Minimalvorsätze fürs neue Jahr

Was wolltest du schon immer angehen? Womit wolltest du schon immer aufhören? Was soll mehr werden im neuen Jahr, was weniger? Von Vor- und Gegensätzen.

Wie immer, oder nicht

Hurra, ein neues Jahr ist da! Wie immer lange ausschlafen, wie immer zum Sektfrühstück Neujahrskonzert hören, dann wieder ab ins Bett, den Kater kurieren, wie immer. Oder um sieben aus dem Bett, Morgensport, dann ballaststoffreiches Biofrühstück, dann raus an die frische Luft, wandern, Freund*innen besuchen, gute Tat vollbringen, wasweißich!

Zwischen den beiden Szenarien liegen mindestens sieben sogenannt gute Vorsätze. Und ein Haufen Frustpotenzial, das auch. Dazu eine ziemlich gewichtige Ladung an G’hörtsichs, also Glaubenssätzen (mehr dazu in meinem Blogeintrag über Skripts).

Die Backstory

Die Idee, mich im neuen Jahr zu bessern oder wenigstens da und dort Dinge anders zu machen, oder – als Minimalvariante – das Buch zurückzugeben, das ich vor zwanzig Jahren bei wem ausgeliehen habe, ist jetzt nicht wirklich neu. Die alten Babylonier haben vor rund 6000 Jahren damit angefangen, bei ihrem zwölftägigen Neujahrsfest, Akitu, ihren Göttern Versprechen zu leisten. Schulden zurückzahlen, bessere Menschen zu werden, solche Dinge. Damit weitergemacht haben die Römer, nachdem sie zuerst den Jahresanfang auf den 1. Jänner setzten. Von ihnen haben, nach einer eineinhalbtausendjährigen Bedenkzeit, die Christen im 18. Jahrhundert die Praxis des Bilanzziehens zu Jahresende und dem Gelübde von Besserung zu Jahresbeginn gezogen. Viele G’hörtsichs, viele dogmatische Steilvorgaben, Moralhoheits- und Herrschaftsanspruch inklusive.

Ausgeraucht

Und du? Und ich? Okay, ein Beispiel. Vor gut fünfeinhalb Jahren habe ich mit dem cirka zweiundvierzigsten Anlauf zu rauchen aufgehört. Gut, das war nach etlichen Jahrzehnten und ein paar Millionen Tschick, und es war mitten im April, und es hat wohl alles gepasst, und die Motivation war intrinsisch. Dass sich das an einem ersten Jänner mit dickem Kopf nach einer rauschenden Sylvesternacht ausgegangen wäre, wage ich zu bezweifeln.

Ziele sind SMART

Gehen wir’s also eine Dimension kleiner an. Realisierbarer. Da gibt’s ja so eine Formel, nach der Ziele SMART sein sollen. S wie Spezifisch, M wie Messbare Veränderung zum Jetzt, A wie Attraktiv, R wie Realistisch und schließlich T wie Terminisiert, also mit klarer Deadline bis zur Erreichung. Wenn du also Lust hast, dich auf einen Vorsatz zum neuen Jahr einzulassen, nimm doch gerne die SMART-Regel als Messlatte, um einen Eindruck zu bekommen, wie wahrscheinlich es ist, dass du den Vorsatz auch in deine Lebensrealität umsetzen können wirst.

Ja, es ist Absicht, dass ich hier über ein Ziel schreibe. Singular. Weil, gleichzeitig mit dem Rauchen aufzuhören und fünf Kilo abzunehmen, ist eine nette Idee. Messbar und attraktiv, zugegeben. Aber realistisch? Vergiss es. Meine Tochter sagt in dem Fall, dass, wenn man sich entscheiden muss, es gesünder ist, zehn Kilo zuviel zu haben, als zu rauchen. Sie ist Ärztin, also glaube ich ihr das.

Ein Schritt, und noch einer

Ziele zu erreichen ist so gut wie nie ein hole-in-one. Freunde dich doch lieber mit dem Gedanken an, etwas Neues zu lernen, Dinge und Gewohnheiten zu verändern. Essen, Trinken, Rauchen, Handy- und Drogenkonsum, soziale Interaktionen, Verkehrsmittel: all das sind Alltags- und Kulturtechniken, die wir im Laufe unseres Lebens erlernt und verinnerlicht haben. Wenn du ein Mensch bist, der gelernt hast, möglichst jeden Fußweg durch ein Verkehrsmittel zu ersetzen, könnte ein Ziel lauten: Ab heute gehe ich jeden Weg bis zu fünfzehn/dreißig/fünfundvierzig Minuten zu Fuß. Wie viel auch immer du dir dauerhaft zutraust; du wirst bemerken, dass eine Wegstrecke zwischen einem und drei Kilometern kein Auto und keine Straßenbahn braucht. Wenn’s um den Einkauf geht, schaff dir einen Rucksack an. Am besten einen, der auch als Daypack wandertauglich ist. Und Wandern ist ja die Fortsetzung des Spazierengehens mit anderen Mitteln.

A propos Mittel. Wunder Punkt. Also bei mir. Weil seit einem halben Jahr an meiner Garderobe anklagend ein Paar Kletterschuhe hängt. Das Ziel: alle zwei Wochen eine halbe bis ganze Stunde bouldern gehen. In Wien gibt’s öffentliche Boulderwände, Kletterhose ist auch da, Zeit genug, das alles ist kein Problem. Das Problem bin ich. Weil dem Vorsatz eine ganze Menge Vorwände entgegenstehen.

Ein Paar Kletterschuhe, mit einem Karabiner an einem blauen Rucksack hängend
Da hängen die Kletterschuhe und sammeln Staub, ein Ziel geht in die Verlängerung

Zum Beispiel, dass da erst mindestens drei Kilo runter müssen, dafür ein paar Muskeln rauf. Da, also bei mir. Weil Leistungsgewicht. Zum Beispiel, dass ich nach einem Arbeitstag mit zehn- bis fünfzehntausend Schritten körperlich zu paniert bin für Kraftanstrengungen. Dass ich ein paar Stunden vor dem Klettern nix essen sollte. Undsoweiter, ad infinitum. Kommt dir sowas bekannt vor? Wusst ich’s doch!

Belohn dich!

Also, wenn’s schon zu Neujahr sein soll – wie könnte dein spezifizierter, messbarer, attraktiver, realistischer und terminisierter Lernerfolg für 2026 aussehen? Eine Idee: Ich halbiere meine tägliche Handyzeit von derzeit vier Stunden bis Ende April auf zwei Stunden, jeden Monat eine halbe Stunde weniger. Dafür belohne ich mich mit … (setz hier ein, was dich motiviert). Oder, eine Großtat, das mit dem Rauchen. Ich habe mir damals jeden Monat ein Geschenk um die Summe gemacht, die ich nicht mehr in Zigaretten investiert habe. Da waren ziemlich große Dinge dabei. Zum Beispiel gute Kletterschuhe. Aber das ist eine andere Geschichte.

Auf welches Veränderungsabenteuer du dich auch einlassen willst: Ich halte dir jedenfalls die Daumen! Lass dich von lieben Menschen rundherum feiern, trösten und jedenfalls unterstützen und hab ein wunderbares neues Jahr!

Hier geht’s zu Infos zu Stefan Peters

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