Vom Zuviel zum Zuwenig – Das Hohelied des Versagens

Wer zieht die Grenze zwischen gerade-noch und gerade-nichtmehr? Was bringt uns dazu, das Steuer loszulassen? Vom Unsagbaren des Versagens.

Der Schild des Vercingetorix

In einer Gesellschaft, in der der Zweite schon der erste Letzte ist, steht das Versagen in der Schmuddelecke, womöglich mit Eselsmütze, das auch noch. Damit alle wissen: Tabu, halt dich fern! Versagen, das heißt, den Umständen unterliegen. Gewogen und für zu leicht befunden, wie man sagt. Da ist kein heldenhafter Untergang in Glanz und Glorie, kein muskelbepackter Koloss, der trotz schwerterklirrender Überzahl der Gegner noch aufrechten Hauptes bleibt, kein Vercingetorix, der Julius Cäsar stolz den Schild auf die Zehen schleudert. Versager, das sind pickelige, schmalpickt gebeugte Hänflinge, die die Welt schon vergessen hat, bevor sie noch richtig hinsieht.

Dass das Versagen im ursprünglichen Wortsinn bedeutete, sich zu verweigern, sich bewusst gegen etwas zu entscheiden, das ist ein schwacher Trost. Davon können wir uns heute nichts kaufen. Sehen wir uns also an, wie das ist: Wenn weniger kein souveräner Verzicht ist, sondern ein Verlust. Etwas, worum wir sicher nicht gebeten haben. Und wenn wir schon dabei sind, sehen wir uns bei der Gelegenheit auch gleich an, was wir draus machen können, aufrechten Hauptes.

Der Wiener Konjunktiv

Mein erster Kriminalroman, Erstbezug, landete auf der Shortlist des Leo-Perutz-Krimipreises der Stadt Wien. Großer Bahnhof im Rathaus, Lesungen, Presse, Applaus, Reden. Den Preis bekam wer anderer. Das ist etliche Jahre her, und ich weiß noch immer nicht, was das war: Erfolg oder Versagen?

Na gut, die Urkunde, die es auch für die vier anderen gab, die den Preis nicht bekamen, die hängt gerahmt bei mir zuhause an der Wand. Und manchmal, wenn ich hinsehe, frage ich mich, ob der Preis der Startschuss einer steilen Karriere werden hätte können. Hätte ich ihn gewonnen. Hättiwari, wie man in Wien sagt. Konjunktivistisches Mutmaßen. Dass daneben die Urkunde eines kleineren Literaturpreises hängt, den ich dann doch bekommen habe, zählt elfe (Wienerisch für nix). Was lernen wir daraus? Versagen sticht Erfolg. So sind wir. Erfolg, ein filigranes Kartenhaus, das vom ersten Windhauch zerstört wird. Das Dysfunktionale, das jede Funktion negiert. Mit Versagern will niemand auf ein Selfie.

Versagensangst als Erfolgsmotor

Versagen, das ist der Moment unserer größten Schwäche. Scheitern, ja, das wäre noch okay. Da habe ich mich bemüht, die letzten Kräfte angestrengt. Scheitern, das ist ehrenvoll, kann vorkommen. Schwamm drüber, try again, fail better. Aber Versagen? Dieses Nicht-Genügen, das Untaugliche, das hat etwas Finales. Game over, kein zweiter Versuch. Oder?

Oder kann es sein, dass wir in Wirklichkeit jeden Erfolg der Angst vor dem Versagen verdanken? Eine Angst, die nur groß genug sein muss, um uns selbsttätig zu Spitzenleistungen zu treiben. Alles, nur nicht versagen, das ist die Devise. Als Jugendlicher nahm ich in den Sommerferien an einem Schwimmwettbewerb teil, ein Kilometer Freestyle von einer Boje mitten im Meer weg bis zum Strand. Den Bewerb gewann ich. Weil ich Angst hatte. Vor dem dunklen Wasser unter mir. Der Zweitplatzierte kassierte von seinem Vater eine – für diesen Fall angekündigte – Ohrfeige. So gesehen siegte bloß meine Angst vor seiner.

Sinnlos ans Lenkrad klammern

Gut, treten wir einen Schritt zurück. Versagen, das ist ein hässliches Gefühl. Da ist Verlassensein dabei, Enttäuschung, Traurigkeit, und Angst vor einer Wiederholung. Versagen, das stößt dich mit der Nase schmerzhaft gegen deine Grenzen. Versagen, das ist vielleicht die steilste aller Lernkurven. Spürst du, wie es zu prickeln beginnt? Wie es sich anfühlt, wenn die Illusion, alles unter Kontrolle zu haben, wie ein Panzer von dir abfällt? Wie entspannend es ist, nicht alles können zu müssen? Gerhard Berger, ein österreichischer Formel 1-Rennfahrer meiner Jugend, erzählte in einem Interview, wie sein Wagen bei einem Tempo von etwa 300 km/h einen technischen Defekt hatte und dadurch unsteuerbar wurde. Als er sicher war, nur noch Passagier zu sein, legte er die Hände zwar nicht in den Schoß, aber auf die Schultern, um das Verletzungsrisiko zu verkleinern. Zu dieser Reaktion wäre ich nicht fähig. Ich würde mich bis zum Schluss sinnlos ans Lenkrad klammern. Aber ich werde auch nie im Leben ein Autorennen gewinnen.

Was ich gewinnen kann – und du kannst das auch – das ist die Einsicht, auf welchen Feldern wir das Zeug haben, so groß zu werden, wie wir uns das wünschen. Vielleicht nicht gleich, vielleicht mit viel Mühe und noch mehr Glück. Gleichzeitig lernen wir mit der Hilfe des Versagens, wo wir absolut nix zu suchen haben. Das alles Schritt für Schritt und mit einem gut entwickelten Gefühl für den Punkt, an dem genug wirklich genug ist.

Eine Steinplatte mit der Aufschrift "Nie ist zu wenig was genügt!"
Ein Spaziergangsfundstück, semantisch ein pièce de résistance, das gut gekaut sein will.

Versagen ist ein Verkehrsschild

Beispiel Schule: Ein Jahr Elektrotechnik-Lehranstalt, sechs technische Fächer, sechs Nichtgenügend im Jahreszeugnis. Nie zuvor oder danach ist es mir gelungen, in so kurzer Zeit mit Hilfe angewandten Versagens so viele Bereiche zu entdecken, die weiter zu verfolgen sich für mich nicht lohnen. Die Konsequenz war der Umstieg in eine Rockmusikerschule, in der ich außerdem das Glück hatte, in meinem Deutschlehrer einen Mentor zu finden, der mich beim Schreiben nach Kräften förderte. Das Technische aber, das versagte ich mir fortan selbst.

Nein, Versagen ist kein Spaß. Es kann ein Verkehrsschild sein, mit einem fetten U-Turn-Pfeil drauf. Oder einer Pause-Taste. Etwas von der Art, das dir sagt: Dreh um, such dir einen Platz mit Aussicht. Dort setz dich hin und schau, wo du richtig bist. Wo du so erfolgreich werden kannst, wie du nur willst. Klar, das ist – und da sind wir bei der Suffizienz – ein winzigkleiner Ausschnitt von Welt, eine Art Schlüsselloch. Zu dem – die gute Nachricht – du den Schlüssel besitzt.

Versagen aber, das ist eine Tür, die du schließt, dahinter ein Raum, den zu betreten du dir in Zukunft ersparen kannst. Versagen, das ist die Einsicht, dass es jemand anderen gibt, der etwas besser macht. Etwas, um das du dich nicht mehr zu kümmern brauchst. Versagen, das ist letztlich das Maß der Anderen. Du kannst es an dich anlegen. Oder auch nicht. Das entscheide selbst.

Hier geht’s zu Infos zu Stefan Peters

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