Wir Teilzeittachinierer

Wie viel Arbeitszeit ist genug? Ist Teilzeit asozial? Über All-In-Verträge, suffizientes Arbeiten und den Takt der Dampfmaschine.

Danke, es reicht!

In der Frühzeit der Industrialisierung gingen Leute in Fabriken, die zuvor in Handwerk oder Landwirtschaft gearbeitet hatten. Dort waren sie gewohnt, die Arbeit zu verrichten, die notwendig war. Nicht mehr. War das Notwendige erledigt, das Vieh gefüttert, das Messer geschmiedet, dann war Pause. Oder Feierabend, je nachdem. Klingt vernünftig, was denn sonst?

Genauso handhabten sie es in den Fabriken. Sie arbeiteten solange, bis sie das – täglich ausbezahlte – Geld zusammenhatten, das sie benötigten. Dann gingen sie heim. Und kehrten erst wieder, wenn das Geld aus war. Was aus der Sicht der Arbeiter logisch und ganz im Sinne der Suffzienz war, kam bei den Besitzern dieser Fabriken nicht so gut an. Ihre Maschinen erzeugten erst dann Mehrwert, wenn sie jemand bediente. Also erfanden sie die Arbeitszeit. Und, weil sie schon dabei waren, den Wochenlohn. Damit drehten sie elegant den Spieß der Abhängigkeit um und schufen ein System von Anstellungsverhältnissen, wie wir sie bis heute kennen.

Produktiv mal zweieinhalb

Bild aus einer Hängematte aus gesehen, mit Füßen im Anschnitt.
Serviervorschlag für die Nutzung frei gewordener Zeit. Ab in die sprichwörtliche Hängematte!

Vor etwa einem halben Jahrhundert wurde bei uns eine Normalarbeitszeit von meist um die vierzig Wochenstunden eingeführt; fünf bis acht Stunden weniger als noch ein paar Jahre zuvor. Diese Verkürzung entsprang nicht unbedingt einer sozialen Aufwallung der Dienstgeber, sondern einer durchaus wirtschaftslogischen Berechnung. Es war angesichts der technologischen Entwicklung und der damit verbundenen Produktivitätssteigerung schlicht und einfach ausreichend. In kürzerer Zeit mehr Wertschöpfung zu erzeugen, kam also allen zugute.
In den fünfzig Jahren seither stieg die gesamtwirtschaftliche Produktivität in unserem Land um das etwa Zweieinhalbfache. Die logische Konsequenz, eine entsprechende Verringerung der Normalarbeitszeit auf etwas weniger als zwanzig Stunden, steht interessanter Weise unter Marxismusverdacht. Und das, obwohl die österreichische Realverfassung schon heute eine wöchentliche Arbeitszeit von etwa dreißig Stunden ergibt – bei Männern ein bisschen mehr, bei Frauen ein bisschen weniger. Wir sind, statistisch abgesichert, insgesamt eine Teilzeit-Arbeitsgesellschaft. Eine Gesellschaft, in der eine der mächtigsten Politikerinnen des Landes öffentlich kundtun darf, dass, wer ohne Betreuungspflichten Teilzeit arbeite, asozial sei. Sie habe Verständnis für work-life-balance, aber sie selbst arbeite mehr als vierzig Stunden, das sei ungerecht.

Es springt der Neidreflex

Wenn wir uns über Suffizienz Gedanken machen und darüber, wieviel genug sein kann, dann balancieren wir sehr schnell am Rand einer ausgewachsenen Neiddebatte. Das ist nicht schön und niemand ist davor gefeit, reflexartig in einen Zustand der Missgunst zu kippen. Ich darf zwei Freunde auf die Bühne bitten. Einer, dem ich vor langen Jahren gestanden habe, auf jemanden neidig zu sein. Wer das war, habe ich vergessen, es spielt auch keine Rolle. Dieser Freund sah mich lange an, dann schüttelte er den Kopf. „Wozu soll Neid gut sein?“, fragte er schließlich. „Damit tust du dir nur selbst weh. Und es macht einen hässlichen Teint.“ Ich denke oft und in Dankbarkeit an ihn, zumindest jedes Mal, wenn mich der Neidreflex anspringt und ich ihn abwehren kann.

Wenn genug genug ist

Der zweite Freund, von dem hier die Rede ist, führt einen Handwerksbetrieb, ein klassisches Ein-Personen-Unternehmen mit einer prächtigen Werkstatt mitten in Wien. Als ich ihn fragte, ob er seine Werkstatt gegen anständige Miete für Dreharbeiten zur Verfügung stellen würde, lehnte er ab. Er habe für dieses Jahr schon genügend verdient, mehr brauche es nicht, die Werkstatt sei geschlossen und er unterwegs. Es war Mitte September.

In meiner Arbeit in arbeitsmarktpolitischen Projekten frage ich meine Studierenden regelmäßig nach ihren nächsten beruflichen Zielen. Eine meiner Fragen zielt auf die zeitlichen Rahmenbedingungen ab. Wie viele Wochenstunden streben sie an? Ist eine Teilzeitbeschäftigung mit ihrem Lebensstil vereinbar oder soll es ein All-in-Vertrag mit mehr oder weniger hohem Überstundenpaket sein?

Tausche Geld gegen Leben

Die Antworten entsprechen insgesamt dem Trend, der in den letzten Jahren zu bemerken ist. Grob gesprochen gibt es eine altersmäßige Mitte von Menschen, die Vollzeit oder All-in anstreben. Es geht da um finanzielle Verpflichtungen wie Kredit oder Unterhalt, um Führungspositionen und auch um den Erhalt eines aufwändigen Lebensstils. Bei den Jungen und Älteren flacht die Kurve deutlich ab. Wieweit das mit den noch nicht oder nicht mehr so ausgeprägten Sachzwängen zu tun hat? Kann sein. Die vielbesprochene Abwendung der Millenials vom Spitzenverdienst und quasi unbeschränkter zeitlicher Verfügbarkeit für den Arbeitgeber mag ein Trend sein. Wie weit dieser Trend mit einem zunehmend volatilen Arbeitsmarkt Bestand haben wird, das sehen wir einst im Rückspiegel der Geschichte.

Die Sehnsucht, sich aus dem frühindustriell zugeschnittenen Korsett des immer noch gültigen Arbeitszeitmodells zu befreien, ist jedenfalls vorhanden. Und sie ist nicht ganz neu. Fast ein Vierteljahrhundert ist es her, dass ein Freund von mir einen verdammt hochbezahlten Job gekündigt hat. Seine Begründung damals: „Ich habe keine Lust mehr, mich dafür zu entschuldigen, dass ich am Sonntag keine Lust habe, zu arbeiten.“ Im vorletzten Satz wollte ich ursprünglich schreiben, dass der Job gut bezahlt war. Das war er nicht. Es war nur viel Geld für viel Lebenszeit.

Abseits von Berufen, die sehr hohe Expertise erfordern, liegt die Entscheidung, wieviel Arbeitszeit reicht, ohnehin meist nicht bei den Menschen, die den Job machen. Über die Hälfte der berufstätigen Frauen und mehr als ein Viertel der Männer in Österreich arbeiten Teilzeit. Und das machen sie nicht, weil ihnen Tachinieren am Herzen liegt, dolce far niente und Hängematte statt hackeln. Sie machen es deshalb, weil es ihren Job eben nur in Teilzeit gibt. Diese scheinbar gottgegebene Kopplung von verbrachter Lebenszeit und Arbeitsleistung werden wir uns demnächst noch genauer ansehen.

Hier geht’s zu Infos zu Stefan Peters

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