Die Suffizienz der Erreichbarkeit

Wieviel Kommunikation braucht der Mensch? Wie weit reicht mein Recht auf Ruhe? Von gedachten und realen Grenzen unserer Verbundenheit.

Korrespondenzzeit

In analogen, also hinter uns liegenden Zeiten war es in bürgerlichen Kreisen üblich, bei Bedarf Visitenkarten abzuwerfen, auf denen unter anderem jene Zeiten vermerkt standen, zu denen die betreffende Person Besuch zu empfangen bereit war.

Ich stelle mir manchmal vor, wie es wäre. Wenn ich über einen E-Mail-Autoresponder bekannt gäbe, am, sagen wir, Freitag jeder Woche um zehn Uhr meinen Posteingang zu sichten und mir dann eine Stunde Zeit für Korrespondenz nehme.
Okay, in einer Minimalvariante könnte ich auch hergehen und wenigstens alle Newsletter, die ich nicht lese, abbestellen. Und, wenn ich schon dabei bin, den einen oder anderen neuen Spamfilter einrichten. Denn E-Mails, die schon im Betreff etwas von Traumgewinnen, Adelstiteln oder grotesk vergrößerten Körperteilen versprechen, interessieren mich nicht einmal, wenn sie von mir namentlich bekannten Personen stammen (die Mails nämlich, nicht die Teile).

Abhebepflicht

Ein Telefon in einer öffentlichen Telefonzelle
„Zahlknopf drücken!“, wer sich erinnert. Klobiges Festnetz in der Telefonzelle, irgendwie eh lieb.

Dass ich in meinem Handy alle Anrufe von unbekannten Nummern geblockt habe, erspart mir einen Haufen unverlangter Gespräche und gibt mir Zeit, mich auf gezielte Rückrufe bei unverdächtigen Nummern vorzubereiten. Mein Onkel ging einen Schritt weiter. Er besprach ganz offen den Anrufbeantworter seines Handys mit einer Meldung, derzufolge er sein Telefon abgestellt hätte, um freie Zeit zu genießen. Also seine.
Vor langer Zeit las ich in den Geschäftsbedingungen der damals noch Post- und Telegraphenverwaltung genannten Telekom, dass Fernsprechteilnehmer (Teilnehmerinnen waren damals mitgemeint) dazu verpflichtet waren, den Hörer ihres läutenden Telefons abzuheben, also dranzugehen ans Gespräch. Post und Telegraphen, da hört man noch im Nachhall das Getrappel des Ponyexpress und reibt sich unwillkürlich die vom Morseapparat geschundenen Handgelenke.

Sag’s in ein Sackerl

Jetzt behauptete der große Kommunikationserklärer Paul Watzlawick in seinem ersten Axiom, man könne nicht nicht kommunizieren. Stimmt eh. Aber dauernd? Und mit allen? Wozu das alles? Die folgende Anrufbeantworteransage kann ich leider nicht mehr einer bestimmten Quelle zuordnen. Die geht etwa so: „Vielen Dank für Ihren Anruf! Wenn es wahrscheinlich ist, dass das, was Sie zu sagen haben, mein Leben nachhaltig bereichern wird, sprechen Sie jetzt. Wenn nicht, legen Sie jetzt bitte auf.“ Okay, das schafft es nicht ganz in den Knigge. Doch ist diese Ansage wenigstens eine klare Absage an überbordende Schwatzhaftigkeit. In Wien, meiner Heimatstadt, versucht man in dem Fall der ruhestörenden Person mit der Intervention „Sag’s in ein Sackerl!“ blumig das Handwerk zu legen.

Ich bin mir nicht ganz sicher, wann die telefonische Erreichbarkeit um jeden Preis begonnen hat, etwas Erstrebenswertes zu sein. Gut erinnere ich mich an eine Szene während meiner Studienzeit, als im Kaffeehaus am Nachbartisch eine Herrenrunde saß, zu der ein Mann mit einem Mobiltelefon in der Größe eines Ziegelsteins stieß. Was einer aus der Runde mit den Worten kommentierte: „Ah, der Herr Wichtig mit seinem Kasperltelefon ist da.“ Gelächter rundum.

Eine Insel

Fix ist eins: Wenn Menschen, die wir nicht kennen, über E-Mail, Call to action-Buttons, das Telefon oder mit einer Ringmappe in der Hand auf der Straße Kontakt zu uns aufnehmen, dann geschieht das so gut wie immer mit dem Vorsatz, uns am Ende etwas zu verkaufen. So nett, dass die einfach mit uns reden wollen, sind wir nicht, sorry! Sich dem zu entziehen, die Entscheidung über unsere Erreichbarkeit selbst in der Hand zu behalten, ist umso schwieriger, je effektiver jemand an uns zerrt. Und die können das, die Zerrer. Die haben das gelernt. Die machen das für Geld, für unser Geld.

Die Frage ist jetzt, was wir dem entgegen setzen können und wie das geht. Weil ja auch immer wieder so ein Gedanke anklopft, der mich davor warnt, diese Taue zu kappen. Die Newsletter und sonstigen Zusendungen abzubestellen, die ich ja eh meistens ungelesen lösche. Den Keilern auf der Straße zu sagen, dass ich kein Interesse habe. Den Anruf auf der Mailbox landen lasse und nicht zurückrufe. Weil ich dann eine Insel sein werde. Einsam. Allein. Im Park mit den Eichhörnchen redend.

Keine Werbung

Aus jetzt. Die Suffizienz der Erreichbarkeit verbindet mich nicht nur mit den Menschen, mit denen zu kommunizieren mein Leben tatsächlich bereichert (ihres hoffentlich auch). Außerdem verbindet mich die Beschränkung des Kontakthaltens letzten Endes mit mir selbst. Wie der Onkel auf die Mailbox sprach: Zeit für mich. Zeit, um beispielsweise diese Zeilen zu schreiben.
Diese Beschränkung gilt übrigens auch für mein rein physisches Postfach. Auf der Klappe meines Briefkastens klebt das „Keine Reklame“-Schild, und so gut wie alle halten sich dran. Wenn ich nach einer dreiwöchigen Abwesenheit den Briefkasten öffne, finde ich ein, zwei Briefe, meistens Rechnungen (die Zeitung ist abbestellt, wenn ich weg bin). Keine Werbesendungen, keine Information.

Zweimal Weltgeschichte

Dabei bin ich ja selbst ein Informationsjunkie. Radiojournale des ORF-Senders Ö1 auszulassen, obwohl ich Gelegenheit dazu hätte, ist mir quasi unmöglich. Als Rechtfertigung sei gesagt: Sie sind exzellent, sie zu schwänzen wär ein Unding. Natürlich ist im Sinne der suffizienten Erreichbarkeit auch die Frage erlaubt, wie das gesunde Maß der Nachrichten aussieht, die ich konsumiere. Wer alt genug ist, um sich an den 9. November 1989 und auch noch an den 11. September 2001 zu erinnern, erinnert sich wahrscheinlich daran, wie sie oder er die Tage verbracht hat, an denen die Berliner Mauer und später das Word Trade Center fielen. Bingewatching the news, das jedenfalls, ich weiß es noch genau. Doch all die vielen Ereignisse, die nicht nur nicht Weltgeschichte schreiben, sondern auch auf mein Leben keinerlei Einfluss nehmen – soll mich das alles erreichen? Ich gelobe Besserung.

Ich muss jetzt aufhören. Die Nachrichten beginnen. Und dann steht noch ein Rückruf aus.

Hier geht’s zu Infos zu Stefan Peters

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