Vom Vielfraß zum Suppenkasper – Suffizienz als Gemeinschaftsritual. Wie klingt ein Chor aus knurrenden Mägen? Was alles kann ein Fisch sein? Wie fühlt sich der Aufprall an, wenn ich vom Fleisch falle? Und was schmeckt in der Nacht anders?
Aschermittwoch & Ramadan
Eigentlich wollte ich diesmal ein anderes Feld im weiten Land der Suffizienz beackern. Aber dann ergab es sich, dass, während ich diese Zeilen schreibe, Aschermittwoch ist und gleichzeitig der Ramadan begonnen hat, die Fastenzeit, so oder so.
Sagen wir, ein Zeichen. Ob du jetzt einem christlichen oder muslimischen oder sonst einem Glaubenssystem verbunden bist, das macht in dem Fall keinen Unterschied. Nichts davon ist Voraussetzung für ein langes, leichtes Leben mit Suffizienz. Was vielleicht hilft, das ist, dass du, wenn du einen Gang zurückschaltest, nicht zusehen musst, wie sich jemand am Nachbartisch den Bauch vollschlägt. Während gleichzeitig auf deinem Teller ein armseliges Häufchen salzlos zerkochtes Gemüse zu liegen kommt. Was wie ein drohender Gruß aus der britischen Küche klingt, könnte ein von einer wie auch immer gearteten Autorität verordnetes Fastengebot für alle sein. So ziemlich jedes als heilig anerkannte Buch hat das drauf. Gemeinsamer Verzicht auf Essen, Trinken und Sex ist ein Ritual, mit dem wir sozusagen bei dem großen Gleichmacher eine Runde probeliegen. Das erinnert mich an die Bedürfnispyramide von Abraham Maslow. Es geht hier um die Grundbedürfnisse, ums Eingemachte. Die Christen beispielsweise haben ihr memento mori, diese mantramäßige Erinnerung daran, dass am Ende der Tod immer der Sieger ist (Dank an dieser Stelle einem lieben Freund, der mit seiner Band einen hymnischen Song dieses Titels geschrieben hat).
Hungern mit Freunden

Dieses Probeliegen, dieser Vorgeschmack auf den Tod oder wenigstens eine Situation großer, existenzieller Not ist es, was eben gemeinsam leichter zu ertragen ist. Jetzt bin ich weder Theologe noch Sozialanthropologe, deshalb können mir die hintergründigen Wirkmechanismen solcher Rituale egal sein. Was mich interessiert, das ist das Ergebnis und die Frage, wieweit es mich bei meiner Reise zu mehr Suffizienz unterstützen kann.
Fix ist, dass wir als soziale Wesen auch dann am Modell lernen, wenn unser Magen nicht der Einzige ist, der knurrt. Ich stelle mir da so eine Art mächtigen Chor vor. Viele Menschen, die gemeinsam hungrig, weil fastend auf der Bühne stehen und, aufgeteilt in zwei Teams Bachs Matthäuspassion vorknurren. United in hunger. Das macht’s für uns persönlich leichter, logisch. Wie eh immer, wenn es wehtut, sich von etwas zu befreien. Siehe die Anonymen Alkoholiker und andere Selbsthilfegruppen.
Schwein und Wein gegen Fisch
So ein Friss-die-Hälfte-Verdikt ist nett, aber erst die halbe Miete. Da fehlt noch das Heilsversprechen. Was praktischer Weise die Spezialität des Hauses aller Religionsgemeinschaften ist. Sekulär und pragmatisch umgekrempelt ergibt das Fasten für dich einen rasanten Suffizienzgewinn gleich auf mehreren Ebenen. Zum Beispiel eine Relativierung der Fallhöhe. Vom Fleisch nämlich. Ich verspreche dir an dieser Stelle feierlich, dass du es, bevor du endgültig verhungerst, hierzulande immer noch bis zur nächsten Futterstelle schaffst. Mit diesem Versprechen tu ich mir leicht, bei uns verhungert niemand.
Während du also allein oder in Gesellschaft probierst, wie es ist, Grundbedürfnisse einmal ganz absichtlich zur Seite zu stellen, öffnest du gleichzeitig einen Vorhang, der dich Dinge erkennen lässt, die dir zuvor verschlossen waren.
Wenn wir unseren Körper zwischendurch von der ständigen Verarbeitung von Nahrung befreien, stellen wir Energie für unsere Sinne zur Verfügung. Energie, die, das wissen wir von der Thermodynamik, nicht mehr wird und auch nicht weniger. Nur anders. In indigenen Stammeskulturen war es üblich, dass die Leute, bevor sie zur Jagd aufbrachen, gemeinsam fasteten. Was sie stärkte und ihre Sinne schärfte. Geruch, Gehör, Sehen – notwendige Werkzeuge für die Jagd, die eine gute Schneid brauchen.
Was dieses Weniger an Nahrungsaufnahme auch kann, das ist ein Gewinn an Konzentration und Kreativität. Im klösterlichen Leben des Mittelalters war die gemeinsame Fastenzeit eine große Sache. Vierzig Tage lang, zwischen Aschermittwoch und Ostern, galt ein relativ strenges Regime von Einschränkungen bei den ohnehin spärlichen Spaßfaktoren in der Ordensgemeinschaft. Weg mit Wein und Schwein, auf den Tisch mit Fisch. Was die Brüder und Schwestern dazu inspirierte, dem Wesen des Fisches eine kreative Neubewertung angedeihen zu lassen. Die Sache ist ja ganz einfach. Alles, was ein Fisch ist, lebt im Wasser. So schlossen sie pfiffig daraus, dass alles, was im Wasser lebt, ein Fisch sein muss. Also in der Fastenzeit erlaubt. Pech für Schildkröte, Biber und Krustentier, und was die Mönche und Nonnen sonst noch aus dem Wasser zogen.
Hallo im Dunkeln
Dieses ritualhafte Fasten hat im muslimischen Ramadan heute immer noch massiv gesellschaftliche Gültigkeit. Nach Sonnenuntergang kommen die Leute beim Fastenbrechen zusammen, trinken Wasser, essen Datteln und was der gedeckte Tisch sonst noch hergibt, ein großes gemeinsames Hallo. Ich bezweifle, dass all diese Dinge bei Dunkelheit anders schmecken als im Tageslicht, aber sei’s drum. Den Körper erfreut und erleichtert es jedenfalls, und was sich mit den dadurch frei verfügbaren Energien anstellen lässt, das entscheide selbst.
Wie viel Zeit verbringst du jeden Tag mit deiner Nahrungsaufnahme? Eine Stunde, zwei, mehr oder weniger? Wofür wolltest du dir schon länger mehr Zeit nehmen? Fitness, schwimmen? Beides geht nur mit leerem Magen wirklich leicht.
Ein Blick auf die Uhr zeigt mir, dass ich vor ungefähr dreizehn Stunden zuletzt gegessen habe. Das macht mich zu einem Kandidaten für den Chor. Und fühlt sich zugleich wunderbar leicht an. Wie auch immer du deine persönliche Fastenzeit gestaltest: such dir Verbündete, sei freundlich zu dir und anderen. Genieß die Freiheit!
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