Was heißt hier Leistung?

Was misst eine Stechuhr? Woher kommt der 50-Minuten-Takt? Wie schwierig ist es, zu vertrauen? Vom Versuch, versessene Lebenszeit als Leistung zu verstehen.

Der Sinn des Stempels

Zweimal in meinem Leben hatte ich es beruflich mit einer Stechuhr zu tun. Das erste Mal war während eines Ferienjobs, als ich im Zentrallager einer Supermarktkette im Dreischichtbetrieb Akkord arbeitete. Am Werkstor einen Kartonstreifen einstempeln, acht Stunden lang LKW-Lieferungen zusammenstellen, ausstempeln, das Ganze für nach damaligen Maßstäben mordsmäßig viel Geld. Und insgesamt nachvollziehbar, weil Anwesenheit gleich Leistung. Das Werkl stand niemals still. War eine Liste abgearbeitet, drückte mir der Lagerleiter schon die nächste in die Hand.

Das zweite Mal, vor etwa zehn Jahren, da war die Sache ein bisschen diffiziler. Die Stechuhr elektronisch, ein Plastikchip an meinem Schlüselbund, ein Leser an der Wand im Eingangsbereich meiner Arbeitsstelle. Der Job bestand darin, arbeitsuchende Menschen zu beraten, Bewerbungscoaching, Orientierung, Notschlafstellen, Schulden- und Drogenberatung vermitteln, so Sachen. Leistungen, die unmöglich mit dem Verstreichen von Zeit abgebildet werden können. Was trotzdem geschah und in vielen vergleichbaren Arbeitssituation geschieht.

Wie kommt’s? Wie kann es angehen, dass heute noch eine in den meisten Fällen völlig untaugliche Hilfskonstruktion zum Messen von Arbeitsleistung eingesetzt wird? Wenn so getan wird, als wäre verkaufte Lebenszeit allein bereits ein verrichtetes Werk. Im Umkehrschluss würde das im Übrigen bedeuten, dass mir mein Gehalt schon aufgrund der Tatsache zusteht, dass ich die Betriebsstätte meines Arbeitgebers mit meiner Anwesenheit beehre (okay, wahrscheinlich bin ich jetzt nicht der Einzige, dem ein paar namentlich bekannte Beispiele zu diesem Thema einfallen).

50 Minuten am Exerzierplatz

Ein Verkehrszeichen mit der Geschwindigkeitsbegrenzung 50 km/h
Auch nur eine Zahl wie andere. Jedenfalls für viele Autofahrer*innen auf der Zufahrt zur Autobahn

Das Arbeitsinspektorat schreibt nach 50 Minuten Bildschirmarbeit eine Pause vor. Meine Coaching- und Trainings-Einheiten dauern jeweils 50 Minuten. Schon Sigmund Freund hat zehn Minuten vor der vollen Stunde sein Notizbuch zugeklappt. Eine magische Zehl? Die Kabbalistik der Arbeitszeit?
Die 50-Minuten-Einheit, wie wir sie aus Schule, Beruf und Dienstleistung kennen, hat ihre Wurzeln im Militär. Nachdem sich zeigte, dass Rekruten nach dieser Zeitspanne einen merklichen Abfall an körperlicher Leistungsfähigkeit hatten, gab man ihnen zehn Minuten Pause, dann ging’s weiter. Diese Taktung ging im 19. Jahrhundert auf industrielle Arbeitsabläufe über und breitete sich in der Folge auf so viele Lebensbereiche aus, dass wir uns das heute kaum anders vorstellen können. Tatsächlich greift dieses auf physische Leistung zugeschnittene Zeitmaß im heutigen Arbeitsleben manchmal zu kurz, manchmal zu weit und meist daneben. Sakrosankt bleibt es allemal, niemand, der sich daran abarbeiten möchte.

ROWE

Zwei Mitarbeiterinnen einer US-amerikanischen Handelskette entwickelten im Jahr 2003 ein Arbeitsmodell, das sich ausschließlich an erreichten Zielen orientierte. Dieses Result Only Work Environment brachte eine radikale Änderung der Managementkultur des Unternehmens. Mitarbeiter*innen kamen, wenn es etwas zu erledigen gab und gingen, wenn die Sache erledigt war. Sie nahmen an Meetings teil, wenn es etwas Relevantes zu sagen oder zu erfahren gab. Die Produktivität stieg, die Fluktuation sank, die Work-Life-Balance und die Gesundheit der Beschäftigten verbesserte sich. Nur Vorgesetzte mit Hang zu Micromanagement hatten plötzlich das Problem, dass ihre Angestellten je nach sachlicher Erfordernis selbst entschieden, wo und wann sie am besten ihren Job machten.

Klar, in Berufen mit notwendiger, zeitlich definierter physischer Präsenz ist so ein Modell nicht einsetzbar. Außerdem besteht das Risiko, dass Arbeitsziele unscharf formuliert oder nach Belieben hinaufgeschraubt werden. Doch insgesamt könnte so eine ergebnisgetriebene Arbeitsumgebung eine längst fällige Abkehr vom Glauben an die quasi gottgegebene Kopplung von Zeit und Leistung bringen. So gesehen ein emanzipatorischer Akt, und ein Schritt Richtung Suffizienz, die alles beiseite lässt, was über die Erledigung des Notwendigen hinausgeht. Wenn mir danach ist, zwischendurch mit Kolleg*innen zu plaudern, dann mach ich das eben. Wenn nicht, dann gehe ich nach getaner Arbeit, ohne mir Gedanken um versessene Lebenszeit zu machen.

Dieses Prinzip ist an sich nicht neu. Jeder Werkvertrag richtet sich danach. Wenn ich für eine andere Person ein Buchmanuskript überarbeite, ist es egal, wann und wo auf der Welt ich das mache. Es gibt ein klares Ziel und eine klare Deadline und eine vereinbarte Gage, mehr braucht’s da nicht.

Vertrauensarbeit

In Österreich – und meines Wissens auch in Deutschland – gilt eine gesetzliche Verpflichtung zur Aufzeichnung der Arbeitszeit, geschaffen, um die zeitliche Ausbeutung von Mitarbeiter*innen zu verhindern. Wie und von wem diese Zeit eingeteilt und aufgezeichnet wird, dazu gibt es einige Ansätze. Irgendwo zwischen All-In, Stechuhr, ROWE, Gleitzeit, Home Office, Remote oder Hybrid-Modellen finden wir, wenn die Unternehmenskultur danach ist, Möglichkeiten, unsere Arbeit zu erledigen, ohne unser halbes Leben sinnlos abzusitzen, bloß, weil jemand ein Vertrauensproblem hat. Vielleicht gelingt es ja, die Parameter für erbrachte Arbeitsleistung durch etwas Tauglicheres zu ersetzen. Dann haben wir auch mehr Zeit für das, was unser Leben bereichert.

Hier geht’s zu Infos zu Stefan Peters

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