Wie wenige Teile braucht ein Ding, um zu funktionieren? Und wer hat all das Bling-Bling bestellt? Warum gebären komplexe Systeme komplexe Probleme? Vom KISS-Prinzip im Tränental der Technik.
Alles sehr kompliziert
„Es ist alles sehr kompliziert.“ Nur dieses Zitat blieb vom wahrscheinlich unterschätztesten Bundeskanzler der Republik Österreich, Fred Sinowatz. Unverdient, aber ist halt so. Der Satz stammt aus den 1980ern und gilt bis heute. Dinge des täglichen Gebrauchs, Fahrzeuge, Websites, Hard- und Software; sie alle sind Opfer galoppierender Featuritis. Diesen Ausdruck habe ich übrigens von einem ausgesprochen lichtvollen Podcast zum Thema KI, vielen Dank an dieser Stelle.
Zwei Knöpfe auf großer Fahrt
Mein erstes Auto war ein VW-Käfer, Ikone deutscher Zweckmäßigkeit. Es gab ein Lenkrad mit Hupring und Blinkhebel, dahinter der Tacho mit Kontrolllämpchen für Öl, Batterie und Blinker. Das Armaturenbrett zierte ein Knopf für die Scheinwerfer und ein weiterer Knopf für den Scheibenwischer. Wenn man an Letzterem zog, pumpte man über einen versteckten Gummiballon Waschflüssigkeit in die Düsen. Im Fußraum gab es neben der Pedalerie einen Druckknopf für Fernlicht und einen Benzinhahn, den es schleunig auf Reserve umzulegen galt, wenn der Motor spritlos hustete. Fertig. Alles da, was es brauchte, um alles Nötige zu bedienen und von da nach dort zu kommen. Wenn ich in ein Auto des Jahres 2025 einsteige, erschlägt mich, abgesehen von beängstigender Supersize-Dimensionierung innen und außen, die Unzahl von Bedienelementen. Es gibt Features für Eventualitäten, die ich mir kaum vorstellen kann, geschweige denn, dass ich ernsthaft damit rechne, jemals in eine Situation zu geraten, in der sie mir Hilfe leisten könnten. Ein Dschungel der Möglichkeiten ist es, in dessen Unterholz ich mich verirre.
Ich bin kein Maschinenstürmer. Und es ist mir bewusst, dass im Hintergrund eine Menge von Sicherheitseinrichtungen dazu beitragen, Blutzoll auf unseren Straßen so effektiv wie möglich zu vermeiden. Gleichzeitig irritiert mich Technologie, die mir die Option eröffnet, jedem Sitzplatz in der Karre eine eigene Klimazone zuzuweisen. Das Gleiche gilt für Rückspiegel, die aus einem versteckten Minischeinwerfer das Logo der Automarke nach unten auf die Straße projizieren. Das braucht keine Sau. Liest irgendwer vom Marketing mit? KEINE SAU, verstanden? Danke.
Featuritis im Web
Sinngemäß gilt das auch für Websites. Als Besucher eines Auftritts im Netz wünsche ich mir, auf kurzen Wegen den Zweck meines Besuchs erfüllt zu wissen. Wenn ich grundsätzliche Informationen suche und mich dabei zwischen drei Newsletter-, Chatbot- und Pushmeldungs-Pop-Ups wegducken muss, flüchte ich. Und kehre wahrscheinlich nicht mehr wieder.

Unlängst wollte ich wissen, wann mein hochgeschätzter Fahrradmechaniker seinen Laden aufsperrt. Vieles fand ich auf seiner Website. Tolle Angebote für Räder, Zubehör und Service. Was ich nicht fand, das waren die Öffnungszeiten. Ich unterrichte Webdesign, ich finde sowas. Wenn es da ist.
Nachdem ich auf Verdacht hingefahren war und den Laden offen vorgefunden hatte, schlug ich ihm vor, diese Information hinzuzufügen. Er kündigte an, mit seinem Webmaster ein Wort zu reden.
Den Brei verderben
Absurd? Vielleicht. Aber so oder so ähnlich eine alltägliche Erfahrung, die wir alle machen. Je mehr Personen bei der Websitegestaltung mitzureden haben, desto unbrauchbarer wird die Sache. Begehrlichkeiten, Eitelkeiten, Bedenken und Menschen, die es nicht gewohnt sind, mit Leuten außerhalb ihrer Expertiseblase zu verkehren, sorgen für Strukturen maximaler Komplexität. Die ihrerseits zu minimaler Kapierbarkeit führt. Wenn du eine Website planst, versuch’s doch erstmal mit einem VW-Käfer. Überlege dir die wahrscheinlichsten drei Fragen, die jemanden dazu bringen, deine Website aufzurufen. Und liefere die Antworten dazu an erster Stelle. First things first. Kompliziert wird’s dann eh von allein. Da haben wir wieder die Thermodynamik mit ihrer Entropie.
Tod der Trickblende!
Akute Featuritis macht uns gern das Leben mit Software schwer. It’s not a feature, it’s a bug, um eine der ältesten Ausreden der Welt einmal umzudrehen. Die meisten von uns benützen gerade einmal fünf Prozent der unzähligen Möglichkeiten, die klassische Softwaresysteme wie die Office-Suite offerieren. Die restlichen fünfundneunzig Prozent führen dazu, dass uns ein tonnenschwerer Schleppanker von Featuremüll dazu zwingt, immer größere Computer zu kaufen, die das Zeugs zum Laufen bringen. Auf meinem ersten Rechner, einem Mac mit vier Megabyte Arbeitsspeicher und vierzig Megabyte Festplatte lief QuarkXPress, ein klassisches Layoutprogramm. Langsam, zugegeben, aber es lief. Unvorstellbar heute.
Ein Videoschnittprogramm, mit dem ich lange beim Fernsehen arbeitete, bot ungefähr siebenundzwanzig verschiedene Trickblenden für den Übergang zwischen zwei Clips an. Kein Profi hat sowas jemals benützt, außer vielleicht Quentin Tarantino, und der weiß, was er tut. Das ist wie Drehen in 4K. Braucht so gut wie immer kein Mensch. Macht riesige, teure Schnittsysteme nötig, und am Ende kommt dabei was raus, das für Smartphone-Displays bestimmt ist. Suffizienz sieht anders aus. Aber das ist auch ein bissl PS-Protz-Dings für Nerds.
Ein Küsschen zum Abschied
Wenn du Software für einen bestimmten Zweck suchst, check doch vorher, wie lange du damit dein Auslangen findest. Das ist meistens länger als deine Lizenz gilt. Welche auf genau deinen Zweck spezialisierte schlanke Lösung passt, welche Light-Version der Adobe-Klassiker zum Beispiel kann genau das, was du brauchst? In der Werbung haben wir für sowas das Prinzip KISS: Keep It Short & Simple. Was genau sind deine fünf Prozent?
Wo du schon dabei bist, hier noch eine Bonus-Frage: Wie lange hast du Zeit, eine Software gut genug zu lernen, um damit deine Zwecke zu erreichen? Trag diese Zeit im Kalender ein und halt dich dran. Lächle Auswüchsen angewandter Featuritis freundlich zu, und lass sie links liegen. Geh stattdessen hinaus, und mach einen Spaziergang.
Hier geht’s zu Infos zu Stefan Peters


