Die Suffizienz des Reisens III: Nachhaltig erleben

Wie schnell oder nachhaltig komme ich von da nach dort? Geht beides zugleich? Welche Ressourcen verbrauche ich auf der Strecke dorthin? Was braucht mein Kopf, damit der Weg zum Ziel wird?  

Hinter sich zusammenräumen. Und auch davor.

Schon wieder ein Blick nach Norden. In Skandinavien und Finnland würde kein Mensch auf die Idee kommen, mit Ressourcen zu urassen. Die Leute räumen außerdem hinter sich auf, so sind sie erzogen. Nein, das hat nix mit calvinistischer Verzichtsethik zu tun, sondern bloß mit der Einsicht, dass wir von dem, womit wir sorgsam umgehen, länger was haben. Kapiert jedes Kleinkind. Sowas gefällt mir. Im Übrigen teilen sich die Nordländer*innen regelmäßig die Stockerlplätze, wenn es um die glücklichsten Nationen geht.

Wahrscheinlich kann Greta Thunberg nur eine Schwedin sein, oder sonstwo aus der Gegend. Weil lautstarkes Engagement für Klimaschonung und die Anreise in die USA über den Atlantik mit dem Segelboot braucht ein tief verwurzeltes Bewusstsein für den suffizienten Umgang mit Ressourcen. Und Zeit. Das ist schon ein sehr prinzipieller Knackpunkt. Wenn ich übers Wochenende einen Städteurlaub machen will und vor der Entscheidung stehe: Schnell und billig mit dem Flieger oder fünfmal so langsam und dreimal so teuer mit dem Zug, braucht es eine geradezu heiligmäßige Sturheit, um die Schiene zu wählen. Na gut, ein Schritt zurück. Wozu ein Wochenendtrip nach Lissabon (ich liebe diese Stadt und ihre Leute!), London oder Lyon? Wenn es mir um den Thrill, den Culture Clash, das Feuerwerk an Eindrücken geht, mag ebenso eine Nachtwanderung vom Rennbahnweg bis zur Großfeldsiedlung – zwei Wiener Gegenden mit Problemzonenpotenzial – als Geheimtipp gelten. Wenn es dir wichtig ist, als weltläufig betrachtet zu werden, dann nimm dir Zeit, lass dich ein (siehe auch Suffizienz des Reisens I). Das ist wie bei Gras. Das wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht.

Natürlich gibt es Situationen, wo um die Flugreise kein vernünftiger Weg vorbeiführt. Wenn der Aufwand für Alternativen in keinem vertretbaren Verhältnis zum Ergebnis steht. Wenn du dir nicht sicher bist, versuch doch gerne einmal den Suffizienzcheck auf der deutschen Plattform FlyingLess, und entscheide dann.

All inclusive

Es ist schon ein bisschen komisch. Also wir. Sind komisch. Weil wir Wesen sind, die das ganze Jahr über unseren Müll trennen oder sogar vermeiden. Die im Kühlschrank nose-to-tail betreiben, also alles nutzen, was drin ist. Die vielleicht sogar ein Klimaticket besitzen und sich öffentlich kommod herumkutschieren lassen, zu Fuß gehen oder radeln. Und dann aber. Dann fahren wir auf Urlaub und folgen eisern dem Leitspruch „lieber den Magen verrenken, als dem Wirt was schenken“. Soll heißen, wir räumen alle im Urlaub vorhandenen Ressourcen auf Anschlag aus.

Teller mit Gupf befüllen und die Hälfte übriglassen, stundenlanges Duschen, fünf Handtücher am Tag, leeres Zimmer heizen, Personal wegen nichts im Kreis schicken, Rundfahrten mit Autobussen durch historische Stadtzentren. So Sachen. Zwei Tage später daheim den Nachbarn anzeigen, wenn er sein Auto am Stand laufen lässt. Was mit gutem Grund verboten ist (nämlich das Motorlaufenlassen für nix). Und scheinheilig (nämlich in dem Fall die Anzeige).

Fünf Handtücher am Tag, das Personal wegen nichts im Kreis schicken – alles inklusive

Wohnen ohne Hotel

Das Hotel mit dem höchsten Suffizienzpotenzial ist ganz klar dasjenige, das nie gebaut wurde. Insofern kannst du dir einmal überlegen, Urlaub auf eine Weise zu gestalten, von der mir mein Nachbar seit Jahren vorschwärmt. Der nämlich schwört auf etwas sehr Simples, den Wohnungstausch. In seinem Fall ist das HomeExchange, eine Plattform, auf der er seine Wohnung anbietet und dafür im Tausch immer wieder ein paar Tage oder sogar Wochen in einer anderen Stadt wohnt. In einem ganz normalen Wohnhaus mit ganz normalen Menschen rundherum taucht er in den Alltag ein, und hat es in der Hand, mit den dort vorhandenen Ressourcen genauso umsichtig umzugehen wie daheim. Im Gegensatz zu air bnb & Co. nimmt ein privater Wohnungstausch den Leuten in der Stadt keinen Wohnraum weg, das Kommerzielle beschränkt sich auf die Jahresgebühr, die so ein Portal für die Vermittlung kassiert.

Das unterscheidet diese Art, nachhaltig die Welt zu bereisen, von früheren Erlebnissen, wo ich auf Interrail andere Menschen kennenlernte und ein paar Tage bei ihnen unterkam. Im Gegenzug nahm ich immer wieder diese Leute oder ihre Freunde in meiner Wohnung auf. Wir waren ziemlich jung und unsere Ansprüche waren von der Art, dass es schon reichte, im Schlaf nicht von wilden Tieren gefressen zu werden (okay, zuletzt verbrachte ich als Mittvierziger einige Nächte im venezolanischen Orinoco-Delta, im Freien in Hängematten, hoffend, dass die Pumas der Gegend halbwegs satt waren).

Online und zurück

Erinnert sich jemand an Corona? Alles geschlossen, alles maskiert und himmlischer Frieden. Also Frieden am Himmel. So, als hätten die Schweden mit ihrer Idee der Flugscham gewonnen. Natürlich war das alles hochdramatisch, viele Tote, viel Leid, viel Verunsicherung, freie Fahrt nur für die krudesten Verschwörungserzählungen. Und dabei haben wir nicht nur die Größe von Babyelefanten erfahren, sondern auch gelernt, dass die meisten Business-Flugreisen dank Online-Meetings via Zoom & Co. ersetzt werden können. Größere Anteile der Verlagerung von Facetime ins Netz sind geblieben,

Jobausschreibungen sind um Ausdrücke wie Hybrid oder Remote erweitert worden. Büroflächen schrumpften in der Folge, weil infrastrukturelle Ressourcen nicht mehr benötigt wurden. Zwar rudern etliche Unternehmen mit einem Johnny Kontrolletti in der Geschäftsführung wieder in die Präsenz zurück, doch die Option auf Remote Work ist ein gewichtiges Lockmittel im Employer Branding geworden.

Das Meer in der Abendsonne, im Vordergrund eine hohe Welle, im Hintergrund eine Insel
Hier könnte dein Arbeitsplatz sein. Nicht wahrscheinlich, aber remote oft möglich.

Der Zweck heiligt die Verkehrsmittel

Was wir langsam, aber doch erlernen, das ist, dass der Zweck die (Verkehrs-)Mittel heiligt. Soll heißen, dass wir den Blick für das Passende und gleichzeitig Mögliche schärfen. Klar, es braucht Ideen, Flugreisen auf kurzen oder mittleren Strecken zu ersetzen. Die Stadt Wien etwa wird in den kommenden Jahren ein neues Busterminal für den Fernverkehr errichten. Um die Dimension der Busreisen einzuordnen: Allein Flixbus verbindet täglich in 400.000 Fahrten 3.000 Städte in 35 europäischen Ländern. Ein immer größerer Anteil der europäischen Reisebusflotte fährt elektrisch, eine ressourcenschonende Antriebsart, von der der Linienflugverkehr weit entfernt ist. Mobilität mit der Eisenbahn ist an sich eine einfache Sache. Liegt zwischen den Punkten A und B ein Gleis, kann ich einen Zug daraufstellen, und los geht’s. In der Praxis hat jedes Land sein eigenes Bahnsystem, die meisten davon untereinander inkompatibel. Während es seit Jahrzehnten völlig normal ist, auf einer Online-Buchungsplattform innerhalb von ein paar Minuten internationale Flugverbindungen zu finden und Tickets zu kaufen, entstehen erst jetzt die ersten Plattformen für Zugreisen. Traivelling ist so eine davon, gegründet von einem jungen Wiener, der nach einer Zugfernreise nach Vietnam beschloss, die unglaublich schwierige Suche nach internationalen Eisenbahnverbindungen zu vereinfachen. Das macht es zwar nicht billiger als das Fliegen, aber wenigstens möglich. Und das ist schon was.

Multimodal unterwegs

Wie auch immer wir von da nach dort kommen: letzten Endes hängt die Suffizienz unserer Mobilität immer von der Motivation ab, die wir aus der Art des Reisens ziehen. Wenn es unbedingt die kürzeste Zeit sein muss und uns alles andere egal ist, dann ist der Flieger meistens konkurrenzlos. Wenn allerdings andere Parameter eine Rolle spielen (dürfen), können wir heute aus einer Multimodalität wählen – Zug, Bus, Fahrrad, Privatauto, Schiff, zu Fuß. Das macht Möglichkeiten auf, reisen als Teil des Erlebnisses zu verstehen – und nebstbei ein Stück zur Rettung unserer Welt beizutragen.

Disclaimer: Die obigen Verlinkungen verweisen auf meiner Ansicht nach mäßig böse Unternehmen, von denen ich für die Nennung keinerlei Entgelt oder sonstige Vorteile erhalte.

Hier geht’s zu Infos zu Stefan Peters

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