Wieviel Intervention benötigt dein Garten? Was darf wachsen, was kann weg? Was brauchst du, um zur Abwechslung einmal Ruhe zu finden? Ein Ausflug ins Grüne.
Der Winkel bleibt wild
Ich hatte einmal ein Haus am Land mit relativ viel Grund dabei. Einiges davon war Wald. Gut, da wuchs nix außer Bäumen. Abgesehen von Auslichten und Schädlingskontrollen war da kaum was zu tun. Was mich anfangs richtig forderte, das war der Garten. Oder nein. Ich nehme alles zurück und behaupte das Gegenteil. Weil: nicht der Garten war es, der mich forderte, sondern mein Anspruch, dass er tunlichst auszusehen hatte wie der Katalog eines Gartencenters. Soll heißen, ebene, gepflegte Rasenfläche, gestutzte Hecken, alles in Reih und Glied, nieder mit dem Wildwuchs! Das Ganze bis in den äußersten Winkel.
So schnallte ich die Motorsense um, kitzelte den Zweitakter auf volle Touren und machte ihn nieder, den äußersten Winkel. Ein Dutzend gerissene Mähfäden später hatte ich dreißig Quadratmeter hüfthohes Gras umgelegt, dazu drei, vier Ameisenhaufen, die sich darin versteckten. Das Ergebnis war eine tiefe Wunde in der Natur, mich inbegriffen. Am nächsten Tag fragte ich mich, wie oft ich diesen hintersten Winkel für Spiel, Sport und Picknick benützen würde. Die Antwort lautete: nie. Ich ließ in der Folge Gras drüber wachsen, hüfthoch. Man darf ja lernen. Der Winkel blieb wild, als Lebensraum für eh alles, was dort leben wollte.
Giersch gewinnt immer
Es gibt sehr viele Menschen, die von Permakultur sehr viel Ahnung haben. Ich selbst gehöre zu den Anderen. Zu denen, die vielleicht schon einmal davon gehört haben, die bits & pieces an Halbwissen gesammelt haben, ohne jetzt die große Idee zu haben, wie ich meinen Garten so anlege, dass, grob gesagt, alles gegenseitig aufeinander aufpasst. Sich nährt, schützt, stützt, Schatten spendet und insgesamt so das große Gleichgewicht wahrt. Je weniger ich eingreife, desto stabiler das System. Soll heißen: Finger weg!
Einer, der davon jede Menge Ahnung hat, ist der Biologe Hector Endl, ein Permakultur-Berater im Westen Wiens, den ich einst im Rahmen eines TV-Interviews kennenlernte. Sein Garten (und Haus) war für mich ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass ein funktionierendes Biotop zwar systemisch-umsichtige Planung benötigt, aber, sobald es läuft, nur noch ein Mindestmaß an pflegender Intervention. Seine unvergleichliche Gelassenheit war damals ein starkes Indiz für mich, dass Suffizienz in der Gartenarbeit wahrscheinlich Gutes mit uns anstellt. Indem wir uns mit dem verbünden, das uns indirekt nützt. Indem es Boden bereitet, Schatten macht, Schädlinge fernhält. Um die Reinigungskraft von Joseph Beuys zu paraphrasieren: Ist das nützlich oder kann das weg? Klare Sache: Soll bleiben. Weil: Was soll’s? Giersch gewinnt sowieso immer.
Never change a running system

Dass da was dran ist an der natürlichen Selbststeuerung von Systemen – Autopoiesis, wer bei Humberto Maturana und seinem Baum der Erkenntnis weiterlesen möchte -, das merke ich, wenn ich einen Blick auf den winzigen Teich in unserem Garten werfe. Seit Jahren überlegen meine Frau und ich, ihn auszuräumen, auszupumpen, Folie raus, in die Hände spucken und zum Spaten greifen, ihn vertiefen, vergrößern, so ungefähr. Dann sehen wir, wir klar das Wasser bis zum Grund ist, welche Unzahl an Viechern sich drin und drüber tummelt, Frösche, Libellen, Bienen, Wespen, Rückenschwimmer. Auf der Wasseroberfläche scheinbar schwebend auf einem flachen Stein der Buddha, am Ufer haufenweise Kräutln, die sich aus dem Teich holen, was sie brauchen. Never change a running system, so heißt’s in der IT. Und in der Natur.
Lauch liebt Karotte
Dass eine bunte Blumenwiese gleichermaßen für die Biodiversität als auch für deinen Rücken sehr viel gesünder ist als ein auf Wimledontauglichkeit gestutzter Monokulturrasen, ist noch leichter verständlich als die Einsicht, dass es Pflanzen und Tiere gibt, die sich gegenseitig nützen oder schaden. Es gibt da einen Satz von Info-Karten, der uns bei der Anlage von Kräuter- und Gemüsebeeten hilfreich ist. Lauch liebt Karotte heißt die Box, und sie zeigt die symbiotischen gegenseitigen Unterstützungen für eine gedeihliche Pflanzennachbarschaft auf. Gras wächst zwar nicht schneller, wenn man daran zieht. Aber es wächst gesünder, wenn wir es es in geeignetem Umfeld in Ruhe lassen.
Und wenn’s dann doch einmal so weit ist und der Rasenmäher ran muss, dann nimm den Grasschnitt, deck damit die nackte Erde um deine Gemüse zu. Das macht dir weniger Mühe, spart Wasser und gibt der Erde Nahrung. Danach such dir zwei Bäume und spann die Hängematte auf. Ein gutes Buch, schauen, schlafen, der Lohn der Suffizienz im Garten.
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