FOMO – Und ich war nicht dabei

Was macht Eventisierung mit uns? Ist Dabeisein alles? Von Höhepunkten, Sternstunden und der Angst, sie zu versäumen.

Seven Summits

Wir leben in einer Zeit, die durchdrungen ist von Eventisierung. Keine Ahnung, ob es dieses Wort gibt. Spätestens jetzt: ja. Soll heißen, dass nur das punktuelle Ereignis, das Event, unsere Aufmerksamkeit triggert. Dass politische Kommunikation den Kulminationspunkt abwartet, um etwas für berichtenswert zu halten. Der Prozess, der zur Unterzeichnung des Friedensabkommens, der Verabschiedung des Datenschutzgesetzes, der Eröffnung der Autobahn geführt hat, der bleibt meist im Dunkel, weit außerhalb des Fokus verkäuflichen Medieninteresses. Das ist normal. Cut to the chase!, hieß es in Hollywood, wenn ein Produzent (gendern muss ich mir an dieser Stelle sparen) einen Drehbuchautor (detto) aufgefordert hat, ihm das Interessante, die Verfolgungsjagd, zu präsentieren. Das, wofür das Publikum ins Kino läuft. Was letztlich zählt, das ist der Gipfel, samt dazugehörigem Beweisfoto. Ob politisches Gipfeltreffen mit minutenlangen Handshakes oder Häkchen für die Besteigung der Seven Summits, der höchsten Berge aller 7 Kontinente, macht emotional auch nicht viel Unterschied.

FOMO

Ein Bild von Stefan Peters auf dem Gipfel des Dachstein mit Gipfelkreuz
Gipfel mit obligatem Beweisfoto. In dem Fall war’s kein Exotik-Summit, bloß der Dachstein.

Wenn die Ereignisse ihrem Höhepunkt zustreben, dann wachen wir auf. Wir fahren unsere Antennen aus, wollen dabei sein. Und wenn nicht? Dann Depri. Da waren alle richtig alle, und ich war nicht dabei sangen Element of Crime schon Ende des vorigen Jahrtausends. Feier, Randale, Skandale, unvergessliche Weltmomente. Held*innenstories ohne Ende, vollgepackt mit Drama, Abenteuer, Sternstunden, Freudentränen, Hugs & Kisses. Und wir? Waren nicht dabei.
FOMO heißt das Ding. Fear Of Missing Out. Weil ja alles einen Namen braucht, auch die Angst davor, etwas zu versäumen. Ebenso detailreich wie ungern erinnere ich mich an meine kindlichen Tobsuchtsanfälle, wenn die Eltern seinerzeit zum Feiern aufbrachen. Ohne mich. Das war Erwachsenenzone, ganz klar, nix für Achtjährige. Aber FOMO hatte ich damals schon ziemlich gut drauf.

Verpasste Gelegenheiten

Was ist das? Woher die Befürchtung, den entscheidenden Moment zu verpassen, genau dann zu blinzeln, wenn’s um alles geht? Als ich vor vielen Jahren den Segelschein machte, bekam ich anschließend das Angebot, an einer Überstellungsfahrt teilzunehmen. Über den Atlantik, wohlgemerkt. Ich sagte ab. Schob die Arbeit vor. Verpasste die einmalige Gelegenheit. Und giftete mich auf Anschlag. Wenigstens traf ich niemanden aus der Crew, und musste mir keine Abenteuergeschichten anhören.
Und heute? Heute bin ich immer noch nicht ganz gefeit davor, dabeigewesen sein zu wollen. Wenigstens begreife ich langsam, dass es für mein Leben wahrscheinlich keinen Unterschied macht. Und dass letzten Endes ich selbst es bin, der entscheidet, ob ein Ereignis bedeutsam ist oder nicht.

Adabei

Vor langer Zeit war ich hauptberuflich mit dabei. Soll heißen, ich war für die Gesellschaftsberichterstattung einer Zeitung zuständig. Fünf, sechs Abende pro Woche zwischen Ballveranstaltung, Museumseröffnung, politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Almauftrieben, mit viel Bussibär und bürgerlichem Gelächter. Eine Herausforderung für einen, der sich weder Namen noch Gesichter besonders gut merkt. Ein wilder Ritt, das immer. Lukrativ, jedenfalls. Eine harte Bruchlandung im Bedeutungsverlust, als der Job vorüber war und ich wenigstens immer noch keine Koksnase hatte wie viele andere in dem Geschäft. Letzten Endes eine Lektion, wie ungemein entspannend es sein kann, eben einmal nicht dabei zu sein. Zeit zu haben, Geschichten zu entwickeln mit etwas mehr Tiefe als Oberflächenglanz.

Wolken ziehen vorüber

FOMO, das ist hauptsächlich ein Geschäftsmodell. Immer dann, wenn jemand versucht, uns mit dem Argument, es gäbe nur noch ein paar Restplätze für irgendwas, eine begrenzte Stückzahl von wasauchimmer, dann nützt derjenige unsere Angst, es nicht rechtzeitig zu schaffen in den Kreis der Wichtigen. Dann spielt dieser Jemand auf der Klaviatur des ehernen Marktgesetzes von Angebot und Nachfrage. Wenn was knapp ist, dann ist’s wohl wertvoll, und wenn es nur das Ticket für die Butterfahrt ist, auf der sie einem dann Heizdecken und anderes Zeugs andrehen, Dinge, ohne die wir notfalls auch überleben.
Ja, was passiert denn, wenn ich die Last-Minute-Calls, die Exklusiv-Einladungen, die G’hörtsich-Events vorüberziehen lasse wie Schäfchenwolken am Sommerhimmel? Die Antwort ist ernüchternd. Nix. Nicht das Geringste passiert. Wenn sich die Dabeigewesenen anschließend in meiner Gegenwart lautstark in ihrem Bedeutungsgewinn sonnen, der ihnen durch das Dabei-Gewesensein zufällt: Lass sie sich sonnen.
Währenddessen lebe ich.

Hier geht’s zu Infos zu Stefan Peters

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