Suffizienz am Arbeitsplatz mit Pareto & Co.

Wieviel Aufwand bringt uns beruflich wie weit? Wer braucht Perfektion? Was bewirkt mutiges Management? Von beruflichen Minimalinterventionen jenseits von Preis und Wert.

Suffizienz mit Pareto

Der schweizerische Nationalökonom Vilfredo Pareto schloss Anfang des 20. Jahrhunderts aus Untersuchungen von Landbesitz und Verwaltungsaufgaben, dass in vielen Feldern menschlicher Wertschöpfung eine 20/80-Regel zu gelten scheint. Diese Regel, heute auch als Pareto-Prinzip bekannt, besagt nichts anderes, als dass wir mit 20% der uns zur Verfügung stehenden Mittel 80% des jeweils angestrebten Ergebnisses erreichen. Konkret: Gesetzt einen Zehn-Stunden-Arbeitstag (lange Zeit, ich weiß; doch es hilft beim Rechnen), habe ich nach zwei Stunden vier Fünftel meiner vorgesehenen Leistung erledigt. Die restlichen sechs Stunden brauche ich für die Perfektion des Ergebnisses. Nicht wahnsinnig effizient, ich weiß. Preisfrage: Wer interessiert sich für die restlichen 20%? Fiele es überhaupt wem auf, wenn sie fehlten? Wäre es nicht sinnvoller, 80% unserer Arbeitskraft zur freien Disposition zu stellen und darauf zu vertrauen, dass der Mensch ein Wesen mit Hunger nach Sinnstiftung ist? Dass wir uns selbst Tätigkeiten suchen, die auch dem Unternehmen zugute kommen. Die Antwort ist rechnerisch ein klares Ja. Ein Ja, das mutiges Management erfordert. Mut, eine Eigenschaft, die eher nicht zur Grundausstattung von Manager*innen gehört, deren Aufgabe typischerweise aus Strukturieren, Verwalten und Bewahren besteht.

Gestimmt ist anders

Kopf einer Fender Stratocaster, Ausschnitt mit Saiten und Wirbeln
Wenn die instrumentale Stimmung für juvenile Krachmacher ausreicht, hat’s auch das Lehrpersonal leichter.

Ein Musiklehrer aus meiner damaligen Gymnasial-Oberstufe verkörperte das Pareto-Prinzip auf einzigartige Weise. Er nahm seine Gitarre zur Hand, zupfte jede Saite einmal an und kommentierte das Ergebnis mit „Gestimmt ist anders, aber für euch reicht’s.“ Wir waren, wohlgemerkt, die Instrumentalmusik-Klasse. Dass wir uns revanchierten, indem wir hartnäckig das Erlernen von Noten verweigerten und ausschließlich nach Gehör spielten, fällt wohl in dieselbe Spielart von Suffizienz.

Oder ein Team-Kollege bei einem lokalen Fernsehsender, für den ich vor Zeiten tätig war. Nach spätestens einer Stunde Arbeit am Schneidetisch hatte er seinen Dreiminüter-Beitrag auf der Timeline stehen, halbwegs geschnitten, halbwegs abgemischt. Dann schob er seinen Bürosessel zurück, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und rief DG, drauf gschissen! Es hätte noch viel zu tun gegeben auf dem Weg zur Perfektion. Die niemandem aufgefallen wäre. Die niemand goutiert hätte. So what!

Zu billig

Schwieriges Terrain betreten wir, wenn es um Suffizienz und Gehalt geht, also den finanziellen Gegenwert unserer Arbeitsleistung. Mir ist ja nicht ganz klar, wie es die Gleichung Hohe Gage = Hohe Leistung in unser Bewusstsein geschafft hat, aber da sitzt sie nun und diktiert, was wir wovon halten sollen. In meiner Jugend wurden für die Produktion von Werbespots Summen budgetiert, die Hollywood knausrig aussehen ließen. Da bekam man den Auftrag nicht, wenn man seriös, aber günstig budgetierte. Weil suspekt, weil zu wenig Starprinzip.

Während die Budgets für Werbespots heute einen Bruchteil früherer Summen betragen, erlebte ich vor ein paar Jahren in meinem engsten Kreis den Fall einer Bewerbung um eine Führungsstelle in der Sozialbranche. Eine führungserfahrene Person war es, die im Bewerbungsprozess eine faire Gehaltsvorstellung nannte. Die Person bekam den Job nicht, dafür aber eine Erklärung aus dem Umfeld des ausschreibenden Unternehmens. Der Grund für die Ablehnung sei eine zu geringe Gehaltsforderung gewesen. Absurd? Nein, höchstens Ausdruck unserer Vorstellung, dass die einzige Richtung, in die wir denken, nach oben zeigt, dorthin, wo das Maximum ist.

Die Minimalintervention: Oiweu schee pomale

Mein erster Ferienjob in einer Elektromotoren-Fabrik vermittelte mir im Alter von sechzehn Jahren einen bleibenden Eindruck von den Wundern der minimalinvasiven Arbeitseffizienz. Ich war dem Lagerleiter als Hilfskraft zugeteilt und durchaus willig, fleißig ans Werk zu gehen. Doch jedesmal, wenn ich eine Kiste öffnen und deren Inhalt in eins der Regale einschlichten wollte, ermahnte er mich mit den Worten Oiweu schee pomale – hochdeutsch: immer schön langsam – zur Kontemplation. Wenn ich schon was tun wolle, möge ich ihm ein frisches Bier aus dem Kühlschrank holen, und mir bei der Gelegenheit gerne auch eins nehmen. Aus mir unerfindlichen Gründen floriert das Unternehmen bis heute.

PflUrl in advance

Eine Freundin erzählte mir vom Besuch bei einem Bekannten in der Verwaltungsstelle eines teilstaatlichen Betriebs. Dort hing ein Jahresplaner an der Wand, auf dem über das ganze Jahr jeweils einige Tage mit Initialen und dem Vermerk PflUrl markiert waren. Auf die Frage, was das bedeutete, wurde ihr beschieden, dass es sich um die Pflegeurlaube der Mitglieder der Abteilung handelte. Wie das ginge, fragte sie. Dass die Termine bis Jahresende eingetragen waren. Es sei schließlich erst Februar. Der Bekannte erklärte ihr, dass es sich bei Pflegeurlaub um eine arbeitsrechtlich verankerte Dienstfreistellung handelte. Und die sei schließlich zu konsumieren. Der Kalender diente nur der Koordination des Teams. Damit nicht plötzlich überhaupt niemand mehr Dienst schob. Dass auch dieses Unternehmen bis heute besteht und sich über regen Geschäftsgang freuen kann, mag ein Zufall sein. Oder eine Probe angewandter Suffizienz.

Der Automechaniker sagt Okay

Ein drittes und in dem Fall letztes Beispiel beruflicher Minimalintervention ist mein Automechaniker. Ein fähiger Mensch, dem es gemeinsam mit seinem Team jedes Jahr aufs Neue gelingt, mein knapp ein Vierteljahrhundert altes Auto in einem verkehrssicheren Zustand zu erhalten. Das Feine an der Konversation mit ihm: Ich schlage einen Termin vor, an dem ich ihm den Wagen zur Inspektion hinstellen will, schildere genau, was ich zusätzlich gemacht haben möchte, und er antwortet stets mit: Okay. Sonst nix. Er kann mehr sagen, ich weiß das aus Erfahrung. Wenn es nötig ist. Ist es aber nicht, also meistens. Ich liebe ihn dafür. Dafür, und dass der alte VW-Bus weiterfährt. Und am allermeisten dafür, dass er genau das tut, was nötig ist, gesetzlich, sicherheitstechnisch, substanzerhaltend. Und keinen Handgriff mehr. Das ist Suffizienz bei der Arbeit.

Hier geht’s zu Infos zu Stefan Peters

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