Wie viel KI braucht die Welt?

Nichts geht mehr ohne KI. Nichts? Was kann Künstliche Intelligenz für uns tun? Was macht sie mit uns? Eine Sortierung

Denken mit Abkürzung

KI, also sogenannt künstliche Intelligenz – eigentlich LLM (Large Language-Models) – ist dieser Zeiten die sprichwörtliche Sau, die noch durchs kleinste Dorf getrieben wird, durch das global village ohnehin. Keine Suchmaschine, keine Bewerbungsplattform, kein Neuwagen oder OP-Saal, und ganz sicher keine Office-Anwendung, die nicht irgendwo mit dem KI-Versprechen winkt.

Dieses Versprechen stellt ein Universalwerkzeug in Aussicht, das uns die Welt erklärt und alle öden Routinejobs übernimmt, die sich eh niemand antun will. Ein Werkzeug, das langwieriges Stöbern in Google-Suchergebnissen durch klare, leicht verständliche Zusammenfassungen ersetzt. Das immer freundlich ist (oder uns anschleimt, je nachdem, wie wir’s auffassen). Eine Universal-Abkürzung ist’s, die noch aus der haarnadelkurvigsten Bergstrecke des Denkens eine schnürlgerade Landebahn macht. Sehr angenehm, das.

Dahinter stehen Algorithmen, die ruckzuck im Netz wildern und aus Erfahrungen anderer Leute Wahrscheinlichkeiten ausrechnen. Die Entscheidungen treffen, wie sie Menschen aufgrund ihrer Fehleranfälligkeit niemals so schnell und wohlfundiert treffen könnten. Selbststeuernde Autos, hinter deren Lenkrädern kein Berserker sitzt, sondern kühle Überlegung. Medizinische Diagnosen, die frei sind von Standesdünkel und weißbekittelter Eitelkeit. Nicht zuletzt Suchmaschinen, die wohlausgewogene Informationen liefern, quasi Aufklärung ohne Mansplaining. Informationen, die uns, getriggert durch einen „Mehr erfahren“-Button, ad nauseam aus der Maschine entgegenpurzeln.

Vertrau mir, ich bin dein Tech-Bro!

Eine Schrift: Something went wrong and an AI response wasn't generated
Wenn die KI streikt; you’ve kind of reached the end of the internet. Den Rest gehen wir zu Fuß.

Derzeit ist das Ding mit der KI ja noch ein bisschen Goldrausch. Weit weg von aller Rentabilität, stopfen die Tech Bros den Bot in so ziemlich alles hinein, was Nullen und Einsen versteht, in der Hoffnung, sich solcherart den größten Claim zu sichern. Für den Fall, dass das Ganze einmal Gewinn abwirft. Ob sich die algorithmusverarbeitende Industrie demnächst darauf verständigt, lückenlos nur noch Bezahlmodelle für ihre Dienste anzubieten? Nicht sehr wahrscheinlich. Eher halte ich ein Szenario für denkbar, in dem KI-Assistenzsysteme in weiten Bereichen unseres täglichen Lebens einen Bedarf erzeugen, der dann in propietär geschlossenen Betriebssystemen monetarisiert wird. Ein bisschen wie Apple, nur noch alternativloser.

Dem Küchengerät hinterherputzen

Immer wieder frage ich mich: wie viel KI braucht die Welt? Oder, um ein wenig kürzer zu treten: Wie viel KI braucht meine Welt? Wahrscheinlich könnte dieser Text, den du hier liest, auch von einer KI verfasst werden. Lichtvoll, alle wesentlichen Aspekte drin, Quellenverweise, Zitate, eine anerkannte und bewährte Struktur undsoweiter. Cui bono? Jemand liest’s, fühlt sich informativ beregnet, geht seiner und ihrer Wege. In meiner Welt habe ich bewiesen, dass ich einen einigermaßen sauberen Prompt verfassen, also der KI sagen kann, was sie tun soll.
Ja, eh.

Mitunter erinnern mich gewisse KI-Anwendungen an diese Patent-Küchengeräte, die dir wortreich versprechen, dir praktisch alle Arbeit abzunehmen. Du benützt sie drei Minuten lang, dann brauchst du eine Stunde, bis alles zerlegt und gereinigt ist. Die KI bringt dir einen Text, an dem du dreimal so lange nacharbeitest, wie du ohne die KI gebraucht hättest.
Nein, das soll jetzt kein Maschinensturm werden.
Bloß eine Einordnung. KI, das ist ein Werkzeug, das mir hilft, bestimmte Dinge schneller zu erledigen als ohne dieses Werkzeug. Eine elektrische Bohrmaschine ist schneller mit dem Loch fertig als ein Handbohrer. Doch sie hat keine Ahnung vom Regal, das ich an die Wand gedübelt haben will, geschweige denn vom Zweck dieses Regals. Wenigstens tut sie nicht so, als ob sie das wüsste.

Die KI hingegen macht einen auf Papagei, der behauptet, das, was er nachquatscht, auch zu verstehen. Was nicht der Fall ist. Insofern ist die KI ein Werkzeug, das sich als vernunftbegabter Mensch verkleidet. Und darin sehe den einen oder anderen Knackpunkt im Umgang mit dieser Technologie. Wenn ich kraft meines Weltwissens eine gewisse Überzeugung hege und die KI andere Daten gesampelt hat und jetzt wiedergibt; habe ich ausreichend Mut, mich meines Verstandes zu bedienen?

KI und die Kunst der begrenzten Suche

Um einen Eindruck zu bekommen, wie sich Suche im Internet ohne KI-Infogirlanden anfühlt, schlage ich vor, es einmal mit einer puristischen Crawlermaschine wie dem britischen Mojeek zu versuchen. Diese Suchmaschine nimmt, soweit ich das beurteilen kann, Datenschutz ernst und liefert nur selbst indizierte Ergebnisse, soll heißen, Info aus eigener Ernte. Wer möchte, kann sich bei Mojeek Suchergebnisse mit der französischen KI Mistral zusammenfassen lassen – auch sie (wenn’s schon KI sein soll) eins der gelinderen Mittel, da europäischem Datenschutz unterworfen. Google & Co. telefonieren da schon ziemlich ungeniert nach Hause, also in die USA, datenmäßig ein unsicheres Drittland. Klar liefert die KI mehr. Die Frage ist bloß, ob ich dieses Mehr auch brauche.

Diesseits der Halluzination

Ein Mehr, das der KI eine Art human touch verleiht. Wer’s mag. Die KI nämlich verhält sich bisweilen so spätpubertär wie die Leute, die sie programmiert haben. Wie ein Zwanzigjähriger, der all seine Schätze aus den Kästen räumt, um wen zu beeindrucken. Der dort, wo er nicht mehr weiter weiß, anfängt, mit Informationshalluzination um sich zu werfen. Der sich in seiner manosphere verbunkert und sich beim besten Willen keine vielfältige Welt vorstellen kann. Oder will. Was bei den Ergebnissen aufs Gleiche hinauskommt.
Mir ist es ja lieber, mein persönliches Weltwissen auf eine prozessuale Art zu entwickeln, bei der das Denken mitkommt, als mich vom „Mehr erfahren“- Button von dem ablenken zu lassen, was ich eigentlich wissen wollte. Tiefe, ja, ich erinnere mich an hermeneutisch spiralisierende Verstehensprozesse im Studium. Verbreitern, nein. Denn das wäre eine andere Suche.

Hier geht’s zu Infos zu Stefan Peters

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