Onepager – Suffizienz im Webdesign

Wie überladen oder abgeräumt sollen Websites sein? Wie lange dauert ein erster Eindruck? Ein Streifzug zwischen Mini und Maxi.

Entropie and the WordPress

In der Thermodynamik herrscht unter anderem das Gesetz der Entropie, das ungefähr besagt, dass jedes beliebige System stets einem Zustand größtmöglicher Unordnung zustrebt. Wer Kinder hat, wirft einen Blick ins Kinderzimmer: quod erat demonstrandum. Was für Ordnungzustände im Haushalt gilt, das besitzt auch Gültigkeit, wenn es darum geht, die eigene Website übersichtlich zu halten.
Das Internet ist voller Websites, deren Strukturen wie eins dieser uralten Häuser wirken, die im Lauf der Jahrhunderte unzählige Male erweitert und umgebaut wurden, um jeweils aktuelle Bedürfnisse zu befriedigen. Kein Mensch weiß, wohin diese Steigleitung, jene zugemauerte Tür führt, und gültige Pläne gibt’s längst keine mehr. Tonnenschwerer Ballast, tote Enden, Labyrinthe. Nichts, das selbsterklärend seinen Zweck darböte.

Eine meiner beruflichen Aufgaben ist es, mit meinen Studierenden Websites aufzubauen. Wir machen das mit WordPress, dem derzeit verbreitetsten Content Management System (CMS). Zum Verständnis: Ein CMS ist eine Art Programmpaket, das auf einem Server geparkt ist und nach vorne hinaus – Frontend – eine Website mit Seiten, Beiträgen, Medien und anderen Inhalten zeigt (wie auch diese Website, wenn du sie aufrufst). Auf der Rückseite – Backend – befindet sich dein Arbeitsbereich, in dem du gestaltest und verwaltest. Es ist wie die Auslagenscheibe deines Geschäfts. Von außen schauen, von innen arrangieren. Was ich übrigens an WordPress so liebe, das ist dessen Einfachheit, die Nähe zur menschlichen Logik. Was eben die meisten anderen CMS nicht gerade auszeichnet.

Das Prinzip KISS und der Onepager

Sieht im Quelltext wild aus, im Frontend ist’s Information auf den ersten Blick

Aus der Wunderwelt der Werbung kommt eine Leitlinie, die mit dem Akronym KISS abgekürzt wird: Keep It Short & Simple. Taugt, finde ich, auch als Prinzip für die Gestaltung von Websites. Zwar gibt es so eine Vorgabe, der zufolge Besucher*innen so lange wie möglich dort verbringen sollten, weil das die Chance auf Conversions erhöht. Damit ist jetzt aber nicht unbedingt gemeint, dass das Ding derart verschachtelt und überladen ist, dass sich die Leute erst mit der Machete durchs Dickicht schlagen müssen, um zu finden, wofür sie gekommen sind (außer, deine Zielgruppe besteht genau nur aus Indiana Jones).  
Seit ein paar Jahren ist es üblich, Websites als sogenannte Onepager zu gestalten. Soll heißen, ich kann ohne klicken von oben nach unten scrollen und finde auf dem Weg alles Wesentliche. Klar, ein paar Dinge werde ich nicht auf dieser einen langen Startseite unterbringen, wie Impressum, Datenschutzerklärung und Kontaktformular. Ist auch nicht sinnvoll. Gehört nicht ganz vorn ins Schaufenster. Doch insgesamt gefällt mir das Konzept, weil es zu einer gewissen Reduktion auf das Notwendige zwingt.

Maxi & Mini

Die wildeste Website von allen gibt’s seit einem Jahr leider nur noch als Kostprobe im Internet-Museum zu bewundern: Ling’s Cars, eine Londoner Autoleasingfirma, der bitgewordene Alptraum aller Designer*innen und gleichzeitig Kult-Klassiker der Entropie im Web, ein Maximum des Möglichen. Die andere Seite, Paradebeispiel des Minimalismus, kennen wir alle: Die Homepage von Google besteht praktisch nur aus einem Suchfenster, die unzähligen Algorithmen verbergen sich gewissermaßen unter der Motorhaube. Sieht kein Mensch, muss auch nicht. Noch minimalistischer übrigens kommt die britische Suchmaschine Mojeek daher. Minimalistisch, quasi Top of Suffizienz, auch in ihrer streng europäischen Datenschutzpraxis und der homegrown crawlerbasierten Suchergebnisse.

First things first

So eine Website ist ja, was Suffizienz betrifft, ganz gut mit einem Lebenslauf vergleichbar – ein erster Eindruck, der keine zweite Chance hat. Wenn ich die Startseite aufrufe und in den ersten zehn, fünfzehn Sekunden noch nichts gefunden habe, das mich fängt, dann bin ich weg. Und kehre nicht wieder.
Was aber ist es, das mich fängt? Erstmal eine klare Deklaration von Thema und Inhalt. Wenn ich eine Blog-Website aufrufe, erwarte ich mir als Leser das Stichwort Blog auf den ersten Blick. Dazu eine passende Struktur, die mich in ein paar Sekunden zu den Inhalten bringt, wegen derer ich gekommen bin. Analog umgelegt will ich sofort erkennen, dass ich mich in einer Bäckerei befinde und nicht in einer Fleischhauerei. Der ganze Look, mit Sortiment, Struktur, Geruch, Licht und Material hilft mir, mich auf einen Blick zu orientieren

Content schlägt Design, Relevanz schlägt Design

Die gute Nachricht zuletzt: Immer dann, wenn die Frage auftaucht, was für User*innen wichtiger ist (wenn sie nicht beides kriegen können): Design oder relevanter Content, dann zieht Design den Kürzeren. Ja eh, logisch, wenn ich drüber nachdenke. Nicht immer logisch, wenn die Versuchung übermächtig wird, die dreiundzwanzigste Schmuck-Girlande, den siebzehnten kunstvoll designten Button auf meiner Website einzubauen. Und dann noch ein Quiz. Weil’s geht.
Ein Beispiel für Konzentration auf Inhalt bei gleichzeitigem Verzicht auf alle Schmuckelemente mag die Blog-Website des ORF-Anchorman Armin Wolf sein. Kilometerlanges Scrollen (muss man nicht mögen, zahlt sich aber aus) und ein Layout, das wohl auf einem WordPress-Gratis-Theme basiert. Könnte man Sichtbeton programmieren, so sähe er aus.

Und es reicht. Kein Beistrich zuviel. Dafür dutzende Programmier- und Designstunden weniger. Suffizienz im Webdesign.

Hier geht’s zu Infos zu Stefan Peters

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