Casting

20.1.2011

Castings sind Mentalübungen. Mentalübungen für die Fähigkeit, nach zermürbender Wartezeit gemeinsam mit einem Rudel von Konkurrenten oder Mitspielern (was genau, wird erst klar, wenn es schon zu spät ist) konzentrierte Betriebsamkeit vorzutäuschen.

Das Ambiente könnte ein Gassenlokal in doppelter Altbauhöhe sein, stilistisch einer 80er Jahre-Loftästhetik mit postapokalyptischen Einsprengseln verbunden. Die Klimatisierung: Im Sommer überheizt, im Winter unterkühlt. Leiden für Fortgeschrittene. Hoch genug und trotzdem zu klein, mit Eignung als Clubraum für die Neigungsgruppe Lagerkoller.

Ein Hauch von Kafka umweht die wartende Runde derer, die jetzt gerne und klammheimlich Pickel und faule Zähne in die Visagen der Anderen zaubern könnten. Blicke vermeidend wie Patienten im Wartezimmer einer Arztpraxis für Geschlechtskrankheiten, harrt die Gruppe, dumpf brütend, Kräfte sammelnd oder wenigstens aufsparend für die wenigen Momente vor der Kamera. Die Momente, die entscheiden. Über ein Engagement oder die Hoffnung auf den nächsten Anruf von der Agentur.

Vom Warteraum führt eine Treppe hinauf zu einer Tür mit eingelassener Milchglasscheibe. Dahinter das grelle Licht von Scheinwerfern. Dann und wann wird der Strahl der Halogenbrenner von einem Schatten durchbrochen, der über die Scheibe gleitet. Manchmal langsam, dann wieder ruckartig, immer abstrakt, schemenhaft. Verzerrte Andeutungen einer platonischen Höhle.

Die Gruppe weiß: dort ist das echte Leben. Dort ist die Welt, auf die sie hoffen. Sie könnten jetzt natürlich auch aufstehen, den Zettel, den sie bei ihrer Ankunft ausgefüllt haben, zerknüllen und durch die untere Tür auf die Straße treten. Doch dafür haben sie schon viel zu lange gewartet. Wähnen den größten Teil der abgesessenen Zeit vorüber. Meinen sich kurz vor dem Aufgerufenwerden. So, wie wir auch nach einer gewissen Zeit, die wir in einer telephonischen Warteschleife hängen, nicht mehr auflegen, weil ja das Verbundenwerden nur noch eine Frage von Sekunden sein kann. Muss. Solcherart verharren sie unter Kafkas wehenden Rockschößen.

Mitten in die Konkurrenz- oder Kooperationslethargie – sie wissen es immer noch nicht genau – platzt die sich öffnende Tür am oberen Ende der Treppe. Die Tür zur wirklichen Welt, in der die Art von Illusion hervor gebracht wird, an deren erfolgreichem Abschluss Gage winkt.

Ein gelangweilter Zerberus (er tut den ganzen Tag lang nichts Anderes) tritt durch die Tür und die Stufen herab und blickt suchend in die Runde, die explosionsartig zum Leben erwacht, bereits im Sitzen den Eindruck wie auf einer Perlenkette aufgefädelter vibrierender Bienenkörbe erweckt.

Professionelle Dynamik von der jeweils der Rolle entsprechenden besten Seite dargebracht erfüllt den Raum.

Der Zerberus, ein souverän im Zentrum der Aufmerksamkeit agierender schwarz gekleideter Kreativer (der sich seinen Job auch anders vorgestellt hat) zeigt nacheinander auf vier Personen aus der Gruppe. Nennt Rollen, fordert sie auf, ihm zu folgen. Während die Fünf jetzt die Treppe empor steigen, versinkt das zurück gebliebene Rudel der Wartenden wieder in dumpfes Standby.

Die vier Aspiranten finden sich auf der anderen Seite der Glastür in einem improvisierten Set wieder. Kleine, billige Scheinwerfer, ein Witz von einer Mini-Videokamera, die aussieht wie aus einem Überraschungsei. Pseudorequisiten, die zu bespielen noch mehr Phantasie erfordert als gar keine Requisiten. Keine Illusion von Welt. Sondern die Illusion einer Illusion.

Es folgt die Vorstellrunde der Schauspieler, mit unter dem Kinn zur Kamera gehaltenem Nummernkärtchen. Hände zeigen und das Profil, jetzt von links, bitte. Knappe Anweisungen aus dem Halbdunkel schräg hinter der Kamera, wo eine müde Mittfünfzigerin gleich darauf und zwischendurch dem Operateur der Witzkamera Anweisungen zu Bildausschnitt und Aufnahme erteilt. Eine komplette Drehung. Danke, der Nächste.

Dann wird gespielt. Ein Werbespot soll es werden, also gute Laune, Wohlfühlzone, denkt daran, ihr genießt, was ihr tut. Also wird die illusionsillusionistische Requisite bespielt, wird Freude, Überraschung, Erstaunen frohgemut und reproduzierbar gemimt. Der Laden brummt und alles geht gut aus. Weil Werbung.

Dann heißt es, gestorben, also abgedreht. Das gut gelaunte Gesicht aus dem Gesicht gewischt, die Illusion abgeliefert.

Hinaus gehen sie, die Vier. Die Treppe abwärts, einen mitleidsvoll-erleichterten Abschiedsgruß in die Runde murmelnd, hinaus auf die Straße. Die auch irgendwie echt wirkt. Nur nüchterner.

Während dessen der Zerberus wieder eine Auswahl gagenbedingten Frohgemuts trifft.

Ich mag Film. Ich kann nicht anders. Werbefilm-Ateliers waren meine Kinderstube. Das prägt. Und ich mag Castings. Sie sind, nach der Warteschleife der Zugauskunft, die zweitbeste Gelegenheit, ein gutes Buch völlig ungestört zu Ende zu lesen.

Stefan Peters

Management by Mut

16.1.2011

Stellen Sie sich einen Menschen vor, der wichtige kaufmännische Entscheidungen zu treffen hat und sagt: „Wir haben das noch nie so gemacht, wie wir das jetzt überlegen. Aber es könnte funktionieren. Es ist riskant. Wir finden es jetzt heraus. Wir tun es.“

Stellen Sie sich einen anderen Menschen vor, der wichtige kaufmännische Entscheidungen zu treffen hat und sagt: „Wir haben das noch nie so gemacht, wie wir das jetzt überlegen. Sicher, es könnte vielleicht funktionieren. Aber es ist riskant. Deshalb machen wir es genau so, wie wir es bisher gemacht haben. Wir sind auf der sicheren Seite.“

Wer von den beiden wird einmal mehr Exemplare seiner Autobiographie verkaufen? Mit wem von den beiden würden Sie lieber einen Kaffee trinken gehen? Und vor allem: Wer von den beiden führt mit größter Sicherheit das erfülltere Leben?

In wessen Unternehmen wollen Sie lieber arbeiten? Management by Mut oder Management by Angst? Wo, glauben Sie, ist für Sie der bessere Arbeitsplatz, wo werden Sie wahrgenommen, wo zählen Ihre Ideen, wo können Sie sich entwickeln?

Menschen in Führungspositionen sind mutige oder ängstliche Menschen, Erwachsene oder Kinder. Das sind sie beruflich genauso wie privat. Aber jemanden, der schon in seinem Privatleben das Risiko scheut wie der Teufel das Weihwasser, in eine berufliche Führungsposition zu setzen, ist eine todsichere Garantie für geschäftlichen Stillstand.

Dieser Mensch wird als Gelähmter seine Umgebung lähmen. Dieser Mensch wird keine einzige Entscheidung treffen, aus Angst, sie könnte ein Fehler sein.

Dass die Angst, Fehler zu begehen, zum einzigen unverzeihlichen Fehler überhaupt führt, nämlich, gar nichts zu tun; das wird dieser Mensch nicht verstehen. So lange jedenfalls, bis er gelernt hat, dass einen Fehler zu machen die einzige Möglichkeit ist, Dinge zu verbessern, Entwicklungen einzuleiten, Erfolge zu erzielen.

Ich rege für die Wirtschaftswissenschaften die Schaffung eines Lehrstuhls für Angewandten Mut im Management an. Ob angehende Führungskräfte lernen, mit allen Kräften den Status Quo zu konservieren (und es kostet alle Kräfte, glauben Sie mir. Wenn nicht, springen Sie einfach in einen reißenden Fluss und versuchen, auf der Stelle zu schwimmen) oder ob sie lernen, die ohnehin pausenlos stattfindende Veränderung mitzugestalten, kostet das selbe Geld.

Die Lehrstühle für Angewandte Angst im Management sind jedenfalls überreichlich besetzt.

Die Didaktik für die Entwicklung von Mut ist da. Sie ist im harmlosen Spitzenkleidchen von Incentives und Outdoortrainings heran gereift und wartet darauf, in geeigneten Labor-Settings eingesetzt zu werden. Es braucht eben in vielen Situationen jemanden, der neben einem steht und sagt „Spring“! So lange jedenfalls, bis man sich daran gewöhnt hat, sich diese Handlungsanleitung selbst zu geben. Bis man insgesamt ein sehr viel mutigerer Mensch geworden ist, der gelernt hat, mit Veränderung umzugehen, sich selbst und anderen zu vertrauen.

Je mehr solcher Menschen ein Unternehmen bevölkern, umso souveräner werden Entscheidungen getroffen, Innovationen gefördert, Erfolg erlebt.

Stefan Peters

Die Welt ein bisschen runder machen