Die Suffizienz des Pitchens

Wie wenige Worte sind genug? Kann Wortreichtum zu Verständnisarmut führen? Wie lange dauert eine Aufzugsfahrt? Ein Abschneider.

Am Lagerfeuer

Der Worte sind genug gewechselt. Lasst mich auch endlich Taten sehn! So heißt’s bei Goethens erstem Faust. Schon. Aber. Wenn ich mir vorstelle, mit anderen Menschen rund ums Lagerfeuer zu sitzen oder im Kaffeehaus, und es rauscht ein steter Strom von Geschichten. Und der schwillt an und reißt uns mit in fremde Welten und Abenteuer, wie wir sie uns niemals ausdenken hätten können, und – hach, wir lieben sie! Wir lieben diese Geschichten, die uns Vorbild sind und Warnung, Inspiration und Stärkung. Die uns zusammenhalten mit den anderen.

Elevator Pitch

Eine alte Stoppuhr in einer rotsamtenen Schatulle
Bis sechzig ist’s noch eine Weile. Die Zeit läuft, auch wenn wir nicht zusehen.

Szenenwechsel. Tag. Innen. Eine moderne Aufzugskabine, darin zwei Menschen, geschäftlich gekleidet. Die beiden verbringen gemeinsam eine Fahrt von sechzig Sekunden, vom, sagen wir, Erdgeschoß in den dreißigsten Stock, wo eine der beiden Personen ihr Büro hat. Die andere Person hat diese sechzig Sekunden Zeit, der anderen überzeugend eine Idee zu präsentieren. Gelingt das, dann steigen beide im dreißigsten Stock aus, um Nägel mit Köpfen zu machen. Wenn nicht, fährt die Person mit der Idee allein wieder runter und geht traurig davon. Drei Kameraperspektiven: Halbtotale mit beiden Personen, Schuss und Gegenschuss, zusätzlich wiederkehrende Nahaufnahmen Gesicht + Stockwerksanzeige im Hintergrund. Es wäre wegen der Dramatik.
Das ist schon was.

Dreiakter

So ein Pitch könnte ja als Bonsai-Variante eines klassischen Dreiakters durchgehen, mit allen Höhe-, Tief und Knackpunkten. Stell dir vor, du würdest einen Werbespot in eigener Sache produzieren. Sechzig Sekunden, das ist die Vorgabe, Überzeugung, das ist die Pflicht. Beginne mit einem Zehnsekünder an Exposition. Wer bin ich, wofür stehe ich, welche Geschichte erzähle ich? Die folgenden vierzig Sekunden hast du Zeit für deine Held*innenstory, mit einem Bauchfleck zu Midpoint. Was genau muss ich über deine Aufgabe wissen, was über deine Verbündeten? Elegent wäre so ein Try-Fail-Cycle: Ertwas ausprobieren, krachend scheitern, es nochmals probieren, triumphieren. Was war danach besser, was wirkt bis heute nach? Zahlen, Daten, Fakten. Dann, der Endspurt über die letzten zehn Sekunden, das Versprechen. Dein Versprechen. Was bietest du mir an, welches Problem löst du mir? Und wie geht es weiter? Call to action heißt das dann.
Solch ein Pitch (Varianten und Anleitungen gibt’s unzählige) könnte ja auch als Video daherkommen. Sauber entwickelt, geprobt und gestoppt, mit dem Handy in ein paar verschiedenen Einstellungsgrößen aufgenommen, mit einem Gratisprogramm geschnitten und automatisch untertitelt, zack!, fertig. Ab damit auf die beruflich relevante Plattform deiner Wahl.

Sag’s in dürren Worten!

In meinem beruflichen Alltag kommt es häufig dazu, dass ich meine Studierenden auffordere, ihr Angebot an den Arbeitsmarkt in so einer Kurzform zu präsentieren. Sich vorzustellen, sie hätten genau diese eine Minute Zeit, um jemandem klarzumachen, was sie für ein Unternehmen, eine Institution tun können – und wollen. Diese Übung ist ein großes Stück Arbeit. Sie entspricht ein bisschen dem, was Michelangelo sinngemäß über die Bildhauerei gesagt hat: solange entfernen, was zuviel ist, bis David in seiner klassischen Pracht vor uns steht.
Sag’s in dürren Worten! So hat das eine frühere Freundin von mir charmant formuliert, wenn in kurzer Zeit viel zu besprechen war. Auf die Spitze getrieben hat das der kürzeste Witz, den ich kenne: Treffen sich zwei Jäger. Beide tot. Mehr braucht’s nicht.

Ein Glas Wasser und der Paganini der Abschweifung

Ein Glas mit Messskalen, in das Wasser hineinsprudelt
Vielerlei Maß, allegro, ma non troppo!

Ein Professor der Kommunikations-wissenschaft ermahnte uns gern vor Prüfungen, die in der Prüfungsanleitung eingeforderte kurze Form der Antwort ernst zu nehmen: „Wenn ich um ein Glas Wasser bitte, will ich nicht, dass mir wer den Atlantischen Ozen nachwirft.“ So sagte er, und kündigte an, zu lange Antworten mit einer schlechteren Note zu ahnden. Was meiner damaligen Abneigung, mehr als nur nötig mit der Hand zu schreiben, sehr entgegen kam (meine Klaue als angeblich umgewöhnter Linkshänder ist unzumutbar).
Gegen dieses Diktum steht die Lust, mich gemeinsam mit den Studierenden meiner Kurse auf Geschichten einzulassen. Sofern es der zeitliche Rahmen erlaubt, lassen wir die Zügel schleifen, stoßen Türen und Fenster weit auf und entwickeln unsere Stories im weiten Land der Möglichkeiten. Klar, dass im Entwickeln ertmal der Claim abgesteckt, das Feld in Länge und Breite abgeschritten sein will. Einmal als Paganini der Abschweifung bezeichnet worden zu sein, das halte ich gut aus. Hauptsache, Paganini. Immerhin bin ich bei Bedarf zu stoppen, das passt dann schon.
Andere können das übrigens auch. Eine Leistungsschau dieser Disziplin mag der Podcast Alles gesagt? der deutschen Wochenzeitung Die Zeit darstellen. Hier werden Menschen so lange interviewt, bis sie mit einem zuvor vereinbarten Stichwort einen Schlusspunkt setzen. Die einzelnen Folgen des Podcasts (an dieser Stelle herzlichen Dank an meine Tochter für den Tipp) können auch gerne einmal sieben Stunden dauern. Ich empfehle die Folge mit dem Journalisten Armin Wolf. Wär’s ein Elevator Pitch, man müsste sich auf die Suche nach einem der letzten funktionierenden Paternoster machen. Und dort einen halben Tag lang Runden drehen.

Inflation im Klingelbeutel

Zum Abschluss – und um machtvoll zu demonstrieren, dass die knappe Form bare Münze wert sein kann – ist hier eine Geschichte von Mark Twain, und die geht sinngemäß so: Ein Mann sitzt in der Kirche und hört eine hinreißende Predigt. Er beschließt nach ein paar Minuten, bei der anschließenden Kollekte einen großen Schein einzuwerfen. Doch dann entwickelt die Predigt Längen wie ein Film von Wim Wenders, und die Summe, die der Mann zu spenden bereit ist, wird immer geringer. Als der Pfarrer nach ewiger Zeit zum Schluss kommt und der Klingelbeutel umgeht, greift der Mann zu und stiehlt einen kleinen Schein.  

Hier geht’s zu Infos zu Stefan Peters

Startseite » Die Suffizienz des Pitchens

Teilen

Schreibe einen Kommentar