Licht aus!

Wie viel Energie braucht dein Leben? Wie hell soll es sein? Wie viel Mühe kostet es, einen Schalter umzulegen? Gedanken zur Earth Hour.

Ebbe im Flutlicht

Am vergangenen Samstag hatten Eiffelturm, Brandenburger Tor, die Oper von Sydney und Schönbrunn etwas gemeinsam. Ganz abgesehen davon, dass alle vier weltberühmte Sehenswürdigkeiten sind. Was sie am mittleren Abend außerdem eine Stunde lang einte, das war Dunkelheit. Unzählige Scheinwerfer, die diese Bauwerke sonst auch nachts in grelles Licht tauchen, gingen vorübergehend aus, das Flutlicht ebbte für kurze Zeit ab. Dahinter stand die diesjährige Earth Hour des WWF, eine Aktion, die weltweit Bewusstsein für die Frage schaffen soll, wie viel Energieverbrauch wirklich notwendig ist. Und was der Verbrauch von Energie mit unserer Umwelt anstellt.

Lichtverschmutzung für den Tourismus

Die Wiener Gloriette abends mit Scheinwerferlicht bestrahlt
Die Wiener Gloriette in imperialem Goldlicht.

Wir erinnern uns. Das mit der Verdunkelung gab’s schon einmal vor ein paar Jahren. Kurz nachdem Putin die Ukraine überfiel und in der Folge die Energiepreise in die Höhe schossen, da blieben – jedenfalls hierzulande – nachts einige Wahrzeichen unbeleuchtet. Jetzt entzieht sich meiner Kenntnis, ob die nächtliche Unsichtbarkeit dieser Monumente zu einem direkten Einbruch der Tourismuszahlen geführt hat, oder ob’s eher wurscht war. Nicht wurscht jedenfalls war der geringere Verbrauch elektrischer Energie für die Umwelt. Weniger notwendige Energieproduktion, weniger nächtliche Lichtverschmutzung, besserer Schlaf für die Menschen in der direkten Wohnumgebung, Schonung technischer Einrichtungen und damit Einsparung einiger Ressourcen.
Das ist schon was.
Lang hat’s nicht gedauert, da fielen die Energiepreise in Richtung Vorkriegsniveau. Und die Lichter gingen wieder an. Schloss Schönbrunn bis hinauf zur Gloriette, Hofbung und Co. strahlen heute wieder im vollen Glanz der Scheinwerfer. Die Wende hin zu nachhaltiger Erzeugung und dem umweltbewussten Einsatz von Energie erfährt gerade ein Framing zum Luxus. Den wir uns angeblich nicht leisten können.

Role Model Gold

Natürlich ist es sinnvoll, Energieerzeugung mit Kohle, Gas und Atomkraft, die unsere Erde nachweislich zerstören, mit prohibitiven Steuersätzen zu belegen. Ebenso sinnvoll, dasselbe mit exzessiven Energieverbrauchern zu tun, für die es sozial verträgliche Alternativen gäbe. Dass Gold eine Ressource ist, deren hoher Preis direkt auf ihre Seltenheit und die aufwändige Gewinnung zurückgeht, das verstehen wir alle. Gut zu wissen. Das macht Hoffnung, dass es vorstellbar ist, mit ein wenig gutem Willen das gleiche Bewusstsein beim Verbrauch von Energie zu schaffen. Das einzig Blöde daran ist unser Gedächtnis. Das nämlich macht es möglich, dass wir uns daran erinnern, wie wurscht und billig es einst war, gedankenlos fossile Energie zu verbraten. Quasi free refill, wie beim IKEA-Himbeerkracherl.

Schwedische Suffizienz

A propos. Man kann von den IKEA-Leuten halten, was man will. Viel Schweden steckt nicht in ihrer Produktion, mit der Steuer hatte es Gründer Ingvar Kamprad auch nicht so. Aber die Frage, wie klein verpackt man die Möbel kriegt und wie wenig Energieeinsatz ausreicht, um Waren zu produzieren und zu liefern, die mitunter ein Leben lang halten; das haben sie drauf, und da sind sie schon länger vorne mit dabei. Abgesehen davon liefern sie in Wien seit ein paar Jahren ausschließlich mit strombetriebenen LKW.

Strom aus im Oberstock

Ein Arri Baby-Filmscheinwerfer aus den 1950er Jahren, ausgeschaltet
Licht aus und Gute Nacht!

Das Schwierige am bewussten Energieverbrauch ist die Bequemlichkeit. Dass es Mühe macht, hinter sich das Licht abzudrehen oder die Maschine von Standby auf Null zu schalten. Vor zwanzig Jahren bat ich im Zuge einer Hausrenovierung den Elektriker, den Stromkreis für den oberen Stock mit einem Spannungsfreischalter auszurüsten. Das war ein Ding im Schalterkasten, das, nachdem das letzte Licht im Obergeschoß ausging, den ganzen Stock stromlos machte – also auch alle Standby-Geräte. Was kein Schaden war. Weil mitten in der Nacht keiner was brauchte. Die Technik war allerdings noch nicht bis zu Ende gedacht, so richtig hat’s nicht funktioniert. Schade, es war ein Versuch.

Energie als Schatz

Wenn das wünschen etwas hilft, dann wünsche ich uns, dass die Energie, die unseren Alltag ermöglicht, etwas vom Gold lernt. Dass wir sie als so rar und wertvoll betrachten, wie sie ist. Dass wir es schaffen, fernab allen Krausrigkeitsverdachts mit jeder Kilowattstunde so umzugehen, als hätten wir sie persönlich am Ergometer erstrampelt. Als wären wir fähig, den Eisberg live ins Meer stürzen zu sehen. Nachdem wir die hunderste unnötige KI-Anfrage gestellt, das dritte unnötige Kreuzfahrtschiff bestiegen und seit Wochen unnötig durchgehend das Kellerlicht brennen lassen haben.
Eine Earth Hour ist eine nette Erinnerung. Sie unbedacht vorübergehen zu lassen, das können wir uns nicht leisten.

Nachsatz: Heute ist, passend zum Thema, Welterschöpfungstag für Österreich. Soll heißen, dass Österreich schon heute seine nachwachsenden Ressourcen für das ganze Jahr 2026 verbraucht hat und von jetzt an quasi auf Pump lebt. Mehr dazu demnächst in einem eigenen Beitrag.

Hier geht’s zu Infos zu Stefan Peters

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