Die Drängler

20.4.2012

Wie reagiert man eigentlich richtig, wenn einem im Alltag ein Mensch mit Arschlochfaktor im Endstadium begegnet? Mit „begegnet“ meine ich, dass es, aus welchen Gründen auch immer, nicht möglich ist, einfach wegzuschauen und sich selbst aus dem Spiel zu nehmen, weil – ja, weil man gerade involviert ist und da nicht raus will. Oder kann.

Eine der unbarmherzigsten Kampfzonen ist ja die Einflugschneise zur Supermarktkassa. Pensionisten, die den aufgestauten Kommunikationsbedarf der letzten fünf Wochen en bloc an der Kassierin abarbeiten. Und das nicht hinter mir. Da trifft’s wen Anderen, Floriani-Prinzip. Vor mir, selbstverständlich. Kassierinnen, die gerade eingeschult werden und über jedem Joghurtbecher sinnend meditieren wie Hamlet über seinem Totenschädel. Ja doch, die sollen eingeschult werden. Und wenn sie damit fertig sind, emsig und mit allen Wassern gewaschen und Codes der noch so absonderlichen Gemüse auch im Schlaf drauf haben; dann sollen sie sich an die Kassa setzen, vor der ich gerade stehe. Und keinen Augenblick eher. Mein Gott, es muss doch möglich sein, Übungskassen einzurichten. Stellen Sie sich vor, Jung-Piloten würden beim Landeanflug erstmals an die Maschine rangelassen. So ein Simulator hat schon was, echt.

Dann sind da noch die Leute, denen man nicht am Steuer ihres Wagens vermutlich deutscher Provenienz begegnen möchte. Die, die sich mit eingebautem Vorrang ausgestattet wähnen. Wähnen, das kommt übrigens von Wahn. Und das sagt alles über verschütt gegangene oder niemals erworbene Sozialkompetenzen. Reinschneiden, ausbremsen, eigene Spur eröffnen, die dann selbstverständlich für die einzig gültige gehalten wird. Man darf schon froh sein, wenn sie es sich verkneifen, dort, wo sie gerade unterwegs sind, rustikal das Revier zu markieren.

Und außerdem gibt es die Drängler. Die, deren Ambition auf das Zuschandenfahren meiner Archillessehnen abzielt. Die, die sich im Eifer, Zehntelsekunden bei der Belegung des Laufbandes herauszuschinden, mit ihren Schmerbäuchen über meinen Einkaufswagen beugen und ihn – ja, das Ding hat Rollen und gut ist’s! – unbarmherzig mit meinem Kreuzbein kollidieren lassen. Nein, es geht nicht schneller deshalb. Nur ungemütlicher. Eine Einsicht, die in einem Land, das zu wesentlichen Teilen aus Menschen besteht, die Angst haben, zu kurz zu kommen, eher unwahrscheinlich ist.

Hätte ihr Einkaufswagen ein Fernlicht: Sie würden es betätigen. Immer und immer wieder.

Vorgestern stand eine Frau hinter mir. Und drängelte. Lichthupte im Geiste vor sich hin. Zeppelte und zappelte. Und blieb doch hinter mir. Wider Erwarten – ihr Erwarten – lösten sich meine Person, mein Wagen, meine Waren auf dem Förderband nicht in Luft auf. Schwere Prüfung also.

Mein Einkauf wurde gescannt, kam in den Wagen. Die Kassierin schaute mich an. Ich schaute zurück, sagte „Bankomat“. Nahm meine Karte, schob sie ins Terminal, das nach dem Code fragte. Sah mich um. Eine halbe Armlänge hinter mir zeppelte die Dränglerin. Und dann geschah Seltsames. In mir erwachte so eine Art Tier. Eine Art schlecht gelauntes Tier. Ein Tier, das mich dazu brachte, mich langsam umzudrehen, die Frau zu mustern, eine todernste Miene aufzusetzen: „Wollen Sie mir über die Schulter schauen oder soll ich vorlesen?“

Die Reaktion war bemerkenswert. Eine Gleichzeitigkeit von Sprung zurück und Entschuldigungswasserfall. Ich nahm’s gelassen an, zahlte und verließ mit diabolischem Grinsen den Supermarkt. Diabolisch, weil schlagfertig. Ausnahmsweise. Diabolisch, weil passend. Und Grinsen… Ach, draußen strahlte einfach die Sonne. Ich strahlte zurück.

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