Transatlantische Nebelgranaten

Viel ist dieser Tage über das Freihandelsabkommen mit Kanada, CETA, zu hören. Der österreichische Kanzler ist dagegen bzw. dafür, es zu unterschreiben. 27 Mitglieder der EU sagen letztendlich ja, Belgien sagt nein. Weil die Wallonen. Wollen nicht. Das Werkl steht, die kanadische Handelsministerin weint vor der Kamera. Es wäre so schön gewesen, wenn.

Wäre es?

Transatlantische Handelsabkommen sind dank TTIP in Verschiss geraten. Zurecht, was den Pakt mit den USA angeht. Investorenschutz und andere legistische Spitzfindigkeiten weisen den potenziellen Weg in eine Situation, wo die Politik vergeblich darauf wartet, dass vom Tisch der Wirtschaft der eine oder andere Brosamen abfällt, den sie, die Politik, öffentlichkeitswirksam verdauen kann. Das Ergebnis dieser Minimalperistaltik schmückt anschließend die Titelblätter der Medien.

CETA, TTIP: Cui bono?

Es ist mit gutem Grund anzunehmen, dass die weit überwiegende Mehrheit der europäischen Unternehmen, also Einpersonenbuden, von Handelsbündnissen zweier Wirtschaftsblöcke nicht das Geringste bemerken werden. Sie werden daraus keine Vorteile ziehen und keine Nachteile erleiden. Die großen Unternehmen, die Global Player, sind schon heute auf eine Weise versorgt, die in Hinblick auf ihren Nutzen für die Allgemeinheit keiner weiteren Optimierung bedarf.

Ein mit Wachstumshormonen aufgepäppeltes Rindsvieh kleinweis über den Atlantik nach Österreich zu schicken ist um nichts dümmer, als würde es sich beim selben Rindvieh um zertifiziertes Biofleisch handeln. Exportsubventionen sind ein alter Hut. Da braucht es keine Handelsabkommen. Dasselbe gilt übrigens für Schiedsgerichte, vor denen im stillen Hinterzimmer unter Anwälten an der verfassungsrechtlich legitimierten Gerichtsbarkeit vorbei entschieden wird, dass sich Wirtschaftsunternehmen für Gesetze entschädigen lassen, die ihnen keine Freude machen.

Was die Politiker, gewählte Dienstleister am Gemeinwohl, hingegen seit ewig und drei Tagen verschleppen, ist der Beschluss einfacher Regelwerke, die tatsächlich mit ihrem demokratischen Mandat in Zusammenhang stehen.

Die Besteuerung von Finanztransaktionen etwa würde einen Sektor erfassen, der realwirtschaftlich vernachlässigbar ist. Außer, es geht etwas schief. Wie 2008ff, als uns alle eine Solidarhaftung traf, von der wir zuvor nichts ahnten.

Oder die Einführung einer Regelung, nach der auch große Unternehmen Steuern zahlen müssen. Wenn ich in Wien eine Wurstsemmel verkaufe, zahle ich vom Gewinn in Österreich Steuern. Wenn ich der Eigentümer von Apple bin und mein Händler in Wien einen Computer verkauft, zahlt er Steuern. Ich nicht. Das wäre reparabel. Es wurden schon dümmere Gesetze beschlossen.

Die europäische Politik wirft einerseits mit transatlantischen Nebelgranaten und schafft es andererseits nicht, vor Ort ihre Kernaufgaben wahrzunehmen, beispielsweise Steuern auf Gewinne einzuheben. Das kann bedeuten, dass sie restlos von Lobbyisten gekauft ist. Schwer vorstellbar.

Leichter vorstellbar ist, dass bereits die Drohung genügt, die Märkte könnten unruhig werden, um jeden politischen Gestaltungswillen im Keim zu ersticken. Diese Lähmung zieht sich durch alle EU-Staaten und regierende Fraktionen. Zu groß ist die Angst, dem Volk ein paar hunderttausend Arbeitslose mehr erklären zu müssen. Zu groß ist die Angst vor den Demagogen, den Radikalinskis, die in dem Fall bloß die Hand aufzuhalten brauchen, um abspenstige Wählerstimmen aufzufangen.

Bloß, der Fall ist längst eingetreten. Die Politik hat längst vor einer Wirtschaft kapituliert, die kreuz und quer über die Welt zieht auf der Suche nach einer immer noch fetteren Weide. Dass sie dabei verbrannte Erde hinterlässt, die Vergesellschaftung des Verlusts, ist allgemein bekannt. Denn die einfache Erkenntnis, dass jemand nur dann konsumieren kann, wenn er über ein gutes Einkommen verfügt, verlangt kein Wirtschaftsstudium. Bloß systemische Grundkenntnisse.

Ich weiß nicht genau, was künftige Generationen über die politische Realitätsflucht der aktuellen Pre-End-Situation sagen werden.

Es wird wohl keine gute Nachred’ sein.

 

Feuerwehrmänner und Brandstifter

„Bei Suchtmitteldelikten werden neunundneunzig Prozent von Nichtösterreichern begangen.“

Wer das über die heimische Drogendelinquenz sagt, ist nicht irgendwer, sondern Wolfgang Sobotka. Und er sagt das nicht als Privatmann in trauter Runde an einem Niederösterreichischen Stammtisch, sondern als Innenminister, als Regierungsmitglied.

Die Zahl hat nur einen Schönheitsfehler. Sie stimmt nicht.

Was Sobotka als Ressortchef wissen muss, wenn er auch nur einen flüchtigen Blick auf die tatsächlichen Zahlen der Statistik wirft. Die weist einen Ausländeranteil von deutlich unter der Hälfte aus, quer über alle Zusammenhänge und Unschärfen. Folglich ist die Aussage nur als eines interpretierbar – als ausländerfeindliche Hetze. Ausländerfeindlich, weil Menschen mit nichtösterreichischer Staatsbürgerschaft unterstellt wird, für praktisch die komplette Drogendelinquenz in unserem Land verantwortlich zu sein. Hetze, weil Sobotka bewusst mit falschen Zahlen um sich wirft und damit ein Feindbild zementiert, an dem das rechte politische Spektrum seit Jahren mauert.

Was bedeutet das für die Glaubwürdigkeit der Regierung, die politische Kultur in diesem Land?

Zuerst einmal, dass der Innenminister nachweislich nicht die Wahrheit sagt. In einer seriösen Demokratie ist das ein Rücktrittsgrund.

Zum Zweiten sät Sobotka damit Hass und gefährdet den sozialen Frieden in Österreich. Es ist damit zu rechnen, dass vielerorts die neunundneunzig Prozent unreflektiert übernommen werden und damit Fremdenhass geschürt wird. In einem anderen Zusammenhang würde der Boulevard natürlich von einer Hasspredigt schreiben. Zurecht, der Mechanismus ist derselbe. Hier die Guten, dort die Bösen. Wo er schon einmal dabei war, Öl ins Feuer zu gießen, hat er auch gleich vorgeschlagen, die Mindestsicherung an gemeinnützige Arbeit zu knüpfen und sie Asyberechtigten erst nach einer fünfjährigen Wartefrist zuzugestehen. Das ist keine Zwangsarbeit, wie manche Kritiker meinen. Aber Brandstiften für Profis. Im Zusammenhang mit integrativen Maßnahmen käme einem Innenminister eher die Aufgabe eines Feuerwehrmanns zu.

Zum Dritten ist zu prüfen, ob mit der öffentlichen Pauschalierung von Nichtösterreichern im Zusammenhang mit Drogendelinquenz der §283 StGB der Verhetzung anwendbar ist.

Aller Wahrscheinlichkeit nach wird nichts davon eintreten.

Der Innenminister darf in einem Zeitungsinterview ungestraft haarsträubende Zahlen nennen, die geeignet sind, Stimmung gegen Ausländer im Allgemeinen und Asylberechtigte im Besondern zu schüren. Er kalkuliert zurecht mit einem Beißreflex bei breiten Gruppen der Bevölkerung. Wenn seinen Worten Taten folgen – was früher oder später geschehen wird-, wird er sich nicht verantwortlich fühlen.

Dass sein Sprecher hinterher eine Statistik aus dem Ärmel geschüttelt hat, laut der tatsächlich 99% aller Wiener Dealer, die nach einem neu geschaffenen Gesetz erwischt wurden, keine österreichische Staatsbürgerschaft besitzen, ändert nichts an der Optik. Es handelt sich übrigens in dem Fall um ein Gesetz, das umgesetzt wurde, indem die Wiener Exekutive die Presse einlud, dabei zuzusehen, wie entlang der U6 jeder gefilzt wurde, der nicht nordisch genug aussah. Jetzt braucht man Drogenhändlern keine Sympathie entgegenzubringen. Dasselbe gilt allerdings auch für die Praxis, mit der das Gesetz exekutiert wird.

Politische Kultur äußert sich nicht darin, dass der Innenminister von Prölls Gnaden panisch und mit Vollgas die FPÖ rechts am Pannenstreifen überholt. Sie würde sich darin äußern, sozial friedenssichernde Maßnahmenpakte zu schnüren, zu deeskalieren und über die Legislaturperiode hinaus zu denken. Doch dafür sind die Personaldecken in den Parteien, wie es scheint, zu dünn.

Unentschieden

„Na gut. Sagen wir unentschieden“ Monty Python, Die Ritter der Kokosnuss

Der Ausgang der Bundespräsidentenwahl könnte in Zahlen nicht undeutlicher sein. In der Sache lässt er an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Wir haben ein fundamentales Problem in Österreich. Ein Bildungsproblem. Und damit ein Chancen- und Verteilungsproblem.

Es ist nicht richtig, dass die Hälfte der Wähler als dumpfdeutschtümelnde Neonazis über einen Kamm zu scheren sind. Ja doch, es sind ihrer zahlreich darunter, und das ist dramatisch genug.

Doch die Empirie spricht eine deutliche Sprache. Der typische Blauwähler ist jung, männlich, ungebildet. Jung genug, um zu verstehen, dass seine Zukunft an einem seidenen Faden hängt – kein Job, eine vage Mindestpension und ein gesellschaftliches Korsett, aus dem es kein Entrinnen gibt. Männlich genug, um zu verstehen, dass die alten patriarchalen Rollenbilder im Mistkübel der Geschichte gelandet sind, weit und breit aber kein Ersatz bereitsteht, an dem sich ein moderner junger Mann ausrichten kann (und darf). Ungebildet genug, um gerade noch zu verstehen, dass es stets die Anderen sind, die ihn auf der Bildungsautobahn mit Höchstgeschwindigkeit überholen, weil Bildung eben (wieder) erblich ist in unserem Land.

A propos Land. Dort wohnt er, der Blauwähler, in einer strukturgeschwächten, wirtschaftlich und schulisch ausgedünnten Gegend, in der jedes Jahr zur Sommerzeit zwei, drei Züge aus dem Fahrplan der Regionalbahn gestrichen werden.

Dort erreicht ihn keine Stimme aus der Sozialdemokratie, kein Angebot der Grünen oder Christdemokraten. Zu dünn, zu aufgegeben ist das Land.

Es ist der Platz, wo Strache fischt. Dort, wo politische Bildung keinen Platz hat. Dort, wo ganz locker eine Wahl zum Bundespräsidenten mit einer Landtags- oder Nationalratswahl verquirlt werden kann. Und keiner merkt’s. Keiner fragt, ob eine Proteststimme bei solch einer Wahl nicht in Wirklichkeit eine Proteststimme gegen Österreich ist.

Kein Wunder. Die Regierung hat die Handlungsführerschaft verspielt. Sie erweckt auch bei genauerer Betrachtung den Eindruck, vor den Interessen der Finanzwirtschaft und denen globaler Wirtschaftsbetriebe in die Knie gegangen zu sein. Anders lässt sich ihr Handeln nicht erklären. Den Bürgern verpflichtet, wären in den vergangenen Jahren massive Weichenstellungen geschehen. Angefangen von einer Transaktionssteuer, die die Spielerei auf den Börsen zu einer für den Staat lukrativen Angelegenheit machen über gezielte Förderungen für Klein- und Mittelbetriebe, Solidarabgaben für die reichsten fünf Prozent des Landes, die Aufhebung der Gruppenbesteuerung und andere mächtige wirtschaftspolitische Lenkungsinterventionen bis hin zu einer Bildungsoffensive, die sich nicht nur in Strukturkosmetik erschöpft, sondern eine umfassende Anhebung der Volksbildung anpeilt.

Was geschieht, ist das Gegenteil. Die Bildung wird ausgeblutet, an ihre Stelle ist die Förderung von konzernkompatibler Ausbildung für viel zu wenige Menschen getreten, die Fachhochschulisierung Österreichs, die die Kluft zwischen Elite und Ungebildeten verbreitert und ihren Beitrag zu einem fatalen Mechanismus leistet – Privatisierung von Gewinnen, Verstaatlichung von Verlusten.

Das geht sich nicht aus.

Nicht, dass Strache Lösungen anbieten kann. Er und seine Parlamentsfraktion haben in den vergangenen Jahren alle wesentlichen Vorstöße zu sozialen Reformen im Nationalrat abgelehnt. Was er anbietet, sind Sündenböcke, die, auf die die jungen ungebildeten Männer vom Land herabschauen können. Flüchtlinge, Migranten, Muslime, Frauen, Kulturschaffende. Alles, was halbwegs fremd wirkt.

Das ist noch kein politisches Programm. Doch es verfängt bei all denen, die den leichten Weg gehen, wenn es darum geht, einen Verantwortlichen für die eigene Lebensmisere auszumachen. Der schwierige Weg wäre, sich dem eigenen Spiegelbild zu stellen. Doch das verlangt Bildung. Und dazu hat der Blauwähler keinen Zugang.

Ob Christian Kern in der Lage und willens ist, gegen die ständigen Drohgebärden einer globalen Wirtschaft den Regierungsauftrag zum Wohl des Volkes zu erfüllen oder nicht, wird zu sehen sein. Wenn ja, wird Strache mit seiner Politik der Sündenböcke in der politischen Bedeutungslosigkeit versinken. Wenn nein, ist der soziale Friede in unserem Land eine Bombe mit brennender Zündschnur.

Volksgruppenvertreter

Eigentümliches geschieht im Lande. Eine Präsidentschaftswahl steht an. Was an sich nicht sonderlich bemerkenswert wäre. Immerhin hatte der Urnengang, wenn es um den Bundespräsidenten ging, in den Jahrzehnten nach Waldheim das Spannungspotenzial eines Ländermatches Österreich gegen Andorra. Wählen, ein neues Gesicht abnicken. Das in der Folge nicht weiter auffiel. Nicht in der Realverfassung, nicht in der Tagespolitik. Ein freundlicher Grüßaugust.

Und jetzt? Österreich-Deutschland, Endrunde. Cordoba, damit das klar ist. Blau gegen den Rest. Wenn ein Wahlkampf je den martialischen Suffix verdient hat, dann dieser. Nach Waldheim – und auch davor – gab es einen roten Kandidaten und einen schwarzen. Dazwischen locker eingestreut Exoten, um die Demokratie einen Klecks bunter zu machen. Die Großparteien rasselten unterhaltsam mit dem Säbel, eine Pflichtübung. Das nahm keiner ernst. Warum auch? Der Präsident war und blieb ein schlafender Riese, dessen verfassungsgemäße Macht kopfschüttelnd bestaunt wurde.

Nicht mehr.

Beide Kandidaten der Stichwahlen, Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen, sind erstmals in der Wahlgeschichte um das höchste Amt im Staate ernsthaft in den Ring gestiegen und kündigen vollmundig an, was mit Österreich anzustellen sie alles imstande sind. Wer von ihnen welche Regierung ganz bestimmt angeloben würde und welche ganz bestimmt nicht. Sie dürfen das, wenigstens einer von ihnen, sobald er erst inauguriert ist. Der schlafende Riese reibt sich die Augen. Erwachen wird er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht. Nicht aus Unvermögen, sondern weil es innenpolitisch keinen schlanken Fuß macht. Und wenn doch? Es würde ihn keiner daran hindern.

Da ist kein Europa mehr, das noch vor 16 Jahren internationale Ächtung über ein Land verhängt hat, in dem ein rechtspopulistischer Jörg Haider in Regierungsnähe war. Kein Europa, das heute Staatschefs auch nur abmahnt, wenn sie diktatorische Kernkompetenzen wie die Aufhebung der Pressefreiheit pflegen.

Trotzdem wird sich keiner der Kandidaten über die ungeschriebene Konvention des Machtverzichts hinwegsetzen. Noch sind wir nicht soweit in Österreich.

Wir sind allerdings so weit, dass die Präsidentenwahl in eine Pseudo-Nationalratswahl umgedeutet wurde. Hofer ist nicht bloß der von der FPÖ aufgestellte Kandidat. Er ist, so er gewinnt, ein Präsident der FPÖ, ein Volksgruppenvertreter. Staatsoberhäupter sehen anders aus. Repräsentativer.

Während also auf der einen Seite eine zuvor kaum denkbare bunte Zweckallianz aus Bürgerlichen, Sozialdemokraten und Grünen bis hin zur weit Linken eine Wahlempfehlung für den Grünnahen, aber für dieses Amt halbwegs glaubhaft überparteilichen Van der Bellen abgibt, steht auf der anderen Seite Hofer, der aus seinem exklusiven Eintreten für die blaue Parteiklientel kein Hehl macht.

Das geht in Ordnung, wenn es sich um eine Nationalratswahl handeln würde. So geht Demokratie. Es handelt sich aber um keine Nationalratswahl, so geht Demokratie nicht. Ein bedauerlicher Fall von off-topic. Bedauerlich für die Demokratie, bedauerlich für Österreich, bedauerlich für jene, die nicht zwischen dem Bundespräsidenten und einem Parteiführer unterscheiden können. Noch bedauerlicher für die, die zwar in der Lage sind, diese doch sehr prinzipielle Unterscheidung zu treffen, denen diese Einsicht aber nichts nützt. Nicht, wenn dem gegenüber eine wachsende Masse steht, die blau wählt, um es ihnen zu zeigen. Ihnen. Wem? In dem Fall: den Österreichern. Dem Volk, wem sonst? Dem scheidenden Präsidenten Heinz Fischer brauchen sie nichts zu zeigen. Der scheidet ganz von allein, kraft der Verfassung. Den Herrschenden, der Regierung? Themaverfehlung. Das kommt erst in zwei Jahren dran.

Was also ist das Mandat, das Hofer von seinen Wählern bekommt? Staatsputsch mit anschließender Präsidialregierung? Was, wenn man einen FPÖ-Wähler fragen würde, ob er seinen Anteil dazu beitragen möchte, um eine Doublette von Putin oder Erdogan an der Macht zu haben, mit allen demokratiedefizitären Implikationen?

Was wir dieser Tage erleben, ist in dieser Dimension noch nie dagewesener parteipolitischer Missbrauch an einem Amt, das gedacht war, als Staatsnotariat (©Klestil) die Interessen des Volkes zu vertreten. Und nicht bloß die einer Volksgruppe, die da was verwechselt.

Stefan Peters

Der diskrete Charme der Vorstadt. Eine Erkundung.

  26.2.2013

„Zweite Kassa, bitte!“ „Es gibt kaa zweite Kassa. Und es wird sicher kaa zweite Kassa gebn. I arbeit do, sehns eh, wir’ I ned aa no kassiern.“ Zielpunkt Breitensee. Servicezone.

Wir sind in der Vorstadt. Dort, wo Wien ins Halbländliche ausfranst, wo im Sommer zwischen Katzenkopfpflaster der Löwenzahn wächst und hinter Bretterzäunen die letzten Gstettnbiotope mit Bauträgergesellschaften Versteckerl spielen.

Wir sind dort, wo als dresscode Trainingsanzug angesagt ist. Was trainieren die alle? Am Sonntag in der Früh. Beim Zeitungsfladern. Ist das eine Art Fluchtmontur, für den Fall, dass? Oder ist das bloß der Morgenmantel des kleinen Mannes?

Wien ist nirgendwo wienerischer als in der Vorstadt, dieser Trutzburg gegen urbane Hipness und internationale Shoppingschablonen. Hier verbindet die volksnahe Frau an der Billa-Kasse Geldeintreiberei mit Entertainment.

„Da, hams a Los.“

„Aber…“

„Was is? Ja oder ja? Nehmen’s es, g’hert scho ihnan. Reißen’s es auf oder haun’s es daune. Mir wurscht. Wiederschaun.“ Verhaltene allgemeine Belustigung die Warteschlange entlang.

Die Vorstadt. Das ist eine gewundene Allee von Watschenbäumen. An ihnen zu rütteln ist einfacher als es nicht zu tun. In Zeiten, wo einem selbst auf Ämtern der Eindruck vermittelt wird, Kunde zu sein statt Petent, blühen hier in den Außenposten der Metropole die letzten Wildkräuter solid verwurzelter Obrigkeit. Da herrscht der Wirtn in der Gaststätte zum goldenen Feitl mit einer Machtfülle, die Ludwig den 14. wie einen Demokraten aussehen lässt. Da warten Buschauffeure mit der Abfahrt aus der Station, bis der Finger des Leider-Nein-Fahrgastes nur noch wenige Zentimeter vom Türknopf entfernt ist. Von außen gesehen, versteht sich und vorausgesetzt, die Jahreszeit ist danach.

Ist danach, das heißt: Kalt, feucht, windig, wie es nur in der Vorstadt kalt, feucht, windig sein kann. Dort, wo sich das, was so vom Wienerwald aus dem Westen hereingeblasen wird, an den ersten Häusern bricht und die Menschen, die dort wohnen, abhärtet.

Dort, in der Vorstadt, wo die Milchschokolade ständig ausverkauft ist und nur noch das Edelherbe in den Regalen, dort ist wenig Zeit für Umwege. Dort ist ein Häuslschmäh ein Häuslschmäh und kein einzigartiges Verkaufsargument. Dort herrscht Dralon statt Kaschmir, unten akzentuiert von weißen Tennissocken im braunen Schlüpfer, oben vom massiven Goldketterl im wuchernden Brusthaar.

Vorstadt, das ist auch der alte Mann im kackbraunen Schwarzkapplermantel, auf dem Kopf ein ins Formlose zerfließendes Ungetüm von schwarzer Wollhaube, vornüber gebeugt und hinter sich ein Rollwagerl herziehend. An einer Ecke bleibt er stehen, nimmt die vis à vis gelegene Pharmazie ins Visier. Anklagend erhebt er die Faust, deklamiert „Wann I siech a Apothekn, muass I aa so verreckn!“ Als ich ihm im Vorübergehen freundlich zunicke, reißt sich der Emile Zola von Penzing die Haube vom Kopf und wünscht mir ein gutes neues Jahr. Ich erwidere den Gruß und strebe dem Fluss zu, der die Bezirke trennt. Und die Lebenswelten.

Drüben, auf der anderen Seite, im Dreizehnten, tritt der Kaffeehausober an meinen Tisch: „Noch a Melange, Herr Doktor?“ Woanders promovieren sie am Standesamt, hier reicht es aus, ein Buch richtigherum in der Hand halten zu können. Aber das ist auch nicht mehr Vorstadt. Das ist Cottege. Genauso weit draußen. Aber nicht aus Not, sondern aus Justament.

Die Vorstadt, das ist eine Zeitreise mit der Vorortelinie, dem ungeliebten Stiefkind der Verkehrsbetriebe. Eine Gebirgsbahn übrigens, offiziell, wer’s wissen will. Gemeinsam mit den Stadtbahnen gebaut, in Teilen dann wieder abgerissen. Irgendwann einmal wiederbelebt, klappert sie heute die entrischen Gründe ab. Die durchmischten, durchwachsenen Ränder zwischen sehr fein und sehr unfein, zwischen Penzing und Döbling und niemals das Zentrum auch nur streifend.

In Ottakring, an sich ein prädestinierter Austragungsort für die nächste Gnackwatschenolympiade, sitze ich mit meinem Kind auf dem Schoß in einem der rar gewordenen Vorstadtkaffeehäuser. Einem der Wenigen, das noch nicht eine Umwidmung im Dienste der Glücksspielindustrie erfahren hat. Das Kind zezt an seiner Frittatensuppe. Im Vorbeieilen lässt der Ober eine pädagogische Intervention fallen: „Iss dei Suppn, hearst.“ Und eilt weiter. Schnörkellos. Von Herzen.

Es sind diese und andere Blitzlichter des Suburbanen, die eine ganze Nation in ihren Bann ziehen. Die Deutschen sind’s. Die den „Weana Schmäh“ zwar nicht verstehen, seinen onomatopoetischen Gehalt aber trotzdem zu würdigen wissen. Ein früherer Bekannter von mir verlangte einmal in einem Geschäft eine „Tüte“. Er kam aus der Gegend von Düsseldorf, das Geschäft kam aus der Gegend von Rudolfsheim-Fünfhaus. Eine Viertelstunde später verließ er den Laden, nachdem er von der Verkäuferin gezwungen worden war, das Wort „Sackerl“ zu lernen, andernfalls ihm die Herausgabe einer Tragetasche verweigert worden wäre.

Die Vorstadt, das ist Arrangement mit dem Faktischen, was oftmals auf eine Lektion in Sachen Demut hinausläuft. Das Währinger Nachtcafé beispielsweise, in dem die Kellnerin dringend davon abrät, Kaffee zu ordern. Sie wird schon wissen, warum und meint’s ja nur gut. In Gläsern wird aus hygienischen Gründen nur Hochprozentiges serviert, Bier und Cola kommen in der Flasche. Ich sitze mit einer Freundin zwischen Restposten eines Fortgeh-Abends und höre mir eine fein ziselierte Verschwörungstheorie an. Irgendwas mit EU. Um uns herum eine Klangwolke aus Revolution, Selbstmitleid und Lou Reed. Ein Mann steht auf, erringt mühsam das Gleichgewicht, breitet die Arme aus, brüllt „I kenn ois vom Lou Reed!“ und ergibt sich der Schwerkraft.

Und immer wieder, beim Spazierengehen durch die hügeligen Straßenzüge, in denen sich die Greißlereien und Schneidereien und auch die kleinen Handwerkerbetriebe in den Hinterhöfen längst zum Sterben hingelegt haben – immer wieder passiert etwas sehr Unstädtisches, passiert ein Gespräch mit Fremden.

In Gersthof, dort, wo die Vorortelinie wieder einmal im Tunnel verschwindet, in einer schmalen Gasse gleich neben der Bahn, einer schmalen Gasse, die in eine Treppe mündet, dort grüßen sich die Leute. Grüßen sich wie am Land. Bleiben auf einem Treppenabsatz stehen, wo ein freundlicher Verwaltungsbeamter ein Bankerl aufgestellt hat. Zum Miteinanderreden.

In der Vorstadt, da ist die Zeit verdünnt, verwässert, quasi aufg’spritzt. Und ein G’spritzter – ein G’spritzter geht immer noch.

Stefan Peters

Die Wirtschaft

3.2.2013

Die Wirtschaft. Das ist eine Ansage, hier bei uns. In Österreich, also. Eine Kampfansage, ein Nudelsieb, das die Guten durchlässt mit einem Passierschein von der Zentralen Kompetenzvergabestelle. Und die Anderen mit einem herzhaften „It’s the economy, stupid!“ wegweist von den Fleischtöpfen von Ansehen, Macht und Kontostand, denen sie irrig entgegen strebten.

Der oder die kommt aus der Wirtschaft – ehrfürchtig vorgebrachtes Mantra, das Oben von Unten, Leistungsträger von Leistungsbezieher scheidet und Generalabsolution für noch den bizarrsten Jahresbonus ist.

Wirtschaft, da ist Mucke drin. Eine wundertätige Managementkaste, weit gehend unberührt von den Niederungen des Alltags, der Politik oder gar der Justiz. Weit gehend unberührbar, Zahlenzauberer, über die die Wirtschaftspresse am Bauch liegend zu schreiben pflegt.

Bilder von Patriarchen, die mit eiserner Hand und barockem Gepränge die Zügel der Quadriga in der Hand halten und unbotmäßige Fragen als Akte von Häresie ahnden. Bilder von schneidigen Sanierern, die mit genagelten Schuhen und designed wehenden Rockschößen ein Unternehmen betreten, worauf drinnen eine Stampede ausbricht und eine Herde von downgesizedem Management nach goldenem Händegeschüttel auf ebenso genageltem Schuhwerk hinausgaloppiert. Nur mit etwas höher wenden Rockschößen.

Bilder von Meetings, in denen Rechts-, Links- und Geheimnisträger sich im Glanze ihrer Bedeutsamkeit für den Fortbestand des shareholder value sonnen.

Denn sie kommen aus der Wirtschaft.

In Österreich, immer noch einem der reichsten Länder der Welt, gilt der selbe Trend wie in den meisten vergleichbaren Staaten: Stagnierende oder sinkende Einkommen treffen auf explodierende Unternehmensgewinne. Was logisch ist. Das Eine bedingt das Andere.

Dass wir es hier nicht mit linearen Entwicklungen zu tun haben, dass kontinuierliches Wirtschaftswachstum um eine bestimmte Prozentzahl eine Exponentialfunktion ist; das kann jeder Gymnasiast ausrechnen. Das Ergebnis, erinnern wir uns, ist eine Kurve, die hurtig und immer steiler der Unendlichkeit entgegenstrebt. Geht sich nicht aus. Wissen wir. Wie kommt es, dass wir trotzdem so tun als ob? Als ob die Wirtschaft wüsste, was sie tut. Als ob es da einen Menschenschlag gäbe, der kraft Privatoffenbarung und agglomeriert hinter einer Milchglasscheibe mit betriebs- und volkswirtschaftlichen Grundlagen Schlitten fährt.

Betriebswirtschaftliche Entscheidungen und Geldflüsse versprühen derzeit eine Art südamerikanisches Flair. Entsprechen dem guten alten „Take the money and run“-Spiel. Nachdem die schneidigen Sanierer die für sie vermutlich ausgesprochen erheiternde Erfahrung gemacht haben, dass kürzestfristige Unternehmensgewinne durch Einsparung von Personal und Abgabenleistung zwar der Volkswirtschaft schaden, aber ihrem Kontostand nützen und praktischerweise ansonsten für sie folgenlos bleiben, hat sich dieses rechnerisch unbrauchbare Konzept durchgesetzt.

Jeder Wirtschaftsstudent im ersten Semester weiß auswendig, dass sinkende Einkommen sinkende Kaufkraft erzeugen, die wiederum sinkenden Konsum und damit sinkende Unternehmensgewinne nach sich ziehen. So weit, so selbstverständlich. Das Originelle daran ist, dass man’s nicht gleich merkt. Dass diese Einkommensbezieher eine gewisse Zeitlang in eine Reihe von Transferleistungstöpfen und Versicherungen eingezahlt hat, die für einen Verzögerungseffekt sorgen. Bis jemand hergeht und fragt, wo das viele schöne Geld hingegangen ist, vergeht genug Zeit, um im Anlassfall eine anonyme Krise auszurufen, an der niemand so richtig Schuld trägt.

So eine Krise ist ja quasi eine Himmelsmacht, so ein schicksalshaftes Nebelfeld, in dem Freund und Feind die Konturen verlieren, eine force majeure mit eingebauter Solidarhaftung.

Moderat steigende Unternehmensgewinne mit spürbar steigenden Gehältern zu koppeln, das Prinzip Nachhaltigkeit in der Betriebswirtschaft; das wirkt altbacken, sehr old school.

Spürbar ist jetzt schon, dass mangels breit gestreuter Kaufkraft der private Konsum schwächelt. Das ist bei der oben skizzierten Art des Wirtschaftens normal und war abseh- und errechenbar. Das Luxussegment profitiert erwartbarer Weise von Bonus, Prämie und anderer mehr oder minder legaler Abschöpfung von Gewinnen, der Diskontbereich am anderen Ende des Konsumspektrums tut das Selbe. Die Mitte verschwindet. Nichts, worüber sich jemand wundern müsste.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Bandbreite der Reaktionen im Managementbereich. Sie vollzieht die selbe Entwicklung, verliert die Mitte und teilt sich auf zwei sehr konträre Schulen auf.

Der einen Schule begegnen wir auf den Wirtschaftsseiten, einer Art Unternehmensführung mit zunehmend menschlichem Antlitz, der Fraktion, die schon zum Frühstück herzhaft Kreide nascht. Das sind die kooperativ Führenden, die, die Mitarbeiterbefragungen durchführen. Durchführen lassen, selbstverständlich. Die wissen, dass dieses Instrument, korrekt von externer Seite durchgeführt und verwertet, Mitarbeiterzufriedenheit und damit satte Gewinne bringt. Das sind die, die wissen, dass Leistung, die gesehen und belohnt wird, fast unausweichlich zu mehr Leistung führt.

Und auf der anderen Seite? Da steht, eine Art neosowjetischer Jack-in-the-box: Lenin. Sagt „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“.

Stefan Peters

Volksantwort

20.1.2013

Wehrpflicht oder Berufsheer – Pest oder Cholera. In Österreich versteht man, die richtigen Fragen zu stellen.

Die Regierung hat gefragt und auch ich habe geantwortet. Weil Demokratie. Ich meine, sie hätten ja auch nicht fragen brauchen. Trotz Demokratie. Da ist mir Ersteres schon lieber. Obwohl – na gut, es heißt ja, es gibt keine blöden Fragen, nur blöde Antworten. Und es gibt Ausnahmen.

Jetzt könnte man sagen, die ganze Frage war ein bisserl, wie soll ich sagen, in ihrer Fragehaftigkeit zweifelhaft. Weil, wenn die Regierung sagt, wir machen eine Volksbefragung und wir halten uns an das, was das Volk antwortet, dann wär’s, technisch gesehen, eine Volksabstimmung. Warum nicht gleich, warum die kleine Schwester der Abstimmung? Das nährt den Verdacht, dass sich die Regierung die Antwort des Volkes hernimmt, kurz einmal anschaut und dann sagt: „Na, da ham sich aber Einige ganz schön geirrt beim Kreuzerlmachen.“ Und dann – nix.

Was war die Frage? Wehr- und Zivildienstpflicht oder Berufsheer? Frucade oder Eierlikör? Was wollt ihr denn, Volk? Maoam war keine Option. Schade auch. Ansonsten ist die Befragung landesüblich, also österreichüblich abgelaufen. Bereits im Vorfeld war klar, dass es hier um eine getarnte Nationalratswahl geht. Heißt: Thema nein, Parteienpräferenz, ja. Wer sonst SPÖ oder die Grünen wählt und nicht gerade zufällig Burgstaller heißt, soll gefälligst bei „Berufsheer“ ankreuzen, der Rest bei „Wehrpflicht“.

Was das Pflichtprogramm betrifft, bin ich ja umfassend feldkompetent. Ich habe in einem der zahlreichen meine Wohnung besiedelnden Ladln zweierlei Blech auf Halde: Hundemarke und Zivibletschn. Wobei meine Karriere beim Heer eher überschaubar blieb. Einrücken, Ausfassen von Wehrdienstbuch und Marke, Besteck und Reindl, anschließende Feststellung der vorübergehenden Untauglichkeit und Abgabe von Essenswerkzeug nahmen gerade einmal zwei Stunden in Anspruch. Exakt einen Monat vor dem Einberufungstermin, den mir ein befreundeter Major noch im Maturajahr verschafft hatte, war mir und dem Motorrad meines Vaters ein massiver Betonmast im Weg gestanden. Was bei jugendlich flotten siebzig Stundenkilometern im Ortsgebiet in Verbindung mit einer immer enger werdenden Kurve mit insgesamt Totalschaden und einer nennenswerten Anzahl von Knochenbrüchen bilanzierte. Die einen Monat später logischerweise nicht ausgeheilt waren – und dazu führten, dass ich meinen Grundwehrdienst mit Krücken antrat.

Der Militärarzt, der mich vorläufig aus dem Dienst entließ, gab mir den Rat mit auf den Weg, einen Arzt zu finden, der mich mit untauglichkeitsrelevanten Attesten ausstatten sollte. Dummerweise kam dann die Generation Pillenknick daher und meine an sich schauspielerisch tadellosen Darbietungen bei der Nachmusterung verpufften wirkungslos.

Knapp neun Jahre danach half auch die regelmäßige Zusendung von Inskriptionsbestätigungen ans Ergänzungskommando nichts mehr. Sie wollten mich. Was nicht auf Gegenliebe meinerseits stieß. Sie bekamen statt dessen einen etwa fünfzehnseitigen Brief, in dem ich meine Gewissensgründe gegen den Dienst an der Waffe und pro Zivildienst schilderte. Mein Kalkül, dass niemand Lust haben würde, das Konvolut zu lesen und man mich einfach durchwinken würde, ging auf. Ich wurde zivildienstpflichtig.

Nachdem ich als bekennender Nähephobiker sicherstellen wollte, dass ich nicht im Behindertenbereich eingeteilt werden würde, ging ich zur Zivildienststelle des Innenministeriums und ließ mich, passend zu meinem Pädagogikstudium, als Verkehrserzieher im Schulwesen zuteilen. Der Zuteilungsbescheid, der einige Wochen später ins Haus flatterte, lautete auf den Dienst in einer Behinderteneinrichtung und löste bei mir eine mittlere Staatsparanoia aus. Ein paar Wochen und intensive, aber fruchtlose Korrespondenz mit dem Ministerium später trat ich an, begann einen Monat später als Haufen Elend verkleidet eine die elfmonatige Dienstzeit flankierende Psychotherapie und tat im Übrigen wie üblich so ziemlich alles, wozu Zivildiener nicht herangezogen werden dürfen. Auch das ist verjährt, genauso wie der Siebziger im Ortsgebiet.

Während also die Gleichaltrigen beim Bundesheer lediglich lernten, dass Leerlauf der wichtigste Gang ist, wurden uns Zivildienern regelmäßige Jointbauworkshops zuteil. Was, weil Handwerkstechnik, auch die auffallend längere Dienstzeit im Vergleich zu den Grundwehrdienern erklärt.

In Verbindung mit der Tatsache, dass ich zwei Söhne habe, die ja auch irgendwann einmal achtzehn werden, kann meine Antwort bei der Volksbefragung nur zwingend ein Votum zum Berufsheer sein. Kann. Ist aber nicht.

Nein, ich komm jetzt nicht mit dem Generalargument daher, das meine Kriegsgenerations-Eltern für Militär, Schulsystem, Rustikalpädagogik und Zwangstaufe von Kleinkindern locker aus dem Ärmel schütteln: „Na, hat’s dir geschadet?“ Ja doch, schau mich an. Es hat.

Sondern. Was ist, wenn Berufsheer? Neigungsgruppe Schießprügel? Letzter Zufluchtsort für Erwachsene, die immer noch gern angesagt bekommen, wann sie Lulu gehen dürfen? Spezialisten, die in einer gemeinsamen EU-Sicherheits- und Verteidigungspolitik mit anderen Spezialisten friedensschaffende Einsätze oder euphemismusbefreit: Krieg veranstalten? Die österreichische Neutralität ist schon seit den Petersberg-Aufgaben und der anschließenden Neudefinition durch Wolfgang Schüssel zersiebt wie ein rurales Verkehrsschild, an dem die ortsansässige Landjugend Zielschießen zu üben pflegt. Noch mehr Verwässerung, und wir reden von Homöopathie.

Dann wäre da noch der Zivildienst. Der soll ja im Fall ersetzt werden. Durch ein Soziales Jahr. Mit einer Bezahlung, die aufgrund ihrer wahrscheinlich symbolisch gemeinten Höhe ein Abschreckungspotenzial besitzt, von dem das Bundesheer nicht einmal zu träumen wagt. Die Botschaft ist jedenfall deutlich: Das ist ein Sozialjob, kein richtiger Beruf. Frauenarbeit, wie man sagt. Wenn sich da jemand meldet, wer wird das sein? Wie viele davon sind Männer? Was heißt das für die gendermäßige Ausgewogenheit im Sozialbereich? Danke, Regierung, für so viel Klarheit. Ich glaube bloß nicht daran.

Ich glaube, dass ein österreichisches Bundesheer, das nur zum Teil aus Freiwilligen besteht, die kritische Masse an das System korrigierender Subversion in sich trägt, um demokratiepolitisch vertretbar zu sein. Ich glaube nicht an 15.000 Freiwillige, die sich den Luxus leisten, ein Soziales Jahr lang einen Nasenrammel zu verdienen.

Und deshalb bitte ich vorsichtshalber meine Söhne gleich jetzt um Entschuldigung. Liebe Kinder, ihr werdet in etlichen Jahren in Unterhosen stundenlang auf kleschkalten Plastiksesseln herumsitzen und darauf warten, dass euch ein Militärpsychologe fragt, warum ihr beim Psychotest „Ich fühle mich verfolgt“ angekreuzt habt. Ein Tipp an euch: meine Antwort von damals, dass ich wissen wollte, was der Vogerldoktor dann fragen wird, kam nicht so gut. Lasst euch was anderes einfallen. Die Ärztin, die mit Handschuhen in unseren Hintern wühlte, die Pritsche, auf der ich nach der Blutabnahme wieder aufwachte, der uniformierte Sitzriese, der uns in einer Art Rumpelstilzchen-Karaoke vor den Folgen mangelnder Subordination warnte („I schick eich olle noch Vurarlberg!“); all das wird euch blühen. So oder so ähnlich.

Ich habe für die Beibehaltung der Wehrpflicht votiert. Im Zweifel. Aber doch.

Stefan Peters

Vurn

3.12.2012

Über die Herrschaftsansprüche des Greisenalters oder Warum Politik und Wirtschaft voneinander nichts lernen brauchen.

Vor rund fünfzehn Jahren habe ich einen alten Mann zu seinem männlichen Rollenverständnis interviewt. Was ich zu hören bekam, ließ an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig: „I bin a Patriarch. Wo I bin, is vurn.“

Armin Wolf hat kürzlich Frank Stronach interviewt. Es war ein Match. Nicht Simmering-Kapfenberg, sondern Demokratie-Absolutismus. „Ich bin die Wahrheit“, hat Stronach gesagt. Sauer, weil er nicht, wie seiner Meinung nach vereinbart, im Fernsehen eine vorbereitete Rede verlesen durfte, weigerte er sich, klar gestellte geschlossene Fragen Wolfs mit Ja oder Nein zu beantworten.

Dass sich Politiker generell mit Entscheidungsfragen schwer tun, ist bekannt. Aber der Hauch von Nordkorea, der hier über den Bildschirm wehte, ist eine neue Dimension der Verweigerung demokratischer Spielregeln.

Jetzt könnte man natürlich auf verständlichen Altersstarrsinn plädieren, auf den Gewöhnungseffekt eines Gerontokraten, der seit Jahrzehnten ansagt, wo „vurn“ ist. Es hat in Wirtschaftsbetrieben eine gewisse Sinnhaftigkeit, wenn da und dort einsame Entscheidungen gefällt werden. Immerhin steht dann auch eine einzelne Person vor Gericht, wenn diese Entscheidungen gegen bestimmte Spielregeln verstoßen. Das Prinzip der Demokratie hingegen – man möge Onkel Frank einen Grundkurs in Altgriechisch spendieren – ist ein anderes. Hat was mit „Volk“. Das sind mehrere. Sich von der FPÖ das demokratiedefizitäre Führerprinzip abschauen und von der Wirtschaft die Neigung des Quantifizierens um jeden Preis: das ist eben alles mögliche, bloß noch kein politisches Programm.

Während die Blauen noch das Feigenblatt der Klientelpolitik schwenken, verzichtet Stronach auf Kleinigkeiten wie die, dass politisches Wirken dem Volk in irgendeiner Weise frommen möge. Er gibt ungeniert den L. Ron Hubbard von Österreich, schreibt sich „Make money. Make more money.“ auf die Fahnen und, wenn er schon dabei ist, auch das Primat auf die „Wahrheit“. Was auch immer das jetzt sein möge. Wir werden es erfahren, wenn er die nächsten Wahlen gewonnen hat.

Über Heinz Fischer sagt man, dass er, wenn es um Abstimmungen im Nationalrat ging, stets gerade am Klo war. Für Stronach gilt sinngemäß das Selbe, für den Fall, dass im Laufe seiner Schulbildung jemals das Fach „Politische Bildung“ am Lehrplan gestanden sein sollte. Er kann nichts dafür, dass er mit Institutionen demokratischer Systeme – wir erinnern uns an sein unentspanntes Verhältnis zur Gewerkschaft – wenig am Hut hat. Betriebsräte, Pressefreiheit? Keine Ahnung. Er war grad am Klo.

Dort, wo er wirtschaftlich und wohl auch politisch herkommt, in Nordamerika, lenkt die Wirtschaft die Politik. Mother Green sagt ihren Kindern, wo’s langgeht. In Europa haben wir – noch – ein bisschen Grundkonsens darüber, dass die Politik als Werkzeug des Gemeinwohls über der Wirtschaft als Werkzeug des Unternehmensprofits stehen sollte. Das ist altmodisch. Das nivelliert. Gewinne. Und Verluste.

Frank Stronach hat auch das versucht, klar zu machen. Er hat die Schellenkappe aufgesetzt und den Magna-Konzern live zum quasi gemeinnützigen Verein erklärt. Frank, die Mutter Teresa der free enterprise. Der Heimat großer Sohn, der öffentlich auf das pfeift, wozu jedes Unternehmen auf der Welt ursächlich da ist: Maximierung des Profits.

Demokratische Politik und Wirtschaft haben unterschiedliche Ziele, unterschiedliche Mittel, brauchen unterschiedliche Talente. Wenn ein Wirtschaftstreibender der Politik Unfähigkeit vorwirft, dann meint er Unfähigkeit als Wirtschaftstreibender. Das ist, wie wenn ein Goldfisch ein Rotkehlchen für dessen mangelnde Schwimmkünste kritisiert. Frank Stronach ist dieser Goldfisch. Er bot uns bei Armin Wolf das bizarre Schauspiel eines Flugversuchs. Inclusive Senkrechtlandung.

Stefan Peters

Nachhaltigkeit

23.11.2012

Gibt so Wörter, die das ganze Elend der deutschen Sprache offenbaren. Kakophonie der Hauch- und Zischlaute. Sachen, die man besser ungesagt lässt. Jedenfalls, wenn vorher, am Mittagstisch, Knoblauch drin war. Eins davon, jetzt: Nachhaltigkeit.

Aha. Nachhaltigkeit. So ein Dings, ah, na, eh gut. Sollt man halt. Also, wir. Sollten. Was machen, was dann so ausschaut, dass wir von irgendwo irgendwas wegnehmen, aber nicht wirklich, weil wir’s in Wirklichkeit eh wieder zurückgeben. Und dann ist’s immer noch da. Genau so. Weil’s gut ist. Weil’s auch angesagt ist. Und weil wir angeblich alle was davon haben. Deswegen brauchen wir’s auch. Sag ma einmal.

Was genau nützt uns die ganze Nachhaltigkeit? Das Theater um erneuerbare Energien und Rohstoffe? Die ganze Verzichtssause? Wie wenn eine ganze Staatengemeinschaft – in dem Fall die EU – kollektiv konvertiert wäre. Konsumteufel entsagen, Überfluss raus, Calvin rein, Wasser drauf. Und Amen!

Sonst könnten wir uns, heißt’s, schon mal die Schwimmwesten anziehen. Weil Weltuntergang. Worin soll eigentlich die Welt untergehen? Da will irgendwie kein Bild auftauchen. Wenn eine Olive im geschüttelten Martini untergeht, OK. Das soll sie auch, das ist ihr Job. Aber die Welt? Geht sich nicht aus.

Was also, noch einmal, nützt uns die ganze Nachhaltigkeit? Ein gutes Gefühl, ist’s das? Herunterschauen auf den Ami, zum Beispiel. Die haben zu dem Thema ja bekanntlich den Zugang eines Schwellenlandes fernöstlichen Zuschnitts. Noch einmal Party und hinter uns die Sintflut. Ein paar Dinos in den Tank. Einer geht noch. Das US-Präsidentenauto braucht 29 Liter auf hundert Kilometer. Das ist eine Vorgabe, da braucht sich der Redneck im Outback keinen Kopf machen, wenn sein Pickup fossilen Fusel schlürft, dass im Tank nur so der Strudel kreist.

Was machen wir? Wir hocken sauertöpfisch in der alten Welt herum. Wir kaufen Elektroautos, die nach spätestens zwei Stunden mit leeren Batterien den Geist aufgeben. Wien – Linz. Nonstop, wenn’s gutgeht.

Da lacht der Chinese. Wie immer. Über uns, nämlich. Und der Venezolaner erst. Der macht sich in die Hose vor Heiterkeit. Den kostet eine Tankfüllung so viel wie eine Zigarette. Eine venezolanische, nix Importware. Die verbrät er dann im Fünflitertruck. Wir reden hier vom Hubraum, wohlgemerkt. Wenn der Venezolaner den Verbrauch einstellen lässt, amortisiert sich die Mechanikerstunde nach plusminus achtzehn Jahren. Geschenkt.

Und wir? Sparen auf einen Orden? Tun wir, ja doch. Denn wir retten daweil einmal die Welt. Nicht, dass uns jemand jetzt ausdrücklich darum gebeten hätte. Das ist denen in Ost und West sowas von am Arsch vorbei. Wir tun’s einfach. Weil: Someone’s got to do the dirty job. Da können wir ruhig schon einmal damit anfangen. Wir sind die Hausfrau, die sich ungefragt und unbedankt für die Mischpoche opfert, die Schneisen der Verwüstung anlegt und im Garten Party macht, während drinnen schmallippig gekehrt, gewischt und geräumt wird.

Aber. Guter Platz für ein Aber. Aber: Die Kinder werden’s uns einmal danken. Richtig. Einmal. Jetzt grad eher nicht. Kinder sind nicht sonderlich nachhaltigkeitskompatibel. Wollen alles. Sofort. Wie der Ami, der Chinese und alle anderen, die’s noch nicht kapiert haben, dass wir keine zweite Welt auf Leasingraten nehmen, bloß, weil der Aschenbecher voll ist. Oder die Fenster so dreckig sind, dass wir Tag und Nacht nimmer unterscheiden können. Wir stellen Propeller in die Landschaft, die uns blitzsauberen Strom machen. Wir verbieten Plastiksackern. Also, wir tun’s nicht wirklich, aber wenigstens reden wir drüber. Wir schmeißen unser Gerümpel nicht weg, sondern verklopfen’s auf willhaben. Wir spülen am Klo mit bestem Trinkwasser. Aber wenigstens mit schlechtem Gewissen. Bisweilen muss eben auch der Wille fürs Werk zählen. Wir schließen die Polkappen in unser Abendgebet ein. Und Holland. Nicht wegen der Amsterdamer Coffeeshops, sondern weil uns der Meeresspiegel am Herzen liegt. Echt. Ist Hanf eigentlich eine Wasserpflanze? Wenn ich eine Insel habe und das Wasser steigt, zahl ich dann weniger Grundsteuer?

Natürlich nützt uns die Nachhaltigkeit. Wenn die Polkappen dort bleiben, wo sie hinsollen (wissen sie das?), bleiben auch die Leute überall auf der Welt dort, wo sie hinsollen. Dort nämlich, wo sie schon sind. Wenn’s nämlich bei denen ungemütlich wird, packen sie ihre Koffer und gehen dorthin, wo’s gemütlicher ist. Beispielsweise zu uns. Die sind ja auch nicht blöd. Wirbelstürme, wahlweise Dürre oder Überschwemmungen, Ackerboden, der nichts mehr hergibt, Hitze und andere Zumutungen sind’s, die den Zeigefinger auf dem Globus früher oder später bei Europa einrasten lassen. Und dann wird kuschelig, hier in der alten Welt.

Wenn’s schon nichts anderes ist, dann sind’s wenigstens die niederen Instinkte, der „Boot ist voll“-Reflex, der die Nachhaltigkeit legitimiert. Der den ganzen unsexy Verzicht mit einer Schicht aus Zuckerguss versüßt. Nein, korrekt ist das nicht. Aber es wirkt.

Was nützt uns Nachhaltigkeit? Eben. Das.

Stefan Peters

Systemisches Denken und die Mär von der Planbarkeit

13.11.2012

Eine Vermutung, einmal so hingerotzt: Jeder Plan ist prinzipiell und immer zum Scheitern verurteilt. Warum? Ganz einfach: Es handelt sich dabei um einen linearen Ablauf mit monokausalen Wirkmustern. Je starrer, desto sicherer das Scheitern.

Ein Stratege hat einmal gesagt, dass der klügste Feldherr nicht an der Klugheit des Feindes scheitert, sondern an dessen Dummheit, die er nicht nachvollziehen und also auch nicht einberechnen kann. Weil der Eine in einer vom Anderen unterschiedlichen Welt lebt, misslingt der Plan. Und: nein, der Andere ist nicht dumm. Er ist anders und handelt folglich so, wie es seiner eigenen Klugheit entspricht, gleich, wie dumm jemand anderem das erscheinen mag. Tröstlich ist nur, dass die Annahme der Dummheit auf Gegenseitigkeit beruht.

Das ist der Kernpunkt Systemischen Denkens – die Annahme, dass wir mit der Welt um uns herum verzahnt sind wie eine Art Getriebe. Wie eine Art Getriebe jedoch, das keinen Regeln trivialer Wenn-Dann-Mechanik folgt, sondern einer Art Schöpfergeist, dem nur mit Mitteln der Chaostheorie auf den Leib zu rücken ist. Das Unabwägbare ist es, das Abläufe und Schicksale eines Systems in der (menschlichen) Natur steuert.

Dazu zwei Stichworte: Erstens die Autopoiese, zweitens die Entropie. Jedes System, sei es noch so sehr Sachzwängen verhaftet, strebt nach Selbststeuerung. Der Anspruch einer Lehrkraft, eine autopoietische, also selbststeuernde Schulklasse zu steuern, vermittelst aufgesetzter Regelwerke und unter Zuhilfenahme eines Wissenstrichters Schulwissen in die Kinder einzufüllen, ist zum Scheitern verdammt, notwendiger Weise. Wenn es die Lehrkraft schafft, etwa durch Beispielwirkung zur Neugier anzuregen, dann kommt Leben in die Bude. Dann steuert das System Klasse weitgehend und selbstständig in Richtung Lernziel. Ein Ziel, dass die Kinder dann, und nur dann, mit der Lehrkraft gemeinsam haben.

Die Entropie im Systemischen Kontext besagt vereinfacht, dass jedes System ganz automatisch und von selbst auf einen Zustand maximaler Unordnung hinsteuert. Wer mit Kindern in einem gemeinsamen Haushalt lebt, kennt das Ergebnis. Doch nicht einmal auf die totale Unordnung können wir uns verlassen. Mitunter entstehen so Zustände von beängstigender Ordnung. Die Physik nennt das Resonanzfall, die Nichtphysiker dürfen Zufall sagen. Die Summe des Unwägbaren ergibt auf diese Weise Rotorturbulenzen, die einen schweren Jet umschmeißen und freak waves, die einen Öltanker auf Grund setzen können.

Als der Hund von Pawlow endlich draufkam, dass er nur sabbern musste, um den Typen dazu zu zwingen, ein Glöckchen zu läuten (vergessen wir das mit dem zeitlichen Ursache-Wirkungs-Ablauf und denken einfach an das Doppelspaltexperiment), war das für ihn ein erhebender Moment barocker Machtfülle.

Pläne, die die vollkommene Unberechenbarkeit aller daran unmittelbar und mittelbar Beteiligten außer Acht lassen, können also nichts als scheitern. Fakten, die heute als unumstößlich gesichert gelten, stellen sich morgen als lebensgefährlicher Schwachsinn heraus. Entscheidungen, die gestern getroffen wurden, sind heute verhängnisvoll. Na und? Die Erde hat sich gedreht und wir sind nicht mehr die Selben. Der Plan von gestern taugt heute nicht mehr, kann es nicht, weil er von veralteten Voraussetzungen ausgegangen ist.

Was bleibt, sind Ziele. Das Lernziel des Systems Schulklasse, das Profitziel des Systems Unternehmen, das Liebesziel oder wenigstens Versorgungsziel des Systems Familie. Das Erreichen oder Verfehlen eines systemgemeinsamen Ziels könnte in erster Linie davon abhängen, wie weit Autopoiese gefördert, Neugier geschürt, Respekt vor der Welt des Andern gelebt und Kommunikation gepflegt wird, wieviel Entropie als die Möglichkeiten erweiternder Systemprozess zugelassen wird. Auf diese Weise wird allen Beteiligten Beweglichkeit zugestanden, werden mit vollen Händen Schlüssel und wohl auch genug Generaldietriche verteilt, die garantiert vorkommende Probleme lösen können.

Wir können Eventualitäten nicht vorhersehen, auch nicht, wenn wir so tun als ob. Wir können möglichst entspannt gut mit ihnen leben.

Stefan Peters

Die Welt ein bisschen runder machen