fuchtelnd vor uns auf und ab hüpft und laut schreit. Weil uns die Sensationsnachricht dort erwischt, wo wir kraft evolutionärer Verdrahtung unsere Alarmschalter eingebaut haben. Früher hat’s geheißen, wir leben in einer Aufmerksamkeitsökonomie. Es scheffeln nicht jene das große Geld, die uns Güter, Dienstleistungen, Ländereien verkaufen, sondern diejenigen, denen es gelingt, unsere Aufmerksamkeit zu binden. Dahinter stehen die großen Gefühle. Der Erlebnisstratege Christian Mikunda hat dazu ein aufschlussreiches Buch geschrieben: Warum wir uns Gefühle kaufen. Ein Gefühl, das besonders gut verkauft, das ist die Empörung. Sie ist zentrales Geschäftsmodell sowohl der Krawallmedien als auch politischer Parteien mit totalitärer Agenda. Hier findet im Informations-Mordor zusammen, was zusammengehört. Minderheiten, Regierung, Inflation, das Wetter – unerschöpflich die Flöze, aus deren Erz Medien wie Politik blanke Empörung schmieden.
Und wir? Wir springen an. Empören uns. Verwechseln Erregung mit Informiertheit. Sagen es weiter. Ist es nicht schrecklich? Da muss man ja. Muss man nicht, nein. Aber Empörung als Gemeinschaftserlebnis, das hat schon was, so ein Gefühl von Einigkeit, so ein bissl Masse und Macht.
Nachrichtenfasten – Nachrichten verweigern
Wie wäre es denn eigentlich, wenn? So als Denkexperiment. Wenn wir bei jeder Nachricht, der wir unsere Aufmerksamkeit, dieses hyperwertvolle Gut, schenken, vorher kurz innehielten. Nur eine Frage stellen würden, nämlich: Wie relevant ist diese Nachricht für mein Leben? Führt ihr Konsum dazu, dass ich hinterher Antworten auf anstehende Entscheidungen für mein Leben habe? Dass ich mich wohler fühle, besser?

Dass mich der Konsum dieser Nachricht darin unterstützt, mein Leben in dieser Welt besser einzuordnen. Die einzig sinnvolle Antwort auf diese Fragen ist eine radikale Reduktion meines Nachrichtenkonsums. Indem ich den Spieß umdrehe. Indem ich mich aktiv auf die Suche mache nach Informationen zu Themen, die mich betreffen. Wie entwickelt sich die Verkehrsinfrastruktur meines Wohnortes? Was will ich über mein Urlaubsziel wissen? Welche Gesetze beschließen die Abgeordneten im Parlament? Welche Trends beeinflussen meine berufliche Zukunft? Globale Entwicklungen in Politik, Wirtschaft und Kultur erfahre ich auch, wenn ich Nachrichten in längeren Intervallen konsumiere. Nicht jede Sau, die durchs Dorf getrieben wird, ist für mein Leben bedeutsam.
Doomscrolling
Eine Nachrichtenspielart der besonderen Sorte ist die Timeline. Wer über ausreichend Zeit, Sensationslust, Leidensfähigkeit oder schlicht zuwenig Widerstandskraft verfügt, wagt einen Kopfsprung in die Abgründe dessen, wozu der Mensch fähig ist. Die Timelines von Facebook und Co. entlang zu scrollen, dann und wann eine Kommentarstrecke zu öffnen, das entspricht Dantes Wanderung durch die neun Höllenkreise, nur ohne einen Vergil an seiner Seite, geschweige denn eine Beatrice. Keine Erkenntnis, keine Vernunft, erst recht keine Liebe, bloß kaskadenartige Häme, Verschwörungsgeschwurbel, giftige Schwaden hochkochender Trollsuppe. Immer noch möchte ich annehmen, dass Soziale Medien das Zeug zur diskursiven Plattform haben. Immer noch denke ich, dass in ihnen das Potenzial zur lokalen Information, Organisation von Graswurzel-Initiativen und anderem zivilgesellschaftlichen Engagement steckt. Ein Versprechen, das, soweit ich das mitverfolgen kann, dezentrale Plattformen wie Mastodon durchaus einlösen. Andere, wie Facebook, wirken dagegen wie eine endlose Massenkarambolage. Du kannst nicht wegschauen, es tut dir nicht gut, du versinkst in eine Problemtrance, und der Nachrichtenwert geht gegen Null.
Informieren wie gedruckt
Pass auf, ein Experiment: Nimm dir eine Stunde Zeit und setz dich in ein Kaffeehaus. Dort findest du normalerweise eine Auswahl nationaler und internationaler Zeitungen. Nimm eine davon zur Hand, überlege dir, welches Ressort dich interessiert, schlag die Zeitung gezielt dort auf und informier dich. Wenn du Zeit und Lust hast, vergleich die Nachrichten mit denen im selben Ressort einer anderen Zeitung. Widersteh dem Impuls, am Ende eines Artikels aufs Papier zu tippen, um die Kommentarstrecke der Leser*innen zu öffnen. Da ist nix, nur, je nach Blatt, mehr oder weniger professionelle journalistische Leistung. Den Wert der Nachricht für dein Leben einzuordnen, fällt in diesem Format sehr viel leichter als in einer linearen Timeline, ebenso die Auswahl der Nachrichten, die du bewusst aufschlägst. Und nicht zuletzt sagt dir das Impressum, wer und damit wessen Interessen hinter den Inhalten stehen, die du zu sehen bekommst.
Auf diese Weise fokussierst du ganz automatisch auf das, was dir relevant erscheint. Du hast die Möglichkeit, diese Themen im gedruckten Blatt vertieft recherchiert zu bekommen, einzelne Fakten auf einen Blick querzuverbinden, hin- und herzublättern, eigene Notizen dazu zu kritzeln. So informieren wir uns. So lernen wir, so entwickeln wir Meinungen, die mehr sind als ein dumpfer Beißreflex. So befreien wir uns von Timeline-Gesumm und schaffen Platz für Freundlichkeit.
Hier geht’s zu Infos zu Stefan Peters


