Suffizienz und Gesundheit – Sorgen für Fortgeschrittene

Was macht uns zu Sorgenprofis? Was können wir beeinflussen? Zahlt sich das aus? Wo ist die nächste Brücke? Von an- und abgesagten Unglücken.

Sag einmal ehrlich: Wann hast du dir zuletzt Sorgen über etwas gemacht, das du nicht beeinflussen kannst oder das ziemlich sicher niemals eintritt? Da wären wir schon. Von der – nicht nur von mir – hoch verehrten Denk- und Kommunikationstrainerin Vera Birkenbihl habe ich vor über zwanzig Jahren eine Kategorisierung des Sorgenmachens kennengelernt, die uns helfen kann, das Nötige vom Zuviel zu trennen.

Kategorie 1: In die Haare schmieren

Es geht dabei im Wesentlichen um unsere Wirkmächtigkeit. Wenn ich anfange, mir Sorgen um das Wetter zu machen, kann ich genauso gut gleich wieder damit aufhören. Denn das ist, wie es ist und lässt sich von sorgenvoll gerungenen Händen bekanntlich in keiner Weise beeinflussen. Kategorie Eins, also die Art von Sorgen um Dinge, die außerhalb unserer Wirkmacht sind. Können wir uns am besten gleich in die Haare schmieren, macht keinen Unterschied.

Kategorie 2: Lottosechsersorgen

Nummer Zwei ist auch nicht viel besser. Du kennst sie wahrscheinlich aus Meetings, in denen plötzlich jemand fragt: „Aber was machen wir, wenn…“ Es folgt die Beschreibung einer absurd konstruierten Spezialsituation. Halb so wahrscheinlich wie ein Lottosechser, dass sie eintritt. Fast hundertprozentig sicher hingegen, dass sie der Startschuss für einen Wettbewerb für die ausgefallenste Ausnahmesituation ist, um die man sich gefälligst auch noch Sorgen zu machen hat. Ein Bedenkenträgerjamboree. Das Meeting kannst du jedenfalls vergessen. Warme Luft für nix, höchstens geeignet, um darin eine Runde Bullshit Bingo einzubetten.

Kategorie 3: Restlsorgen

Kategorie Nummer Drei schließlich ist der kaum nennenswerte Rest an Dingen, über die sich Sorgen zu machen sinnvoll wäre. Weil ich eventuell auftretende Probleme vorhersehe, mich darauf einstellen und sie bei deren Auftreten elegant und nachhaltig lösen könnte. Wenn es denn einen Gewinn brächte. Was meistens nicht der Fall ist. Ums gleiche Geld kann ich frohgemut meiner Wege gehen, das Beste erwarten und auf das Zweitbeste so sinnvoll wie möglich reagieren.

Sorgenökonomie

Dazu ein paar sortierende Gedanken: In der Übertragung eines Asterix-Heftls ins Wienerische ist von einer sogenannten Zoid-si-des-aus-Akademie die Rede, einer Wirtschaftsschule, in der gelehrt wird, zu berechnen, ob was auch immer die Sache wert ist. Dass es sich ganz sicher nicht auszahlt, Zeit, Emotion und Sorgenfalten in etwas zu investieren, das außerhalb unserer Wirkmacht liegt, ist klar. Gleichzeitig tun wir genau das auf Teufel komm raus. Wenn du willst, nimm Schreibzeug zur Hand und lass dir von einem vertrauten Menschen rückmelden, von welchen Sorgen du normalerweise gern erzählst, wenn der Tag nur lang genug ist. Nach den ersten zehn Nennungen, die du mitnotierst, sag artig Danke und sieh dir den Zettel an. Welche Sorgen gehören in Kategorie Eins, Zwei oder Drei? Lass es wirken und wundere dich.

Ich gestehe an dieser Stelle, ganz genau zu wissen, wovon ich rede. Soll heißen, ich bin ein Großmeister des Sorgens. Wenn ich einen meiner Kurse neu beginne, habe ich oft große Sorge, dass jemand nur deshalb drinsitzen könnte, um mir zu beweisen, dass sie oder er klüger ist als ich. Das ist meistens der Fall. Nämlich dass gleich einige Leute in meinen Kursen sitzen, die klüger sind als ich. So ist das Leben. Dass das die eine oder andere Nervensäge durch ad hoc-Referate lautstark zu beweisen versucht, kommt höchstens alle paar Jahre einmal vor. Klarer Fall von Kategorie Zwei. Sich wegen sowas Sorgen zu machen, räumt mir mein Leben mit Gerümpel voll. Weg damit! Es wird übrigens jeden Tag ein bissl weniger, meine Lernkurve weniger steil, als sie sein könnte, aber sei’s drum.

We’ll cross that bridge

Unlängst hatte ich zu diesem Thema ein ungemein lukratives Gespräch mit einem Psychologen. Es ging um beruflichen Stress, die eben beschriebenen Sorgen und mögliche Wege zu Gelassenheit im Arbeitsalltag. Wie üblich in solchen Situationen konnte ich als Fragesteller darauf vertrauen, dass ich alle notwendigen Lösungen bei mir trage. Und dass mein Gegenüber die passenden Fragen stellt, die es braucht, um diese Lösungen für mich sichtbar zu machen. Als Coach mache ich ja auch nix anderes, wenn es um Beratung in beruflichen Veränderungsprozessen geht.

Er hörte mir zu, nickte, fragte nach. Plötzlich war da dieser Spruch in meinem Kopf, quasi Leitspruch, in Schönschrift mit Blinkpfeil und alles: „We’ll cross that bridge, when we come to it.“ Er fiel mir ein, weil der Psychologe oberösterreichischen Dialekt sprach, und weil eine frühere Kollegin aus dem Linzer Umland einmal überzeugend behauptet hatte, das mit der Brücke sei eine alte oberösterreichische Bauernweisheit.

Eine Steinbrücke über einen Bach in einer bukolischen Landschaft, warme Farben, Nachmittagssonne, romantische Stimmung, keine Menschen, KI-generierter Inhalt
Das könnte deine Brücke sein – Hingehen, betreten, weitergehen, genau in der Reihenfolge

Der Psychologe sprang auf, kramte in seinen Papieren und brachte das Foto einer antiken Brücke aus grob behauenen Steinen zum Vorschein, die ein Flüsschen mitten in einem idyllischen Laubwald überspannte. Das Bild gab er mir mit. Heute erinnert es mich daran, Suffizienz walten zu lassen, wenn ich Gefahr laufe, die Sorgenmaschine zu starten. Hingehen, die Brücke betreten. Weitergehen. Auf Sicht fahren, sozusagen.

Das haben wir drauf, dafür sind wir gebaut. Hättest du als Kind Sorge gehabt, du könntest stürzen, dann hättest du nie gehen gelernt. Wenn es der Suffizienz darum ist, mit minimalem Aufwand alles Notwendige zu erreichen, dann frag dich doch immer wieder, wenn du dir Sorgen machst: Welcher Kategorie gehört diese Sorge an? Eins und Zwei sind nicht in deiner Hand, die kannst du streichen. Kategorie Drei im Prinzip auch. Wenn du aber Lust hast, kannst du sie als Andenken behalten, um bei Bedarf zu wissen, worüber du mit den Leuten reden sollst.

So, und jetzt lass all den gesammelten Sorgenschrott links liegen und geh ein bisschen leichter als bisher deiner Wege!

Hier geht’s zu Infos zu Stefan Peters

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