Ist wenig mehr als nichts? Wieviel Egoismus und Altruismus stecken in uns? Wann tritt unser Neidreflex zutage? Eine spieltheoretische Erkundungstour.
Kooperation vs. Konkurrenz
Als einer, der beruflich viel mit systemischer Beratung zu tun hat, begeistert mich die Spieltheorie. Dieses an sich mathematische Modell aus der Wirtschaftswissenschaft beschreibt, wie Mitglieder von sozialen Systemen Entscheidungen treffen. Entscheidungen, die sich natürlich auf andere Mitglieder dieser Systeme auswirken. Würden wir beispielsweise in einem bestimmten Szenario mehrere Verhaltensvarianten durchspielen, kämen wir bald zu einer Erkenntnis, ob uns kooperatives oder konkurrierendes Verhalten weiterbringt (Spoiler: die erfolgreiche Entscheidung ist so gut wie immer Kooperation).
Erster Zug

Eine Spielvariante, die plakativ und schnell zeigt, wie es jemand mit Altruismus und Egoismus hält, mit heißem Neid und kühler Überlegung, das ist das Ultimatumsspiel. Ich werde es heute vorstellen. Die grundsätzliche Spielanordnung ist sehr einfach. Es braucht drei Personen – eine Spielleitung (SL, rund) und zwei Spieler*innen (S1 + S2, eckig). Ich werde die Drei in der Folge aus Gründen der Suffizienz der Anschläge in den Illustrationen mit den Kürzeln benennen. Außerdem kommen hier nach längerer Abstinenz wieder meine Platzhalterklötze vom Systembrett zum Einsatz. Von einem befreundeten Tischler aus einem Mostbirnbaum gefertigt, der vor Unzeiten vor dem Haus meiner Eltern stand, dienen sie als Stellvertreter dazu, im Systemischen Coaching soziale Strukturen sichtbar zu machen.
Die Spielleitung übergibt Spieler*in 1 zehn Einheiten eines wertvollen Gutes. Such dir aus, was es für dich ist – Geld, Edelsteine, Faschingskrapfen, egal. Dazu einen Auftrag: „Mach Spieler*in 2 ein Angebot, wie viele dieser Einheiten du ihr/ihm anbietest und wie viele du für dich behalten willst. Spieler*in 2 kann dein Angebot annehmen oder ablehnen. Nimmt sie/er an, dann gilt es und du gibt den angebotenen Anteil ab und behältst den Rest. Lehnt sie/er ab, dann geht alles zurück an mich. Diese Regel ist euch beiden bekannt.“
Zweiter Zug

Spieler*in 1 macht Spieler*in 2 ein Angebot mit drei Einheiten, behält sieben Einheiten für sich. Spieler*in 2 nimmt das Angebot an, der Deal gilt, das Spiel ist vorbei. Sehen wir uns das Ergebnis kurz miteinander an und überlegen uns ein wenig, was wäre, wenn?
Drei zu Sieben, das ist nicht gleich viel, ganz klar. Ist es gerecht? Wir könnten ins Treffen führen, dass Spieler*in 1 mehr Verantwortung hat, im Sinne von Entscheidungsfindung, was geht. Geht, damit meine ich das Kalkül, bis wohin Spieler*in 2 wohl geht, bis sie/er ablehnt und damit Totalverlust für die beiden entsteht.
Wir sehen, dass das Verhältnis zwischen den beiden Spieler*innen nicht so banal ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Wie altruistisch oder egoistisch sind die beiden, wie viel Neid und Logik steckt in ihnen? Klar, mit 50:50 setze ich als Spieler*in 1 auf eine einigermaßen sichere Karte, das Angebot wird die andere Person eher nicht ablehnen. Wenn ich aufs Ganze gehe, Spieler*in 2 ein einziges Stück von was auch immer anbiete und hoffe, dass mein Gegenüber versteht, dass ein Stück mehr ist als kein Stück, also ein Gewinn; dann maximiere ich Risiko und meinen eigenen möglichen Gewinn. Mit großer Wahrscheinlichkeit geht die Sache dann gut aus, wenn Spieler*in 2 fähig ist, auch Kleinigkeiten als Bereicherung zu schätzen, also zwischen Nichts und Etwas zu unterscheiden. Wenn ich aber als Spieler*in 2 gelernt habe, immer aufs Maximum zu gehen und noch dazu die Fähigkeit des Neides beherrsche, werde ich eher auf Verlust für alle setzen als auf einen ungerecht verteilten Gewinn.
Hängematte-Neiddebatte
Wie geht es dir, wenn du an dieser Stelle an Gehaltsverhandlungen denkst, an die Verteilung von Prämien oder sonstigen Goodies im Arbeitsumfeld? Bist du fähig, deinen Anteil als fair zu betrachten (vorausgesetzt, er ist auf gleicher Flughöhe wie deine beruflichen Fähigkeiten)? Oder klappst du das Visier herunter und gibst Rosinante die Sporen, wenn dir vorkommt, dass der Teil des Kuchens einer anderen Person markant größer ist als dein eigener? Natürlich kann dieses Empfinden für gerechte Verteilung auf alle Ressourcen, die uns geteilt zur Verfügung stehen, umgelegt werden. Denken wir an Ressentiments gegen Personen, die angeblich in der berüchtigten Sozialen Hängematte liegen, Menschen also, die eventuell ein paar Brösel mehr abkriegen, als ihnen aufgrund ihrer Leistungen für die Gesellschaft zustünden. Diejenigen, die an dieser Stelle ins Horn stoßen und die nächste Neiddebatte launchen, sind üblicherweise von der sierigen Sorte Spieler*in 1, der Person, die sich überlegt, wie wenig man den anderen anbieten kann, damit sie gerade nicht den Krempel hinwerfen. Wirtschaftslogik, politisches Kalkül, you name it.
Dritter Zug

Ziehen wir im Ultimatumspiel die Schrauben noch ein bischen fester an. Wir bringen Spieler*in 3 in die Runde. Der Auftrag der Spielleitung und die Regeln bleiben gleich, zehn Einheiten sind zu verteilen. Der erste Unterschied ist jetzt, dass Zehn durch Drei nicht mehr gleich zu verteilen ist, der zweite Unterschied, dass Spieler*innen 2 & 3 beide dem Angebot von Spieler*in 1 zustimmen müssen, sonst gibt’s keinen Gewinn für niemanden. Sagen wir in unserem Beispiel 4:3:3, wegen der Mehrarbeit von Spieler*in 1. Sagen wir, dass beide Anderen zustimmen. Bisschen scheel der Blick der Beiden, aber wir halten uns diesseits roter Linien.
Vierter Zug

Jetzt lassen wir’s weiter eskalieren. Die Spielleitung macht nämlich allen folgendes Angebot: Ihr habt jetzt die Möglichkeit, jeweils zwei weitere Einheiten zu bekommen. Zuvor müssen aber mindestens zwei von euch drei eine Einheit investieren, also mir abgeben. Ich frage euch einzeln unter vier Augen, ob ihr zu dieser Investition bereit seid. Wenn 2/3 von euch zustimmen, gibt’s Gewinnausschüttung für alle, wenn nicht, dann für niemanden.

Achtung, jetzt wird’s richtig ungut. Jedenfalls, wenn du auf Fairness stehst. Weil nämlich Spieler*in 1, der/die eh schon vier Einheiten hat, sich weigert, zu investieren. Die beiden Mitspieler*innen hingegen zahlen ein, geben von ihren drei Einheiten jeweils eine ab.

Worauf vereinbarungsgemäß alle drei Spieler*innen zwei zusätzliche Einheiten bekommen. Das Ergebnis: 6:4:4, der Unterschied hat sich vergrößert, Spieler*in 1 profitiert leistungslos vom Einsatz der anderen.
Gewonnen, jedenfalls
Möglicher Weise kennst du solche oder vergleichbare Situationen aus deinem Berufsleben. Teams, in denen die Teamleitung keine erkennbare Leistung zeigt, und von der Erfolgsprämie, die das Team durch großen Einsatz erwirtschaftet hat, den größten Teil einstreift. Ist das fair? Nicht einmal annähernd. Die Preisfrage ist jetzt: Was brauchst du, um auf deine Position zu fokussieren, um andere Menschen anders sein zu lassen? Aus meiner eigenen Position als Spieler 2 habe ich in allen dieser Szenarien einen quantifizierbaren Gewinn erzielt. Dass der Gewinn anderer Personen höher war – und nicht durch überbordende Leistung zu rechtfertigen – ist wahr. Ob ich das aber zu meinem Problem mache oder nicht, diese Entscheidung treffe ich immer noch selbst.
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