Volksantwort

20.1.2013

Wehrpflicht oder Berufsheer – Pest oder Cholera. In Österreich versteht man, die richtigen Fragen zu stellen.

Die Regierung hat gefragt und auch ich habe geantwortet. Weil Demokratie. Ich meine, sie hätten ja auch nicht fragen brauchen. Trotz Demokratie. Da ist mir Ersteres schon lieber. Obwohl – na gut, es heißt ja, es gibt keine blöden Fragen, nur blöde Antworten. Und es gibt Ausnahmen.

Jetzt könnte man sagen, die ganze Frage war ein bisserl, wie soll ich sagen, in ihrer Fragehaftigkeit zweifelhaft. Weil, wenn die Regierung sagt, wir machen eine Volksbefragung und wir halten uns an das, was das Volk antwortet, dann wär’s, technisch gesehen, eine Volksabstimmung. Warum nicht gleich, warum die kleine Schwester der Abstimmung? Das nährt den Verdacht, dass sich die Regierung die Antwort des Volkes hernimmt, kurz einmal anschaut und dann sagt: „Na, da ham sich aber Einige ganz schön geirrt beim Kreuzerlmachen.“ Und dann – nix.

Was war die Frage? Wehr- und Zivildienstpflicht oder Berufsheer? Frucade oder Eierlikör? Was wollt ihr denn, Volk? Maoam war keine Option. Schade auch. Ansonsten ist die Befragung landesüblich, also österreichüblich abgelaufen. Bereits im Vorfeld war klar, dass es hier um eine getarnte Nationalratswahl geht. Heißt: Thema nein, Parteienpräferenz, ja. Wer sonst SPÖ oder die Grünen wählt und nicht gerade zufällig Burgstaller heißt, soll gefälligst bei „Berufsheer“ ankreuzen, der Rest bei „Wehrpflicht“.

Was das Pflichtprogramm betrifft, bin ich ja umfassend feldkompetent. Ich habe in einem der zahlreichen meine Wohnung besiedelnden Ladln zweierlei Blech auf Halde: Hundemarke und Zivibletschn. Wobei meine Karriere beim Heer eher überschaubar blieb. Einrücken, Ausfassen von Wehrdienstbuch und Marke, Besteck und Reindl, anschließende Feststellung der vorübergehenden Untauglichkeit und Abgabe von Essenswerkzeug nahmen gerade einmal zwei Stunden in Anspruch. Exakt einen Monat vor dem Einberufungstermin, den mir ein befreundeter Major noch im Maturajahr verschafft hatte, war mir und dem Motorrad meines Vaters ein massiver Betonmast im Weg gestanden. Was bei jugendlich flotten siebzig Stundenkilometern im Ortsgebiet in Verbindung mit einer immer enger werdenden Kurve mit insgesamt Totalschaden und einer nennenswerten Anzahl von Knochenbrüchen bilanzierte. Die einen Monat später logischerweise nicht ausgeheilt waren – und dazu führten, dass ich meinen Grundwehrdienst mit Krücken antrat.

Der Militärarzt, der mich vorläufig aus dem Dienst entließ, gab mir den Rat mit auf den Weg, einen Arzt zu finden, der mich mit untauglichkeitsrelevanten Attesten ausstatten sollte. Dummerweise kam dann die Generation Pillenknick daher und meine an sich schauspielerisch tadellosen Darbietungen bei der Nachmusterung verpufften wirkungslos.

Knapp neun Jahre danach half auch die regelmäßige Zusendung von Inskriptionsbestätigungen ans Ergänzungskommando nichts mehr. Sie wollten mich. Was nicht auf Gegenliebe meinerseits stieß. Sie bekamen statt dessen einen etwa fünfzehnseitigen Brief, in dem ich meine Gewissensgründe gegen den Dienst an der Waffe und pro Zivildienst schilderte. Mein Kalkül, dass niemand Lust haben würde, das Konvolut zu lesen und man mich einfach durchwinken würde, ging auf. Ich wurde zivildienstpflichtig.

Nachdem ich als bekennender Nähephobiker sicherstellen wollte, dass ich nicht im Behindertenbereich eingeteilt werden würde, ging ich zur Zivildienststelle des Innenministeriums und ließ mich, passend zu meinem Pädagogikstudium, als Verkehrserzieher im Schulwesen zuteilen. Der Zuteilungsbescheid, der einige Wochen später ins Haus flatterte, lautete auf den Dienst in einer Behinderteneinrichtung und löste bei mir eine mittlere Staatsparanoia aus. Ein paar Wochen und intensive, aber fruchtlose Korrespondenz mit dem Ministerium später trat ich an, begann einen Monat später als Haufen Elend verkleidet eine die elfmonatige Dienstzeit flankierende Psychotherapie und tat im Übrigen wie üblich so ziemlich alles, wozu Zivildiener nicht herangezogen werden dürfen. Auch das ist verjährt, genauso wie der Siebziger im Ortsgebiet.

Während also die Gleichaltrigen beim Bundesheer lediglich lernten, dass Leerlauf der wichtigste Gang ist, wurden uns Zivildienern regelmäßige Jointbauworkshops zuteil. Was, weil Handwerkstechnik, auch die auffallend längere Dienstzeit im Vergleich zu den Grundwehrdienern erklärt.

In Verbindung mit der Tatsache, dass ich zwei Söhne habe, die ja auch irgendwann einmal achtzehn werden, kann meine Antwort bei der Volksbefragung nur zwingend ein Votum zum Berufsheer sein. Kann. Ist aber nicht.

Nein, ich komm jetzt nicht mit dem Generalargument daher, das meine Kriegsgenerations-Eltern für Militär, Schulsystem, Rustikalpädagogik und Zwangstaufe von Kleinkindern locker aus dem Ärmel schütteln: „Na, hat’s dir geschadet?“ Ja doch, schau mich an. Es hat.

Sondern. Was ist, wenn Berufsheer? Neigungsgruppe Schießprügel? Letzter Zufluchtsort für Erwachsene, die immer noch gern angesagt bekommen, wann sie Lulu gehen dürfen? Spezialisten, die in einer gemeinsamen EU-Sicherheits- und Verteidigungspolitik mit anderen Spezialisten friedensschaffende Einsätze oder euphemismusbefreit: Krieg veranstalten? Die österreichische Neutralität ist schon seit den Petersberg-Aufgaben und der anschließenden Neudefinition durch Wolfgang Schüssel zersiebt wie ein rurales Verkehrsschild, an dem die ortsansässige Landjugend Zielschießen zu üben pflegt. Noch mehr Verwässerung, und wir reden von Homöopathie.

Dann wäre da noch der Zivildienst. Der soll ja im Fall ersetzt werden. Durch ein Soziales Jahr. Mit einer Bezahlung, die aufgrund ihrer wahrscheinlich symbolisch gemeinten Höhe ein Abschreckungspotenzial besitzt, von dem das Bundesheer nicht einmal zu träumen wagt. Die Botschaft ist jedenfall deutlich: Das ist ein Sozialjob, kein richtiger Beruf. Frauenarbeit, wie man sagt. Wenn sich da jemand meldet, wer wird das sein? Wie viele davon sind Männer? Was heißt das für die gendermäßige Ausgewogenheit im Sozialbereich? Danke, Regierung, für so viel Klarheit. Ich glaube bloß nicht daran.

Ich glaube, dass ein österreichisches Bundesheer, das nur zum Teil aus Freiwilligen besteht, die kritische Masse an das System korrigierender Subversion in sich trägt, um demokratiepolitisch vertretbar zu sein. Ich glaube nicht an 15.000 Freiwillige, die sich den Luxus leisten, ein Soziales Jahr lang einen Nasenrammel zu verdienen.

Und deshalb bitte ich vorsichtshalber meine Söhne gleich jetzt um Entschuldigung. Liebe Kinder, ihr werdet in etlichen Jahren in Unterhosen stundenlang auf kleschkalten Plastiksesseln herumsitzen und darauf warten, dass euch ein Militärpsychologe fragt, warum ihr beim Psychotest „Ich fühle mich verfolgt“ angekreuzt habt. Ein Tipp an euch: meine Antwort von damals, dass ich wissen wollte, was der Vogerldoktor dann fragen wird, kam nicht so gut. Lasst euch was anderes einfallen. Die Ärztin, die mit Handschuhen in unseren Hintern wühlte, die Pritsche, auf der ich nach der Blutabnahme wieder aufwachte, der uniformierte Sitzriese, der uns in einer Art Rumpelstilzchen-Karaoke vor den Folgen mangelnder Subordination warnte („I schick eich olle noch Vurarlberg!“); all das wird euch blühen. So oder so ähnlich.

Ich habe für die Beibehaltung der Wehrpflicht votiert. Im Zweifel. Aber doch.

Stefan Peters

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