Archiv der Kategorie: Stefan Peters

Die Drängler

20.4.2012

Wie reagiert man eigentlich richtig, wenn einem im Alltag ein Mensch mit Arschlochfaktor im Endstadium begegnet? Mit „begegnet“ meine ich, dass es, aus welchen Gründen auch immer, nicht möglich ist, einfach wegzuschauen und sich selbst aus dem Spiel zu nehmen, weil – ja, weil man gerade involviert ist und da nicht raus will. Oder kann.

Eine der unbarmherzigsten Kampfzonen ist ja die Einflugschneise zur Supermarktkassa. Pensionisten, die den aufgestauten Kommunikationsbedarf der letzten fünf Wochen en bloc an der Kassierin abarbeiten. Und das nicht hinter mir. Da trifft’s wen Anderen, Floriani-Prinzip. Vor mir, selbstverständlich. Kassierinnen, die gerade eingeschult werden und über jedem Joghurtbecher sinnend meditieren wie Hamlet über seinem Totenschädel. Ja doch, die sollen eingeschult werden. Und wenn sie damit fertig sind, emsig und mit allen Wassern gewaschen und Codes der noch so absonderlichen Gemüse auch im Schlaf drauf haben; dann sollen sie sich an die Kassa setzen, vor der ich gerade stehe. Und keinen Augenblick eher. Mein Gott, es muss doch möglich sein, Übungskassen einzurichten. Stellen Sie sich vor, Jung-Piloten würden beim Landeanflug erstmals an die Maschine rangelassen. So ein Simulator hat schon was, echt.

Dann sind da noch die Leute, denen man nicht am Steuer ihres Wagens vermutlich deutscher Provenienz begegnen möchte. Die, die sich mit eingebautem Vorrang ausgestattet wähnen. Wähnen, das kommt übrigens von Wahn. Und das sagt alles über verschütt gegangene oder niemals erworbene Sozialkompetenzen. Reinschneiden, ausbremsen, eigene Spur eröffnen, die dann selbstverständlich für die einzig gültige gehalten wird. Man darf schon froh sein, wenn sie es sich verkneifen, dort, wo sie gerade unterwegs sind, rustikal das Revier zu markieren.

Und außerdem gibt es die Drängler. Die, deren Ambition auf das Zuschandenfahren meiner Archillessehnen abzielt. Die, die sich im Eifer, Zehntelsekunden bei der Belegung des Laufbandes herauszuschinden, mit ihren Schmerbäuchen über meinen Einkaufswagen beugen und ihn – ja, das Ding hat Rollen und gut ist’s! – unbarmherzig mit meinem Kreuzbein kollidieren lassen. Nein, es geht nicht schneller deshalb. Nur ungemütlicher. Eine Einsicht, die in einem Land, das zu wesentlichen Teilen aus Menschen besteht, die Angst haben, zu kurz zu kommen, eher unwahrscheinlich ist.

Hätte ihr Einkaufswagen ein Fernlicht: Sie würden es betätigen. Immer und immer wieder.

Vorgestern stand eine Frau hinter mir. Und drängelte. Lichthupte im Geiste vor sich hin. Zeppelte und zappelte. Und blieb doch hinter mir. Wider Erwarten – ihr Erwarten – lösten sich meine Person, mein Wagen, meine Waren auf dem Förderband nicht in Luft auf. Schwere Prüfung also.

Mein Einkauf wurde gescannt, kam in den Wagen. Die Kassierin schaute mich an. Ich schaute zurück, sagte „Bankomat“. Nahm meine Karte, schob sie ins Terminal, das nach dem Code fragte. Sah mich um. Eine halbe Armlänge hinter mir zeppelte die Dränglerin. Und dann geschah Seltsames. In mir erwachte so eine Art Tier. Eine Art schlecht gelauntes Tier. Ein Tier, das mich dazu brachte, mich langsam umzudrehen, die Frau zu mustern, eine todernste Miene aufzusetzen: „Wollen Sie mir über die Schulter schauen oder soll ich vorlesen?“

Die Reaktion war bemerkenswert. Eine Gleichzeitigkeit von Sprung zurück und Entschuldigungswasserfall. Ich nahm’s gelassen an, zahlte und verließ mit diabolischem Grinsen den Supermarkt. Diabolisch, weil schlagfertig. Ausnahmsweise. Diabolisch, weil passend. Und Grinsen… Ach, draußen strahlte einfach die Sonne. Ich strahlte zurück.

Ich hatt’ einen Pappkameraden – Facebooks Falsche Freunde

17.11.2011

Es scheint, als hätte der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann nicht nur gute Freunde. Auf seiner Facebook-Seite sind etliche augenscheinliche Fake Friends aufgetaucht.

Jetzt ist natürlich jeder, an dem der Ausdruck „Social Marketing“ schon einmal wenigstens vorbei geschwirrt ist, naiv, wenn er annimmt, dass alles, was Facebook, Forum und Fanseite füllt, echt wäre. Echt im Sinne tief empfundener Überzeugung desjenigen, der füllt. Den Content heran karrt, eben.

Social Marketing hat zwei wesentliche Aufgaben. Die erste ist, enden wollender Begeisterung über ein Produkt, eine Dienstleistung oder eine Person durch gezielte Fake-Ovationen auf die Sprünge zu helfen. Ganz im Sinne des klassischen claqueurs oder agent provocateurs, dem Lockvogel eben, der das Eis bricht und die Dinge ins Rollen bringt. Astroturfing, auf Neudeutsch. Die zweite Aufgabe von Social Marketing ist die strikte Befolgung des elften Gebots: Du sollst dich nicht erwischen lassen.

Wenn sich nun herausstellt, dass der so genannte Freund zwar selber keine Freunde, dafür aber ein gekauftes Gesicht einer amerikanischen Bildagentur hat, dann eröffnet das neue Dimensionen an Peinlichkeit. Stellt sich weiterhin heraus, dass der Pappkamerad auf Facebook nicht über irgendwen Lobreden schwingt, sondern über den Bundeskanzler, dann schwingen einerseits die Schleusentore weit auf und lassen einer Woge blanken Hohns freien Lauf. Gotcha! Das wäre jedenfalls die verständliche Reaktion politischer Feinde und – erst recht – Freunde in einer entwickelten Demokratie.

Was mich zum Andererseits bringt. Im vergangenen Vierteljahrhundert hat die politische Kaste Österreichs bis an die Spitze einen Prozess durchgemacht, der in Anlehnung an eine Leihgabe aus der Psychotherapie „Verschlemihlisierung“ heißen könnte. Ein uncharmanter Ausdruck für eine uncharmante Tendenz, zugegeben.

Der Amerikaner Eric Berne hat in seinen „Spielen der Erwachsenen“ einen Schlemihl charakterisiert, der auf Parties erscheint, sich dort pausenlos daneben benimmt und sich ebenso pausenlos hinterher entschuldigt. Die Entschuldigung wird angenommen, man will ja nicht so sein. Das Interessante dabei ist, dass der Schlemihl dabei immer gewinnt und die Grenze für schlechtes Benehmen jedes Mal ein wenig zu seinen Gunsten verschiebt.

Die Grenze für politische Chuzpe ist mit den Jahren auf ein Maß vorgerückt, das, verbunden mit galoppiender Erosion der staatsbürgerlichen Sensibilität für ebenjene Chuzpe, höchstens noch bei Schlammcatchen im Hohen Haus für brauchbare Einschaltquoten sorgen würde.

In diesem Sinne hat sich zwar nicht Faymann, aber folgerichtig seine Social Media-Beauftragte entschuldigt. Jedenfalls ein bisschen. Für den Fake, der da irgendwie passiert ist. Und der im Übrigen eine ganze Menge an voraussichtlich einander widersprechender Rechtsmeinungen zuließe. Man wisse nicht, wer hinter diesen falschen Freunden stecke, aber man habe sie blockiert. Tschuln.

Das ist nicht gut. Für den Kanzler. Denn wie es der Zufall so will, waren gerade diese Facebook-User auch die, die Feymann in den höchsten Tönen priesen. Was sie dazu bewogen hat, werden wie nie erfahren, da es sich bei ihnen durchwegs um Menschen handelt, die prinzipiell keine Informationen über sich preisgeben und auch keine Freundschaftsanfragen zulassen.

Spitzenpolitik ist ein einsames Geschäft. Gut, dass es wenigstens Freunde auf Facebook gibt.

Stefan Peters

Das Schulvolksbegehren

3.11.2011

Das Bildungsvolksbegehren ist heute angelaufen. Wäre der Text des Begehrens eine Deutsch-Schularbeit, wäre er nach oberflächlicher Durchsicht mit dem Vermerk „Themenverfehlung“ zurück gegeben worden. Denn was hier begehrt wird, ist keine Reform der Bildung.

Es geht um eine Reform der Schule als Institution. Genauer gesagt, um die Reform von Verwaltung, Personal, Lehrplänen und anderen Rahmenbedingungen.

Mit dem Prinzip Schule als Dienstleistungsoligopol lässt sich auch diese Initiative nicht ein. Mit Sich-Einlassen meine ich sehr grundsätzliche Forderungen zur Schaffung eines brauchbareren Bildungsbegriffs als des derzeit Gültigen.

Ja, ich habe das Volksbegehren auch unterschrieben. Nein, ich hatte nicht sonderlich viel Spaß dabei. Ich tat es, weil jeder Anstoß, den das System Schule in seiner Trägheit erleidet, die Chance zu Veränderung birgt. Und Veränderung braucht es.

Jeder Betrieb, der heute halbwegs erfolgreich ist, beschreibt sich selbst – ob zu Recht oder nicht – als lernende Organisation. Als Struktur, die aus Versuch und Irrtum ihre Innovationskraft bezieht. Im krassen Gegensatz dazu sieht sich die Schule, jedenfalls in ihrer Mehrheit, als lehrende Organisation. Klar aufgeteilt in Sender und Empfänger, in Lehrende und Schüler. Zwischen Ersteren und Letzteren gleiten auf mehr oder weniger schiefer Ebene, beschleunigt durch die Schwerkraft verordneter Autorität: Fakten. Unterweisung in Weltwissen. Schule ist, so gesehen, die letzte Bastion, die eine Illusion aufrecht erhält, die vor hundertfünfzig Jahren zuletzt umsetzbar war – die Idee vom Universalgelehrten, der alles Wissen seiner Zeit auswendig aufsagen kann.

Die Schule, ihr Personal, ihre Lehrbücher und Lehrpläne versprühen systemimmanent ein derart unverrückbares Dogma der Unfehlbarkeit, dass sich der Papst in Rom alle zehn Finger abschlecken würde, hätten seine Worte ein ähnliches Primat auf Wahrheit wie die eines österreichischen Hauptschullehrers.

Der nämlich – der Lehrer, nicht der Papst – irrt nie. Er irrt nie, weil er es nicht darf. Weil im Fall, dass sich Lehrer oder Lehrbuchautor oder gar die Lehrergewerkschaft als erratisch begabte Lebewesen exponierten, die Schule ihren bizarren Status als lehrende Organisation verlieren würde.

Heute, im 21. Jahrhundert, gibt es immer noch eine todsichere Methode, die Bildungschancen des eigenen Kindes auf dem Altar der Beschwerde zu opfern, indem man die fachliche oder didaktische Eignung des mit seinem Kind befassten Lehrpersonals in Zweifel zieht. Daran ist nicht der Lehrer Schuld. Verantwortlich dafür ist vielmehr ein rustikales Bildungsideal, das ex cathedra die lautere Wahrheit zu verkünden vorgibt.

Es ist so einfach, Faktenwissen als das zu enttarnen, was es tatsächlich ist: ein Kind seiner Zeit. Ich habe einmal den Vortrag eines prominenten Onkologen gehört, der bei dieser Gelegenheit sagte: „Fast alles, was ich vor vierzig Jahren in meinem Medizinstudium als letzte Wahrheit gelernt habe, würde man heute als lebensgefährlichen Blödsinn bezeichnen.“

Wenn also Faktenwissen heute zu einem großen Teil als Momentaufnahme gelten muss, die sich einen Moment später als unrichtig erwiesen hat, steht immer noch die Frage im Raum: Was ist Bildung? Was können, was müssen wir begehren, um unsere Kinder und Enkel in der Schulzeit auf ein erfolgreiches Leben vorbereiten zu lassen? Denn, um ehrlich zu sein: die Vorbereitung auf eine erfolgreiche Teilnahme an Trivial Pursuit oder anderen Wissensspielen allein rechtfertigt noch nicht den Aufwand, der an der derzeitigen AHS getrieben wird.

Im so genannten Bildungsvolksbegehren ist die Forderung nach der Förderung individueller Talente verankert. Gut so. Sehen wir uns doch einmal an, welche Talente im bestehenden Bildungssystem gefördert werden. OK, da wäre einmal das Talent, ein Maximum an auswendig gelerntem Faktenwissen auf Zuruf fehlerfrei in exaktem Wortlaut wiederzugeben. Quasi unverdaut. Junge Menschen mit diesem Talent bekommen dafür die besten Noten und die wenigsten Schwierigkeiten. Wenn diese jungen Menschen darüber hinaus auch noch das individuelle Talent besitzen, nur durch rege Mitarbeit, also vollinhaltliche Zustimmung zu allen Lehrinhalten, aufzufallen, dann ist für sie eine steile Bildungskarriere vorgezeichnet. Soviel zur Begriffsklärung des Schulsystems zum Thema „individuelle Talente“.

Doch ich will nicht ungerecht sein. Ich habe im Laufe meiner Schullaufbahn selbst eine beinahe enzyklopädische Kenntnis des Wiener AHS-Systems erlangt. Von einem Gymnasium, das seine Aufgabe in der Fortführung der Tradition österreichischer Kadettenschulen des 19. Jahrhunderts sah, bis zu einer bei meinem Eintritt neu eröffneten Oberstufenschule, in der wir in Kooperation mit dem sehr jungen Lehrkörper das System Bildung neu erfinden und experimentell durch Trial & Error an unsere Bedürfnisse anpassen durften. Dazwischen war graues Mittelmaß, dargebracht von ergrauten Lehrern in grauen Klassenzimmern.

Im einen Extremfall bot die Schule – mit dem selbst gewählten Präfix „Elite“ – einen inhaltlichen Service, der uns in etlichen Fächern innerhalb der ersten zwei Jahre auf Maturaniveau brachte. Im Extremfall am anderen Ende des Spektrums lernten wir, dass Haupt- und Nebenfächer individuell nach Begabungsschwerpunkten definiert werden, dass pädagogisch untalentiertes Lehrpersonal mit einem durchargumentierten Schülerbeschluss abgesetzt werden kann und dass Schule ein Ort ist, an dem Neugier und Engagement belohnt werden.

Hätte sich das Volksbegehren einen Bildungsbegriff auf die Fahnen geheftet, der den Weg von reiner Faktenakkumulation hin zu einer gemeinsam lernenden Institution fordert; mir wäre die Unterschrift um vieles leichter gefallen.

Stefan Peters

Neunundneunzig Prozent

16.10.2011

Österreich ist ein reiches Land. Heißt schon so. Reich ist auch die USA. Probleme mit der gerechten Verteilung der fetten Beute haben beide Länder gleichermaßen. Nun schwappt ein Trend von den Vereinigten Staaten um die Welt: empörtes Campieren.

An der Wall Street und vor den Banken, in den Metropolen der Welt empören sich Gegner der Finanzwirtschaft. Sie protestieren gegen das Glücksspiel auf dem Kapitalmarkt, das immer mehr Geld in die Taschen von immer weniger Menschen spült. So weit, so vernünftig. Take from the rich, give to the poor: löbliche Programmatik im Sinne ausgleichender Gerechtigkeit.

Weil sie schon dabei sind, gegen das Kapital in bizarr ungerechter Häufung zu protestieren, plärren die Megafone auch gleich in einem Atemzug gegen den Kapitalismus. Klingt fast gleich, kann nix Gutes sein. Protestökonomie. Da braucht keiner zwei Mal auf die Straße gehen, wenn sich’s in einem Aufwaschen erledigen lässt.

Hier beginnt ein gar nicht so kleiner Denkfehler, der vermutlich geeignet ist, der schönsten Protestbewegung den Boden zu entziehen. Den Boden der Mehrheitsfähigkeit, die street credibility. Neunundneunzig Prozent der Bevölkerung sollen es sein, die die Demonstranten vertreten. Eine satte Mehrheit, mit der heute nicht einmal mehr österreichische Parteivorsitzende gewählt werden. Das ist jetzt sehr amerikanisch-plakativ, weit unter der statistischen Schwankungsbreite in Richtung eh Alle. Eh Alle, das wären plusminus Hundert, Prozent, nämlich. Und gegen nix, niemanden nämlich, zu demonstrieren: eher, naja.

Sollte – spinnen wir das, was gerade anläuft, ein bisschen weiter – aus den vereinzelten Protesten eine Art größere weltweite Bewegung werden, könnten sich manche Regierungen tatsächlich ermutigt fühlen, Gesetze gegen finanzmarkttechnische Pyramidenspiele und den Glauben an exponentielles Wachstum zu beschließen. Zum eigenen Steuernutzen, versteht sich. Aber das ist schon OK so und macht vielleicht sogar Schule.

Wenn hingegen die feine Trennlinie zwischen Kapitalmarkt und Kapitalismus der Neigung von Demonstranten zu einem holzschnittartigen Weltbild geopfert wird, dann war’s ein nettes Fest jetzt. Campingurlaub in bester Innenstadtlage, danke, fein war’s, bis zum nächsten Mal. Aus die Maus und nix passiert.

Protest gegen Kapitalismus ist Protest gegen die einzige – aus heutiger Sicht funktionierende – wirtschaftliche Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, die immer schon die Mehrheit auf ihrer Seite hatte. Wer Lust und Zeit hat, möge sich an dieser Stelle ein Alternativszenario ausdenken. Die Tatsache, dass die, die gegen Kapitalismus auf die Barrikaden steigen, aber anschließend in den Weltladen gehen und Fairtrade-Kaffee aus Mittelamerika einkaufen, zeigt die ganze Zerrissenheit der Leute, denen nicht ganz klar ist, gegen wen und was sie da vom Leder ziehen.

Im Übrigen hat Google vorhin, als ich die Worte „Kapitalismus“ und „Definition“ eingetippt habe, ein Ergebnis geliefert, das ich noch niemals von dieser Suchmaschine bekam: „Server Error“. Unheimlich, nicht? Wenn es Zeichen gibt – voilà! Das wär eins.

Die zweite Ungereimtheit, die mir das Wall Street-Pfadfinderlager suspekt macht, ist, dass auf vielen Photos aus aller Welt Leute mit Anonymous-Masken herum laufen. Wie das? Anonymous, das sind doch die – wahrscheinlich jungen – Leute, die hauptsächlich mit subversiven Hackaktionen gegen Staat, Politik und Überwachungswut auffallen. Ich dachte, es geht gegen Banken, Börse, Multis und andere Pfeffersäcke. Aber ändern, so richtig pragmatisch hergehen und was tun: Das kann nur die jeweils zuständige Regierung. Die es, zugegeben, geschehen hat lassen, dass ihr schneidige Finanzleute unauffällig Kontrollinstanzen entwunden haben wie der Vater seinem Sohn das Schnitzmesser entwindet, bevor der sich weh tut: Gib her da, Patscherl.

Und Anonymous? Liebe Regierung, wir haben gerade sensible Daten über eure Polizisten gehackt und ausgeplaudert. Und übrigens, wo wir gerade so schön beim Plaudern sind – wie wär’s damit, fette Steuern auf Finanztransaktionen einzuheben? Außerdem ist der Kapitalismus das Letzte. Geht’s noch?

Was haben wir? Eine Protestbewegung, die behauptet, eine fast vollständige Bevölkerungsmehrheit zu vertreten. Was ihr fehlt, sind zwei Dinge: mehrheitsfähige Inhalte und die Kooperation mit den Regierungen. Die nämlich stehen in der heutigen Situation ausnahmsweise auf der selben Seite des Zaunes wie die Demonstranten. Auch sie sind Geschädigte. Wenn man sie wissen lässt, dass sie neunundneunzig Prozent der Bevölkerung hinter sich haben, servieren sie Tobinsteuer an geeistem Grundeinkommen. Bedingungslos.

Stefan Peters

Die Angst vor der Angst

23.7.2011

Die Anschläge in Norwegen – und was wir daraus machen.

In Norwegen sorgt ein terroristischer Doppelanschlag für ein Blutbad. So weit, so schrecklich. Und außerdem noch für eine Reaktion seitens der Regierung, die von abenteuerlicher Klarheit zeugt.

Während sich Fachleute in definitorischen Spitzfindigkeiten ergehen, ob es sich bei der Tat überhaupt um einen Terroranschlag gehandelt haben könnte oder um einen Amoklauf, steht wieder einmal die Frage im Raum, wie Politik mit Derartigem umgeht. Immerhin ist Terror dazu da, ein politisches System zu destabilisieren. Zieht das politische System – eine Regierung oder Staatengemeinschaft – nach, hat es schon verloren. Geschehen im Fall von 9/11, als der eilig verabschiedete PATRIOT Act für weltpolitische Verwerfungen in Sachen Bürgerrechte sorgte.

Durch die restriktive Reaktion auf einen Terrorakt versuchte die Bush-Administration, so zu tun, als würde sich Geschichte wiederholen. Das tut sie nicht. Nie. Wer das glaubt, kommt zu spät. Mit der massiven Beschneidung der Bürgerrechte versucht die Politik, die Illusion zu erzeugen, man könne Geschehenes ungeschehen machen und mit punktuellen Maßnahmen verhindern, dass bestimmte Bedrohungsszenarien eintreten. Das ist kindisch. Es setzt nämlich voraus, dass Terror genau so eintreten wird, wie das bereits einmal der Fall wahr. Wahrscheinlicher ist, dass genau dieses Szenario nie wieder eintreten wird.

Einschränkung der allgemeinen Bewegungsfreiheit, massive Überwachung, Generalverdächtigung bestimmter Gruppen der Bevölkerung – all diese Schritte der Politik führen in Richtung Totalitarismus. Dorthin also, wo der Terrorismus schon heute ideologisch steht und ein Heimspiel erwartet.

Was tut die Politik also, um souverän zu reagieren? Bestenfalls: nichts. Das also, was Norwegen zu tun beabsichtigt. Ein Land, das für eine offene Gesellschaft, offene Grenzen, Reichtum und – möglicher Weise in Folge dessen – sozialen Frieden bekannt ist. Ein mutiges Land.

Terror ist das Gegenteil davon. Terror bedeutet wortwörtlich Angst. Wir übersetzen den Begriff reflexartig mit dem Verbreiten von Angst durch Terroristen. Verständlich, weil die Täter-Opfer-Rollenverteilung so klar ist wie selten sonstwo.

Das ist die eine Seite, die wie üblich zu kurz greift, weil sie vom Postulat einer Existenz von natural born killers ausgeht.

Terror ist nicht nur die Ursache von Angst. Sie ist in erster Linie das Ergebnis davon. Es sind die mutigen Menschen, die sich zeigen, die offen handeln und Verantwortung auch für Andere tragen. Und es sind die Ängstlichen, die sich verstecken und aus der Deckung agieren. Insofern ist ein Terrorist ein Mensch, der die Gesellschaft an seiner Angst beteiligt.

Wie schützt sich eine Gesellschaft vor Terrorismus? Indem sie ihre Bürger ermutigt. Das ist Aufgabe der Politik. Je offener eine Gesellschaft ist, desto sicherer ist sie vor Terrorismus. Je mehr Druck eine Politik auf ihre Bürger ausübt, desto sicherer bringt sie Terroristen hervor.

Kontrolle mit Schutz gleichzusetzen, wie das nicht nur offen totalitäre Regimes praktizieren, ist ein fatales Missverständnis. Denn eine Gesellschaft weltweit so zu kontrollieren, dass terroristische Akte auch nur wesentlich erschwert werden, würde einen Totalitarismus erfordern, der nicht einmal im Dritten Reich flächendeckend durchgesetzt wurde. Und das, wohlgemerkt, zu einer Zeit, in der von Globalisierung im heutigen Sinn noch keine Rede war und in der technologisch im Vergleich zu heute Steinzeit herrschte.

Terroristische Anschläge zu verüben ist heute weltweit Jedem möglich. Wie wir in Norwegen gesehen haben.

Was ist zu tun? Es ist Trauerarbeit zu leisten. Das jedenfalls. Es ist darüber nachzudenken, wie Terrorismus der Boden entzogen werden kann.

Angst wird es immer geben. Das ja. Und immer mehr davon, in einer modernen Gesellschaft, die den Wert ihrer Mitglieder nach ihrer Wirtschaftsleistung bemisst und dabei soziale Grabenkämpfe lostritt. Eine paranoide Politik legitimiert diese Angst zum gesellschaftlichen Konsens.

Eine pluralistische Politik schafft das Gegenteil. Sie macht Mut und erklärt ihn zur staatsbürgerlichen Tugend. Genau das tut Norwegen dieser Tage. Die Regierung Stoltenberg erklärt, weiterhin den Kurs einer weit offenen Demokratie fahren zu wollen. Und König Harald verteidigt diesen Weg mit dem Argument, Freiheit sei stärker als Angst.

Das ist karger Boden für Terrorismus. Und ein Beispiel.

Stefan Peters

Aspirin fürs Volk

2.2.2011

Vor einigen Tagen hat der ehemalige österreichische Finanzminister Karlheinz Grasser zugegeben, einen Gewinn nicht versteuert zu haben. Er hat Selbstanzeige erstattet und auch gleich die Rechnung beglichen. So weit, so rechtmäßig. Rechtsstaatlich, eben. Mit einer – noch so ein Unwort wie etwa Unschuldsvermutung – schiefen Optik, die sich gewaschen hat. Aber schiefe Optik, das ist etwas, das in Österreich noch niemals das Ergebnis eines Rücktritts oder sonstiger nachhaltiger Polit-Tektonik gezeitigt hätte.

Dieser Versuch, dieses „Man wird’s ja wohl probieren dürfen“, gepaart mit einem „Erwischt!“ und dem spitzbübischen Grinsen, so wie damals der Bub in der Zahnpastawerbung, ist eine Art österreichischer Krankheit. Von der Wirtschaft als „Feinkostladen Österreich“ apostrophiert, schlichten wir eher Waren in die Regale einer alpenländischen Schmähtandlerei, die an der bevorzugten Einkaufsstraße von Fremdenverkehr und Innenpolitik liegt.

Wohlgemerkt, Grasser ist keine Krankheit. Er ist ein Symptom. Ihm den Prozess zu machen und ihn, sollte sich seine Schuld erweisen, auch zu verurteilen, ist zwar richtig. Denn Österreich ist, wie gesagt, ein Rechtsstaat. Zur Heilung der dahinter liegenden Krankheit trägt dieses wie auch vergleichbare Verfahren allerdings nichts Wesentliches bei.

Es klärt nicht die Frage nach dem Nährboden, der die Tateinheit von persönlicher Bereicherung am öffentlichen Gut und gleichzeitigem Werfen von Nebelgranaten in Richtung ebenjener Öffentlichkeit hervorbringt.

Dass Schmieren und folglich auch Geschmiert-Werden in jedem bürokratischen System immanent verankert ist, das ist nichts Neues. Wollte man mit Antikorruptionsgesetzen das Schmieren abschaffen, müssten diese Gesetze eine Abschaffung der öffentlichen Verwaltung beinhalten. Was uns auch nicht recht wäre.

Geld in seiner Funktion des Opfers, das dargebracht wird, um Entscheidungsträger günstig zu stimmen, Abläufe zu beschleunigen, Türen zu öffnen, ist im Wesen jeder Kultur normal. Immerhin kann sich dieser Vorgang auf eine lange Tradition in allen wesentlichen Religionsrichtungen berufen. Jetzt Empörung zu heucheln und öffentlichkeitswirksam nach dem Riechfläschchen zu verlangen hat angesichts der Historie von Geben und Nehmen etwas Frivoles.

Dieser Kultur mit Gesetzen entgegen treten zu wollen, ist rührend. Das war’s dann aber auch schon. Denn Gesetze sind nicht imstande, Gerechtigkeit zu schaffen. Was sie können, das ist, den jeweils herrschenden Zeitgeist zu spiegeln. Dass sich dieser Geist ständig verändert, das ist gut so. Würden Grasser und seine Freunde als Nehmer im großen Stil angeklagt und verurteilt, dann würde voraussehbarer Weise öffentlich Genugtuung zelebriert. Diese Genugtuung ist nicht die Zufriedenheit über den gerechten Ausgang einer Straftat. Sie verströmt das Odium von Satisfaktion auf dem Fundament von Rache.

Genau diese Grundstimmung ist es, die das Zeitgeistbarometer anzeigt. Während die gesellschaftlichen Umbrüche von 1968 tendenziell intellektuelles Unterfutter hatten, das Wort „Gerechtigkeit“ auf dem Banner der Revolution trugen, läutete 1989 die Leitkultur der Rache ein. Medial veröffentlichte Hinrichtungen von Ceausescu bis Hussein, Aufrufe zu heiligen Kriegen gegen Terror, Vergeltungsdrohungen, ausgesprochen durch einen fundamentalreligiösen Warlord, der zufällig auch Präsident der einigen verbliebenen Supermacht der Welt war. So sieht Rache aus.

Hier geht es nicht um Gerechtigkeit. Hier werden Fackeln und Heugabeln zur Hand genommen. Blut muss fließen.

Dass diese Fackeln und Heugabeln die bevorzugten Argumente sind, mit denen in Österreich politischer Diskurs geführt wird, zeigt das Straßenbild in Vorwahlzeiten.

Den eigenen wirtschaftlichen und sozialen Abstieg – Ergebnis mangelhaften Schmähtandelns – gesühnt zu bekommen, indem einem der Kopf eines beliebigen Schuldigen auf dem silbernen Tablett serviert wird, ist der Stoff, in den sich politische Mehrheitsfähigkeit kleidet. Es ist angerichtet, bitte zu Tisch!

Eine eventuelle Verurteilung von KHG entspricht etwa der Gabe eines milden Schmerzmittels gegen syptomatische Beschwerden, quasi Aspirin fürs Volk. Das Äqivalent einer kleinen Rache also. Einem Racherl, das so tut, als wäre der Zustand ausgleichender Gerechtigkeit wieder hergestellt.

Ein besonders bei jungen Menschen ausgeprägter Sinn ist der für Gerechtigkeit. Gerechtigkeit von der Art des Regelwerks, das sie vom Fußballspiel kennen. Regeln, die dazu führen, dass das Revanchefoul härter bestraft wird als das Foul selbst. Für Gerechtigkeit ist der Schiedsrichter zuständig. Ein Revanchefoul ist Selbstjustiz. Ist Rache.

Während die Gerechtigkeit einen Vertrag voraussetzt, an den sich alle halten, während ihre Durchsetzung Erwägung braucht, Zeit und Gehirnschmalz, also insgesamt eine mühsame Sache sein kann, ist Rache vertragsloser Zustand im Schnellverfahren. Erst schießen, dann fragen.

Der amerikanische Psychologe Eric Berne, der vor einem halben Jahrhundert die Grundlagen der Transaktionsanalyse entworfen hat, skizziert in seinem Buch „Spiele der Erwachsenen“ soziale Abläufe, in denen Menschen mit ausgeprägtem Therapiebedarf aus ihrem psychischen Zustand Nutzen ziehen und ihn deshalb beibehalten wollen. Im Partyspiel „Schlemihl“ verstößt ein Mitglied einer Gruppe in immer stärkerem Maß fortlaufend gegen gesellschaftliche Konventionen. Für diese Verstöße entschuldigt sich der Spieler umgehend. In Österreich kann, wie wir aus der jüngeren Geschichte der Politkultur wissen, der Entschuldigung auch ein trotziges „Meinetwegen“ vorangestellt werden. Um nicht als Verlierer oder Kleingeist angesehen zu werden, wird diese Entschuldigung ausnahmslos akzeptiert. Mit der Folge, dass der nächste Verstoß noch eins draufsetzt.

So werden die Grenzen, die gesellschaftliche Konventionen setzen, aufgeweicht. Gewinner ist übrigens immer der Schlemihl. Jedenfalls, so lange man ihm die Möglichkeit einräumt, sich zu entschuldigen und ihm damit einen Persilschein in die Hand drückt.

Dass der triviale Mechanismus von Fehlverhalten und gerechtem Ausgleich in eine Schieflage von Schuld und Entschuldigung gekippt ist, ist nicht nur, aber auch eine österreichische Krankheit. Dass, wo keine Entschuldigung in Reichweite ist, der anständige und fleißige Absteiger nach Rache schreit, das auch.

So kreißt die Alpenrepublik und gebiert Schmähtandler.

Stefan Peters

Facebook, Reibach und das Öffentliche

28.1.2011

Peter Hustinx, Datenschutzbeauftragter der EU, hat einen Vorschlag geäußert, der im ersten Moment reichlich schräg klingt. In einem Interview mit der Zeitung „Der Standard“ hat Hustinx angeregt, die User der Sozialplattform Facebook mögen doch hergehen und Geld von den Betreibern des Netzwerks fordern.

Das hört sich im ersten Moment nach einem „eat the rich!“-Reflex an. The rich, Mark Zuckerberg nämlich, Prototyp des anämischen Nerds, dessen Lieblingsprosa in Benutzerhandbüchern und auf Kontoauszügen mit bizarr vielen Nullen zu finden ist. Der junge Mann, der eine Idee hatte, die gehabt zu haben sich eine Menge anderer junger Nerds wünschen. Eine Idee, die den größten Teil aller weltweit gültigen Gesetzgebung zum Datenschutz obsolet macht. Weil eben die zu Schützenden, also wir, ohne Not all die Informationen über uns öffentlich abliefern, die, würden wir das nicht wollen, nicht publik sein dürften.

Wenn es stimmt, dass Daten Wert besitzen, dann stimmt es genauso, dass wir solcherart Wertgegenstände aus dem Fenster werfen. Sollte jemand unter unserem Fenster stehen und die Klunker einsammeln, schreien wir sehr wohl: „Haltet den Dieb!“ Das nützt uns jetzt auch nichts mehr. Hätten wir halt nicht werfen sollen.

Doch dafür sind die Datenschutzgesetze nicht gemacht. Niemand entmündigt uns, wenn wir uns auf den digitalen Dorfplatz stellen und unter der Überschrift „Mein peinlichstes Erlebnis“ Dinge über uns selbst erzählen, die erzählt zu haben uns schon sehr bald sehr leid tun werden. Was nichts hilft. Denn: „Die Rache des Journalisten ist sein Archiv“, hat Robert Hochner einmal gesagt. Journalist ist, daran werden wir uns im Zeitalter des Internet noch gewöhnen müssen, potenziell Jeder. Ebenso, wie das Archiv jedem gehört. Ob bezahlt oder als freier Download, macht bloß einen buchhalterischen Unterschied.

Facebook ist Dienstleister. Dienstleister ist die Plattform aber nur deshalb, weil wir das so sehen wollen. Wir dürfen auf diesem digitalen Dorfplatz Nabelschau aller Art betreiben. Dürfen Photos, Videos, Chats und nach außen gekehrte Befindlichkeiten abladen. Nie war das gelebte Starprinzip um die eigene Person einfacher zu relisieren. Und das Beste daran ist: Es kostet uns keinen Cent. Gratis.

Genau das sollte uns stutzig machen. Zuckerberg als prominenter Vertreter aller anämischen Nerds, die hinter social networks stehen, als paradigmatischer Vader Abraham aller Netzschlümpfe, hat eindeutig nichts Mutter Theresa-Artiges. Auch sein wirtschaftliches Umfeld, der Kapitalismus Made in USA, ist eher keiner vordergründig karitativen Werthaltung verdächtig.

Der Punkt ist: wir zahlen eh. Wir zahlen mit Aufmerksamkeit für bezahlte Werbung. Wir zahlen mit jeder einzelnen Information, die wir, den Datenschutz unterlaufend, freiwillig auf den Server kippen. „Facebook ist Stasi auf freiwilliger Basis“, beschreibt das der Kabarettist Michael Niavarani ebenso drastisch wie treffend. Ohne uns kein Content. Ohne Content keine Ads. Ohne Ads kein Reibach. Eine knappe halbe Milliarde US-Dollar netto war’s übrigens im abgelaufenen Jahr.

Wir haben gelernt, mit Gratisangeboten umzugehen. Das schon, ja. Gelernt heißt, wir haben einen „Her damit!“-Reflex entwickelt. Weil: Wer weiß, wie lange das Angebot gilt und wie lange es dauert, bis das Freibier ausgetrunken ist? Paradox an dieser Sache ist, dass es einerseits illegal ist, die Sonntagszeitung zu fladern. Andererseits ist es für Medienunternehmen geschäftsschädigend, am Zeitungsständer vorbei zu gehen es nicht zu tun. Denn verdient wird nicht am Kauf-, sondern am Werbepreis.

Was wir noch nicht gelernt haben, das ist der Umgang mit Öffentlichkeit. Mit einer Art von Öffentlichkeit, für die es vor fünfundzwanzig Jahren nicht einmal eine Definition gab. Die Öffentlichkeit des Internet, mit der niemand umgehen kann. Nicht die Politik, nicht die Gesetzgebung, nicht die Medien. Wir schon gar nicht.

Wenn wir ein Bild auf Facebook stellen, auf dem andere Menschen als wir selbst abgebildet sind, können wir diese Menschen markieren und benamsen. Ob die das wollen oder nicht, ist deren Problem. Wäre Facebook ein Medium, würde das nach dem österreichischen Mediengesetz eine Verletzung des Bildnisschutzes bedeuten. Wenn wir uns über andere Menschen via Facebook auslassen, wären wir nach dem selben Gesetz wegen Beleidigung, Kreditschädigung oder Verleumdung fällig.

Facebook ist ein Medium. Und wir sind seine Redakteure. Dass ein nationales Mediengesetz auf diese Art öffentlicher und veröffentlichter Information nur mit Kapitulation reagieren kann, ist nachvollziehbar. Immerhin hat das Gesetz im Wesentlichen dreißig Jahre auf dem Buckel und hantiert mit einem Bild von Öffentlichkeit, das längst mit bunten Deckfarben übermalt worden ist. Soviel zur Realitätsnähe der Legislative.

Die Verantwortung dafür, dass Facebook heute ein höchst profitables Unternehmen ist, tragen über eine halbe Milliarde User, die insgesamt jeden Tag, rund um die Uhr und weltweit dafür sorgen, dass das Medium seinen Zweck erfüllt. Den nämlich, Informationen auf Server zu kippen. Täten sie das nicht, wäre Facebook wertlos. Wertlos für Inserenten, die AdClicks bezahlen, wertlos für alle, die in diesem Medium genau die Informationen finden, die sie suchen. Und das ganz ohne lästige Datenschutzgesetze.

Es ist vollkommen normal, dass Hustinx die Forderung aufstellt, Facebook-Usern sollte für ihre redaktionelle Mitarbeit in diesem größten Einzelmedium der Welt etwas bezahlt werden. Was denn sonst?

Stefan Peters

Casting

20.1.2011

Castings sind Mentalübungen. Mentalübungen für die Fähigkeit, nach zermürbender Wartezeit gemeinsam mit einem Rudel von Konkurrenten oder Mitspielern (was genau, wird erst klar, wenn es schon zu spät ist) konzentrierte Betriebsamkeit vorzutäuschen.

Das Ambiente könnte ein Gassenlokal in doppelter Altbauhöhe sein, stilistisch einer 80er Jahre-Loftästhetik mit postapokalyptischen Einsprengseln verbunden. Die Klimatisierung: Im Sommer überheizt, im Winter unterkühlt. Leiden für Fortgeschrittene. Hoch genug und trotzdem zu klein, mit Eignung als Clubraum für die Neigungsgruppe Lagerkoller.

Ein Hauch von Kafka umweht die wartende Runde derer, die jetzt gerne und klammheimlich Pickel und faule Zähne in die Visagen der Anderen zaubern könnten. Blicke vermeidend wie Patienten im Wartezimmer einer Arztpraxis für Geschlechtskrankheiten, harrt die Gruppe, dumpf brütend, Kräfte sammelnd oder wenigstens aufsparend für die wenigen Momente vor der Kamera. Die Momente, die entscheiden. Über ein Engagement oder die Hoffnung auf den nächsten Anruf von der Agentur.

Vom Warteraum führt eine Treppe hinauf zu einer Tür mit eingelassener Milchglasscheibe. Dahinter das grelle Licht von Scheinwerfern. Dann und wann wird der Strahl der Halogenbrenner von einem Schatten durchbrochen, der über die Scheibe gleitet. Manchmal langsam, dann wieder ruckartig, immer abstrakt, schemenhaft. Verzerrte Andeutungen einer platonischen Höhle.

Die Gruppe weiß: dort ist das echte Leben. Dort ist die Welt, auf die sie hoffen. Sie könnten jetzt natürlich auch aufstehen, den Zettel, den sie bei ihrer Ankunft ausgefüllt haben, zerknüllen und durch die untere Tür auf die Straße treten. Doch dafür haben sie schon viel zu lange gewartet. Wähnen den größten Teil der abgesessenen Zeit vorüber. Meinen sich kurz vor dem Aufgerufenwerden. So, wie wir auch nach einer gewissen Zeit, die wir in einer telephonischen Warteschleife hängen, nicht mehr auflegen, weil ja das Verbundenwerden nur noch eine Frage von Sekunden sein kann. Muss. Solcherart verharren sie unter Kafkas wehenden Rockschößen.

Mitten in die Konkurrenz- oder Kooperationslethargie – sie wissen es immer noch nicht genau – platzt die sich öffnende Tür am oberen Ende der Treppe. Die Tür zur wirklichen Welt, in der die Art von Illusion hervor gebracht wird, an deren erfolgreichem Abschluss Gage winkt.

Ein gelangweilter Zerberus (er tut den ganzen Tag lang nichts Anderes) tritt durch die Tür und die Stufen herab und blickt suchend in die Runde, die explosionsartig zum Leben erwacht, bereits im Sitzen den Eindruck wie auf einer Perlenkette aufgefädelter vibrierender Bienenkörbe erweckt.

Professionelle Dynamik von der jeweils der Rolle entsprechenden besten Seite dargebracht erfüllt den Raum.

Der Zerberus, ein souverän im Zentrum der Aufmerksamkeit agierender schwarz gekleideter Kreativer (der sich seinen Job auch anders vorgestellt hat) zeigt nacheinander auf vier Personen aus der Gruppe. Nennt Rollen, fordert sie auf, ihm zu folgen. Während die Fünf jetzt die Treppe empor steigen, versinkt das zurück gebliebene Rudel der Wartenden wieder in dumpfes Standby.

Die vier Aspiranten finden sich auf der anderen Seite der Glastür in einem improvisierten Set wieder. Kleine, billige Scheinwerfer, ein Witz von einer Mini-Videokamera, die aussieht wie aus einem Überraschungsei. Pseudorequisiten, die zu bespielen noch mehr Phantasie erfordert als gar keine Requisiten. Keine Illusion von Welt. Sondern die Illusion einer Illusion.

Es folgt die Vorstellrunde der Schauspieler, mit unter dem Kinn zur Kamera gehaltenem Nummernkärtchen. Hände zeigen und das Profil, jetzt von links, bitte. Knappe Anweisungen aus dem Halbdunkel schräg hinter der Kamera, wo eine müde Mittfünfzigerin gleich darauf und zwischendurch dem Operateur der Witzkamera Anweisungen zu Bildausschnitt und Aufnahme erteilt. Eine komplette Drehung. Danke, der Nächste.

Dann wird gespielt. Ein Werbespot soll es werden, also gute Laune, Wohlfühlzone, denkt daran, ihr genießt, was ihr tut. Also wird die illusionsillusionistische Requisite bespielt, wird Freude, Überraschung, Erstaunen frohgemut und reproduzierbar gemimt. Der Laden brummt und alles geht gut aus. Weil Werbung.

Dann heißt es, gestorben, also abgedreht. Das gut gelaunte Gesicht aus dem Gesicht gewischt, die Illusion abgeliefert.

Hinaus gehen sie, die Vier. Die Treppe abwärts, einen mitleidsvoll-erleichterten Abschiedsgruß in die Runde murmelnd, hinaus auf die Straße. Die auch irgendwie echt wirkt. Nur nüchterner.

Während dessen der Zerberus wieder eine Auswahl gagenbedingten Frohgemuts trifft.

Ich mag Film. Ich kann nicht anders. Werbefilm-Ateliers waren meine Kinderstube. Das prägt. Und ich mag Castings. Sie sind, nach der Warteschleife der Zugauskunft, die zweitbeste Gelegenheit, ein gutes Buch völlig ungestört zu Ende zu lesen.

Stefan Peters

Management by Mut

16.1.2011

Stellen Sie sich einen Menschen vor, der wichtige kaufmännische Entscheidungen zu treffen hat und sagt: „Wir haben das noch nie so gemacht, wie wir das jetzt überlegen. Aber es könnte funktionieren. Es ist riskant. Wir finden es jetzt heraus. Wir tun es.“

Stellen Sie sich einen anderen Menschen vor, der wichtige kaufmännische Entscheidungen zu treffen hat und sagt: „Wir haben das noch nie so gemacht, wie wir das jetzt überlegen. Sicher, es könnte vielleicht funktionieren. Aber es ist riskant. Deshalb machen wir es genau so, wie wir es bisher gemacht haben. Wir sind auf der sicheren Seite.“

Wer von den beiden wird einmal mehr Exemplare seiner Autobiographie verkaufen? Mit wem von den beiden würden Sie lieber einen Kaffee trinken gehen? Und vor allem: Wer von den beiden führt mit größter Sicherheit das erfülltere Leben?

In wessen Unternehmen wollen Sie lieber arbeiten? Management by Mut oder Management by Angst? Wo, glauben Sie, ist für Sie der bessere Arbeitsplatz, wo werden Sie wahrgenommen, wo zählen Ihre Ideen, wo können Sie sich entwickeln?

Menschen in Führungspositionen sind mutige oder ängstliche Menschen, Erwachsene oder Kinder. Das sind sie beruflich genauso wie privat. Aber jemanden, der schon in seinem Privatleben das Risiko scheut wie der Teufel das Weihwasser, in eine berufliche Führungsposition zu setzen, ist eine todsichere Garantie für geschäftlichen Stillstand.

Dieser Mensch wird als Gelähmter seine Umgebung lähmen. Dieser Mensch wird keine einzige Entscheidung treffen, aus Angst, sie könnte ein Fehler sein.

Dass die Angst, Fehler zu begehen, zum einzigen unverzeihlichen Fehler überhaupt führt, nämlich, gar nichts zu tun; das wird dieser Mensch nicht verstehen. So lange jedenfalls, bis er gelernt hat, dass einen Fehler zu machen die einzige Möglichkeit ist, Dinge zu verbessern, Entwicklungen einzuleiten, Erfolge zu erzielen.

Ich rege für die Wirtschaftswissenschaften die Schaffung eines Lehrstuhls für Angewandten Mut im Management an. Ob angehende Führungskräfte lernen, mit allen Kräften den Status Quo zu konservieren (und es kostet alle Kräfte, glauben Sie mir. Wenn nicht, springen Sie einfach in einen reißenden Fluss und versuchen, auf der Stelle zu schwimmen) oder ob sie lernen, die ohnehin pausenlos stattfindende Veränderung mitzugestalten, kostet das selbe Geld.

Die Lehrstühle für Angewandte Angst im Management sind jedenfalls überreichlich besetzt.

Die Didaktik für die Entwicklung von Mut ist da. Sie ist im harmlosen Spitzenkleidchen von Incentives und Outdoortrainings heran gereift und wartet darauf, in geeigneten Labor-Settings eingesetzt zu werden. Es braucht eben in vielen Situationen jemanden, der neben einem steht und sagt „Spring“! So lange jedenfalls, bis man sich daran gewöhnt hat, sich diese Handlungsanleitung selbst zu geben. Bis man insgesamt ein sehr viel mutigerer Mensch geworden ist, der gelernt hat, mit Veränderung umzugehen, sich selbst und anderen zu vertrauen.

Je mehr solcher Menschen ein Unternehmen bevölkern, umso souveräner werden Entscheidungen getroffen, Innovationen gefördert, Erfolg erlebt.

Stefan Peters