Entfremdet uns die Arbeit? Wenn ja, dann wovon? Wo verläuft die Grenze zwischen homo ludens und homo laborans? An welchem Punkt fallen Leben und Arbeit in eins?
Arbeiten, um zu leben, leben, um zu arbeiten?
Das ist, zugegeben, stark vereinfacht, die große Frage, wenn es um unsere Erwerbstätigkeit geht. Und wie alle Vereinfachungen kommt dabei, wenn wir die Balance zwischen Beruflichem und Privatem auf ein entweder – oder beschränken, das sowohl – als auch unter die Räder. Klar braucht es Extrempositionen, um den Claim des Denkmöglichen abzustecken. Aber das, was uns das Leben leichter und gesünder macht, das finden wir zwischendrin. Work-Life-Balance ist ja etwas relativ Neues. In der Frauenbewegung der 80er als Forderung nach familienfreundlicheren Arbeitsbedingungen geboren, wandelte sich der Begriff bis heute zu einem generischen Jack-in-the-box, der einem aus den meisten Stellenanzeigen entgegenspringt. Die Bedeutung? Rechne damit, dass du ständig irgendwie im Dienst bist. Und fang besser jetzt damit an, das als eine Art aktive Spaßarbeitsfreizeit neu zu framen.
Work hard, play hard

Dazu passend bieten viele Jobs, vor allem im technologiegetriebenen Umfeld, heute eine Rundumbespaßung an, von Incentives über firmeninterne Fitnesscenter bis hin zu morgendlichen Yogarunden. Und after work, natürlich. Da wird ebenso auf Anschlag gefeiert, wie die Stunden zuvor auf Anschlag gearbeitet.
Weil Balance. Balance, das heißt Ausgleich. Wie in der Hydraulik, wo Druck Gegendruck erzeugt. Der dann irgendwo raus muss, je mehr, desto dramatischer, quasi Ballermann im Cocktailglas, wo der homo laborans den Krawattenknoten lockert und die Staffel an den homo ludens abgibt. Der soll’s dann wieder gut machen, das ganze Elend, die Zumutungen, Demütigungen, Macht- und Geduldsspiele des Arbeitstages. Kränkungen schönsaufen, so geht das eine Weile lang gut. Dann eh nimmer.
Mögliche Ausstiegsszenarien aus dem Getriebe der sinnentleerten Festanstellung skizzieren Holm Friebe und Sascha Lobo in ihrem Buch Wir nennen es Arbeit aus dem Jahr 2006. Klar hat sich die (Arbeits-)Welt in den vergangenen zwanzig Jahren etliche Male weitergedreht. Doch unsere Bedürfnisse nach Sinngebung und Wirkmächtigkeit sind dieselben geblieben.
Entfremdete Arbeit
Karl Marx hat den Begriff der entfremdeten Arbeit geprägt. Entfremdung, das meint zum Beispiel, dass der Mensch in einem kapitalistisch orientierten Wirtschaftssystem bloß noch Konsument*in und sinnentleerter Produktionsfaktor ist. Das meint, dass unser Interesse an selbstbestimmter erfüllender Arbeitsleistung nicht mehr befriedigt wird, sondern einem fremdbestimmten Leistungsauftrag gegen Entgelt gewichen ist. Immer dann, wenn wir in hoch arbeitsteiligen Strukturen nur einen winzigen Teil größerer Prozesse überblicken oder beeinflussen können, geht die Schere zwischen der empfundenen Sinnlosigkeit unseres beruflichen Schaffens und der Sehnsucht nach einem sinnerfüllten Leben auseinander. Solange die Sinnfrage nicht geklärt ist, gilt jedenfalls ein alter Kalauer aus DDR-Zeiten: Im Kapitalismus beutet der Mensch den Menschen aus. Im Kommunismus ist es genau umgekehrt.
In Hausschlapfen ins Büro
Ich wohnte einmal in einer dieser klassischen Wienerwaldvillen aus der Jahrhundertwende. Das Erdgeschoß hatten wir, meine damalige Lebensgefährtin, unser Sohn und ich zur Verfügung, im oberen Stockwerk wohnte eine andere Familie. Der Familienvater hatte die ehemaligen Bedienstetenräumlichkeiten im Untergeschoß zu seinem Büro ausgebaut. Er war Kälteanlageningenieur und hatte verwirklicht, was ihm beruflich ein großes Anliegen war. In Hausschlapfen ins Büro gehen, das hieß für ihn Komfort und Kontrolle über sein eigenes berufliches Schaffen, die Reduktion auf einen einzigen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt.
Workation

Ein Buzzword in diesem Zusammenhang ist seit einigen Jahren Workation, eine Schnittstelle zwischen Work und Vacation, soll heißen, Arbeit an einem Ort, an dem wir normalerweise urlauben. Prinzipiell mag ich die Idee, meiner Schreibarbeit auf, sagen wir, einer Dachterrasse in Tarifa nachzugehen. Links im Blick das Mittelmeer, rechts der Atlantik, geradeaus die Berge von Marokko, das Ergebnis der Arbeit mindestens ebenso brauchbar, wie wenn ich dabei in einem Wiener Großraumbüro gesessen wäre. Mein Modus: Arbeitszeit, was sonst? Andererseits der Mann einer Bekannten, der sich, wie sie erzählt, im Urlaub stundenlang mit seinem Laptop auf dem Klo einsperrt, um heimlich zu arbeiten. Sie fragt nicht, er sagt nichts, beide wissen, dass die Balance in Schieflage ist. Sein Modus: Als Urlaub verrechnete Arbeitszeit.
Erwerbsarbeit
Nieder mit der Erwerbsarbeit als konstituierendem Grundpfeiler des Menschseins! Das forderte schon sinngemäß die deutsche Denkerin Hannah Arendt in ihrem Werk Vita Activa (als Philosophin bezeichnet zu werden, wies sie stets von sich). Eine Befreiung von den Fesseln der Erwerbsarbeit, die unsere Rolle im Leben als Konsument*innen definiert, würde demnach Platz schaffen für Wichtigeres: Platz für zweckfreies politisches Handeln und freie gesellschaftliche Mitgestaltung. Gut, damit sind wir auf Augenhöhe mit den antiken Idealen freier Athener Bürger (Bürgerinnen und Unfreie waren nicht einmal mitgemeint).
Als Mitarbeiter eines Beratungsindtituts für Angehörige der Kreativwirtschaft war ich einmal bei einem Symposion dabei, auf dem der Vorsitzende der Künstler*innengewerkschaft eine Brandrede wider die Erwerbsarbeit und für ein bedingungsloses Grundeinkommen hielt. In der ersten Reihe des Publikums die Führungsriege des Arbeitsmarktservice. Die Gesichter steinern, die Kluft zum Gehörten unüberbrückbar.
Grundeinkommen
In meinen Arbeitsmarkt-Workshops pflegte ich früher zu fragen, was die Teilnehmer*innen denn so täten, wenn sie dank Grundeinkommen Arbeit und Geld entkoppeln könnten. Eine von zehn Personen sagte dann, sie würde sich erst einmal erholen und eine Zeitlang nichts tun. Die anderen neun gaben an, sich in dem Fall aktiv sozialen, kulturellen, handwerklichen oder gesellschaftspolitischen Engagements zuzuwenden, meist Dinge, die genausogut bezahlte Jobs sein könnten. Das sind natürlich keine validen, statistisch haltbaren Ergebnisse. Als oftmals vergleichbar gezeichnetes Stimmungsbild taugen sie allemal.
Vom Konsumieren zum Produzieren
Sinnstiftende Tätigkeit als kleinster gemeinsamer Nenner, das Ineinanderfallen von Arbeits- und Privatleben, das Ende der Arbeit als Mühsal: dorthin könnte die Reise gehen, wenn wir Leben und Arbeit ausbalancieren. Ein Austropop-Musiker hat vor etlichen Jahrzehnten in einem Interview über den logischen Schritt vom Konsumenten zum Produzenten gesprochen. Wer es war, ist mir heute nicht mehr erinnerlich, wohl aber die Aussage. Sie ist in großem Maß dafür verantwortlich, dass ich als Jugendlicher ernsthaft zu schreiben und zu fotografieren begonnen habe. Dass ich, wenn’s irgendwie geht, Dinge, die mich ohnehin interessieren, zum Inhalt meiner Erwerbsarbeit mache, damit gleichzeitig Dinge, die mich nicht interessieren, auch beruflich großteils bleiben lassen kann. Reduktion auf das Passende, die Verbindung von Interesse und Tätigkeit also, eine suffiziente Herangehensweise an die Arbeit.
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