Fitness ohne Maschinen

Wie viel Maschine braucht deine Fitness? Wer traut sich silly walks mit Publikum? Von Stadtwanderungen und Bewegung im Suffizienzmodus.

Misery loves company

Es gibt so Zeitpunkte, da rückt der eigene körperliche Gesamtzustand schlagartig in den Fokus. Neujahr, Ballsaison, Fastenzeit (der ich mich vergangene Woche gewidmet habe), die erste saisonale Anprobe von Badekleidung, Maturatreffen, you name it. Dann ist meist ebenso schlagartig Feuer am Dach und in den Fitnessstudios glühen die Kartenterminals.

Klar steigt die Selbstverpflichtung mit dem monatlichen Mitgliedsbeitrag, klar werde ich nicht drei- oder fünfhundert Euro im Jahr für eine Leistung auf den Tisch legen, die ich nicht in Anspruch nehme. Klar ist es sinnvoll, sich im Studio von kundigen Leuten beraten zu lassen, mit welchen Maschinen in welcher Einstellung ich mit wie vielen Wiederholungen meine Schwimmreifen ablege. Und, weil es ja heißt, misery loves company, fällt das Leiden am sinnlosen Gewicht ja leichter, wenn’s anderen rundherum auch nicht anders geht. Abgesehen davon hängen sie in den Studios gerne Monitore auf, die mit viel Tschinbumm Stuntnummern zeigen. Coole Sache, coole Leute. Halb so alt wie ich selbst und dreimal so trainiert. Träumen: sicher. Reality Check: Vergiss es!

Fit mit Gabi & Co.

Eine Faust streckt eine Zwei-Kilo-Hantel in die Höhe
Dinge, die sehr gut auch daheim gehen: Hoch das Kilo! Die Pulsuhr ist fakultativ.

Offen gestanden kenne ich die Maschinenfitness gerade einmal von wenigen Gelegenheiten aus erster Hand, bin nie so richtig hineingekippt. Die Abos haben Menschen in meinem Familienkreis. Manche von ihnen gehen sogar regelmäßig hin. Ich aber hab Gabi. Also Gabi Fastner, um genau zu sein. Die ist eine Art Ilse Buck, wer sich noch an die Radio-Vorturnerin unserer Jugend erinnert, aber mit Bild, bewegtem Bild. Sehr bewegt und auf Youtube. Also bei mir im Wohnzimmer. Was die Angelegenheit mit der Fitness unglaublich niederschwellig gestaltet und alle Ausreden auf ziemlich null reduziert. Mittagspause im Home Office? Geht mit Gabi. Die sich, mir vorturnend, noch durch die schweißtreibendsten Passagen durchlächelt. Ja, das ist manchmal ein bissl unheimlich. Aber immer befriedigend, wenn spätestens am nächsten Morgen klar ist, welche Muskelgruppen gestern dran waren.

Silly walks mit Freund*innen

Als coronabedingt Lockdown war, haben wir uns mit Nachbar*innen zusammengetan, die Gabi samt Laptop im gemeinsamen Garten auf einen Hocker gestellt und dafür gesorgt, dass die Leute im gesamten Häuserblock was zum Schauen haben. Okay, in der Gruppe war das machbar, allein hätte ich mich wahrscheinlich nicht getraut, öffentlich jede Menge silly walks aufzuführen. Aber das Feine (und Suffiziente) dran ist, dass der Aufwand praktisch erst dann beginnt, wenn ich anfange, mich zu bewegen. Ich hab der Gabi einen Steady-Dauerauftrag eingerichtet, als dezentes Dankeschön, das war’s dann auch schon. Fitness im Stehen, oder auf der Gymnastikmatte, such dir was aus! Keine Maschinen, keine Stunts, kein Genierer. Nur das, was den Körper erhält und mich freut, wenn ich spüre, wie beweglich ich bin.

Gehweg in die Arbeit

Dass ich mir in der Früh die Zeit nehme, auf dem Weg in die Arbeit zu Fuß die Wiener Innenstadt zu durchqueren, von Süden nach Norden der City beim Aufwachen zuzusehen; das ist auch so eine Sache, die nicht mehr braucht, als den Wecker ein bissl früher zu stellen. Um die frühe Stunde habe ich freie Sicht und freie Bahn, kann unbehelligt von Touristenhorden durch die Stadt marschieren, da und dort genauer hinsehen und staunen, dem Stephansdom in völliger Stille einen Kurzbesuch abstatten. Vielleicht, wenn’s die Zeit erlaubt, ein Stück weiter gehen, über den Donaukanal die Praterstraße entlang, dort in die U-Bahn steigen. Ungefähr drei Kilometer sind’s, viel frische Luft, die im Hirn Platz macht für die Aufgaben des Tages. Außerdem ist Gehen angeblich wahnsinnig gesund und bringt uns ein paar Bonus-Lebensjahre. Auch nicht schlecht. Insofern lasse ich in meinem Job, dessen Räumlichkeiten sich auf vier Stockwerke verteilen, den Aufzug aus.
Und wenn’s schnell gehen soll in der Früh, dann nehme ich halt das Fahrrad. Das ist zwar schon wieder eine Maschine. Dafür aber wenigstens ein Verkehrsmittel, also zweckgewidmet für den Weg von da nach dort. Und nach dort muss ich eh, so oder so.

Das klingt jetzt schon sehr heiligmäßig. Sagt meine Gefährtin. Gebe ich zu, wenn ich den Text nochmals überlese. Das liegt daran, dass mich die Suffizienz der Fitness in der Hängematte liegend nicht erreicht. Oder in der U-Bahn, in ein Buch vertieft. Ist eben kein Thema. Hätte die Natur gewollt, dass wir pausenlos durch die Welt zappeln, wären wir als Duracell-Hasen geboren worden.

An Fitness gewöhnen

Wenn gerade weder Neujahr noch sonstwie kritische Fitnessanlässe anstehen, denk vielleicht daran, dich um deiner selbst willen sanft an die Bewegung zu gewöhnen, die kein Abo braucht und keinen Maschinenpark und keine Monitore mit unerreichbaren Role Models. Eine Viertelstunde, zwanzig Minuten am Tag, eine halbe Stunde dreimal die Woche, zuhause mit Gabi & Co., im Park um die Ecke am öffentlichen Fitnessgerät, beim Tischtennis mit Freund*innen oder einfach eine Wanderung als Teil deines Arbeitsweges. Das macht keinen Trommelwirbel und auch keine Medaille. Doch es macht glücklicher. Und leichter, das ohnehin.

Hier geht’s zu Infos zu Stefan Peters

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